Gegen das SchweigenSchicksal Sternenkind: Eine Roßlauerin kämpft gegen das Tabu-Thema des frühen Kindstodes

Tina Henze hat ihr ungeborenes Kind verloren. Welche Erfahrungen sie und ihr Mann als früh verwaiste Eltern gemacht haben - und warum sie sich für dieses Thema auch politisch engagiert.

Von Sylke Kaufhold Aktualisiert: 01.03.2022, 11:47
Ein Erinnerungsbuch erinnert an das Sternenkind von Tina Henze und ihrer Familie.
Ein Erinnerungsbuch erinnert an das Sternenkind von Tina Henze und ihrer Familie. (Foto: Kaufhold)

Dessau/MZ - Alinas Schwester wohnt im Himmel. Das weiß die Zweieinhalbjährige von ihren Eltern. Gesehen hat Alina ihre ältere Schwester Amelie noch nie. Denn Amelie ist ein Sternenkind.

Als ihre Mutti Tina Henze mit ihr im achten Monat schwanger war, starb das Mädchen am plötzlichen Kindstod. Ein Schock für die ganze Familie.

Leider seien „Sternenkinder“ noch immer mit einem großen Tabu behaftet

Heute kann die 34-Jährige über die Geschehnisse im Januar 2018 sprechen. Findet das auch sehr wichtig. Leider seien „Sternenkinder“ - also Kinder, die während der Schwangerschaft, kurz vor oder kurz nach der Geburt gestorben sind - noch immer mit einem großen Tabu behaftet, hat sie erfahren. Viele Betroffene versuchen durch ihr eigenes Schweigen, das Geschehene ungeschehen zu machen. Mitmenschen fällt es schwer damit umzugehen. Sie tendieren dazu, das Thema „schnell abzuhaken“ und zur Normalität zurückzukehren. „Das funktioniert aber nicht, denn auch früh verwaiste Eltern haben ein Kind verloren, um das sie trauern“, weiß Tina Henze aus dem eigenen Erleben.

Und sie weiß, wie wichtig es für die Trauerbewältigung ist, darüber zu reden. Geeignete Gesprächspartner zu finden - außerhalb der ebenfalls betroffenen Familie - dafür musste Tina Henze 2018 bis nach Magdeburg fahren. Dort gab es eine Selbsthilfegruppe Verwaiste Eltern.

Die junge Roßlauerin gründete im März 2020 die Selbsthilfegruppe Sternenkinder Dessau

„Die haben mich sehr nett aufgenommen, aber die Themen, die sie bewegten, waren andere als meine, da ich zum Beispiel keine Erlebnisse mit meiner Tochter habe.“ Ihr wurde klar, für die Eltern von „Sternenkindern“ gibt es keinerlei Hilfe. „Und in mir reifte der Entschluss, solch ein Angebot zu schaffen.“ Auch die Schwangerschaft und Geburt der kleinen Alina, die im Juni 2019 zur Welt kam, verdrängte dies nicht. „Es hat mich nie losgelassen“, erzählt Tina Henze.

Die junge Roßlauerin machte Nägel mit Köpfen und gründete im März 2020 unter dem Dach der ASG Dessau die Selbsthilfegruppe Sternenkinder Dessau. Corona vereitelte zunächst persönliche Treffen. Im Juni fanden sich betroffene Eltern das erste Mal im Shia-Familienzentrum zusammen - und treffen sich seitdem jeden vierten Donnerstag im Monat um 18 Uhr. Derzeit kommen acht betroffene Eltern.

„Ich wollte auch praktische Akuthilfe und Hilfe bei der Trauerbewältigung anbieten“

Tina Henze aber wollte mehr als dieses Gesprächsangebot. „Ich wollte auch praktische Akuthilfe und Hilfe bei der Trauerbewältigung anbieten“, sagt sie. Denn neben dem Schicksalsschlag, mit dem man fertig werden muss, gebe es viele praktische Fragen mit denen die Betroffenen alleine sind. Die 34-Jährige absolvierte deshalb eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und bietet den Eltern eine Akutbegleitung an.

Damit nicht genug, sind die Sternenkinder Dessau auch dem deutschlandweiten Netzwerk „Runder Tisch Sternenkinder Deutschland“ beigetreten, der sich im März 2021 gegründet hat. Die bundesweite Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Tabu um die Sternenkinder zu brechen und die Gesellschaft zu sensibilisieren. Rund 30 Vereine und Organisationen sind dabei. Mit Veronika Olejnicki hat Henze in der Dessauer Gruppe seit Dezember eine tatkräftige Unterstützung.

Kampf um Mutterschutz nach der Geburt eines Sternenkindes

Als erstes gemeinsame Projekt steht beim Runden Tisch eine Gesetzesänderung auf dem Plan. Zurzeit steht Frauen nach Fehlgeburten, also Geburten bei denen Babys keine Lebensmerkmale gezeigt haben, deren Gewicht weniger als 500 Gramm betrug, und die Geburt vor der 24. Schwangerschaftswoche erfolgte, kein Mutterschutz zu. „Die Frauen müssten rein theoretisch am nächsten Tag wieder arbeiten oder um eine Krankschreibung bitten. Das ist nicht zumutbar und es kann auch nicht Gutwill des Arztes sein zu entscheiden, ob die Frau arbeitsfähig ist“, erklärt Tina Henze. Vielmehr wäre ein gestaffelter Mutterschutz für Frauen nach Fehlgeburten angemessen, der ihnen Zeit gibt, das Erlebte zu verarbeiten und ihnen einen Schutz bietet, der ihnen zusteht. „Egal, ob eine Fehlgeburt im frühen Schwangerschaftsstadium oder eine stille Geburt, beides ist für die Mutter eine unheimliche psychische Belastung “, weiß Henze. „Das ist nicht am nächsten Tag vorbei und vergessen.“

Bei Tina Henze wird Amelie als ihre älteste Tochter immer einen Platz in der Familie haben. Und für Alina ist sie die große Schwester, die vom Sternenhimmel zuschaut, was sie so macht.

Kontakt und Infos unter www.sternenkinder-dessau.de oder bei Tina Henze, Tel. 034901/341242.