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Potsdamer Professorin Grażyna Jurewicz von der Dessauer Moses-Mendelssohn-Stiftung geehrt

Die Potsdamer Professorin Grażyna Jurewicz hat als sechste Preisträgerin den Preis der Dessauer Moses-Mendelssohn-Stiftung erhalten.

Von Roland H. Dippel 08.03.2022, 10:55
Im Rahmen des Kurt-Weill-Festes wurde der Moses-Mendelssohn-Preis vergeben. Preisträgerin ist Prof. Dr. Grazyna Jurewicz, ihr gartulieren  Laudator Prof. Dr. Cord-Friedrich Berghahn (l.) und Dessaus OB Robert Reck.
Im Rahmen des Kurt-Weill-Festes wurde der Moses-Mendelssohn-Preis vergeben. Preisträgerin ist Prof. Dr. Grazyna Jurewicz, ihr gartulieren Laudator Prof. Dr. Cord-Friedrich Berghahn (l.) und Dessaus OB Robert Reck. (Foto: Thomas Ruttke)

Dessau/MZ - Der gebürtige Dessauer und Philosoph Moses Mendelssohn (1729-1786) glaubte an die Macht der (Nächsten-)Liebe und die Kraft der (inhaltlich argumentierenden) Überzeugung, aber nicht an Zwangsmaßnahmen und einen durch staatliche Vorschriften ertrotzten Konformismus.

Ein wichtiges Ereignis für die demokratische und geistige Kultur der Stadt ist alle zwei Jahre im Rahmen des Kurt Weill Fest die Verleihung des Moses-Mendelssohn-Preises der Dessauer „Moses Mendelssohn Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften“ und der Stadt Dessau-Roßlau. Den zum 6. Mal vergebenen Preis erhielt die in Potsdam lehrende Philosophin und Judaistin Prof. Dr. Grażyna Jurewicz am Sonntagvormittag im Rangfoyer des Anhaltischen Theaters. Schüler der Musikschule Kurt Weill gestalteten die musikalische Umrahmung.

Mit dem 2012 erstmals verliehenen und mit 3.000 Euro dotierten Preis werden herausragende Arbeiten in der Moses-Mendelssohn-Forschung ausgezeichnet. Die letzten Preisträger waren Ismar Schorsch (2018) und Willi Goetschel (2020).

Zum Vorstand und Kuratorium der Stiftung gehörten zum Beispiel Albert Einstein, Walter Gropius, Max Liebermann, Arnold Zweig und Max Planck

Die am 6. September 1929 in Dessau zum 200. Geburtstag des Philosophen gegründete Stiftung ermöglichte ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses in erster Linie Vertretern des deutschen Geisteslebens die Mittel zur Durchführung wissenschaftlicher Forschungsarbeiten und daneben unbemittelten deutschen Studierenden Beihilfen.

Zum Vorstand und Kuratorium der Stiftung gehörten zum Beispiel Albert Einstein, Walter Gropius, Max Liebermann, Arnold Zweig, Max Planck, Dessaus Oberbürgermeister Fritz Hesse, der anhaltische Ministerpräsident Heinrich Deist und Mitglieder der Mendelssohnschen Familie. 1999 initiierten die Stadt Dessau-Roßlau, Bernd Junkers und die Moses-Mendelssohn-Gesellschaft Dessau die Wiedererrichtung der Stiftung.

Als besonderer Gast der Festveranstaltung am Sonntagmorgen waren Mark Dainow, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Ursula Goldenbaum, Mendelssohn-Preisträgerin 2016, anwesend. Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Dr. Robert Heck skizzierte Cord-Friedrich Berghahn, Sprecher des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung, in seiner Laudatio die Chronik des „großen kleinen Preises“ als Spiegel einer „Aktualität des Denkens“. Kurz vor dem ersten Lockdown hatte Willi Goetschel Rassismus und Anti-Demokratismus als Gegenteil von Mendelssohns für die Politiktheorie der Gegenwart gültige Idee, dass es in zweckfrei toleranten Gesellschaften kein einheitliches Modell von Individualität geben kann, definiert.

Reaktion auf die Kriegssituation in der Ukraine

Dieser Kern von Mendelssohns revolutionärem Gedankengebäude ist auch für Grażyna Jurewicz wesentlich. Die gebürtige Polin studierte in Potsdam und Prag Religionswissenschaft, Jüdische Studien und Philosophie. Sie promovierte 2018 mit dem Thema „Moses Mendelssohn über die Bestimmung des Menschen: Eine deutsch-jüdische Begriffsgeschichte“. Seit 2021 ist Grażyna Jurewicz Juniorprofessorin für Jüdische Religions- und Kulturgeschichte Mittel- und Osteuropas an der Universität Potsdam. Aktuell schreibt sie an einer Biographie des osteuropäisch-jüdischen Schriftstellers und Talmud-Übersetzers Jakob Fromer (1865-1938).

Ihren geplanten Festvortrag über „Moses Mendelssohn und seine Biographen“ ersetzte Grażyna Jurewicz aufgrund der Kriegssituation durch eine Darstellung von Mendelssohns Toleranz-Ideal und dessen Relevanz für den Artikel 2 der Grundagenda der Europäischen Union. Mendelssohns Toleranzbegriff beinhaltet die öffentliche Sichtbarmachung kultureller Unterschiede ohne Beeinträchtigung. Erst wenn Politik diese Maxime aus freien Stücken, ohne Druck von Außen und ohne wirtschaftliche Antriebe realisiert, kann eine gesellschaftlich universelle, nicht nur modulare Toleranz gelebt werden.