Rätsel um Feuertod in der Polizeizelle

Oury Jalloh: Offene Fragen nach Feuertod des Asylbewerbers in Dessau

Viele Fragen zum Tod von Oury Jalloh sind bislang noch gar nicht gestellt worden.

Von Ralf Böhme 27.12.2017, 10:00
Oury Jalloh mit seinem Sohn Justin.
Oury Jalloh mit seinem Sohn Justin. imago stock&people

Es geht um eine verschwundene Handfessel, ein verschmortes Feuerzeug und einen geheimnisvollen Schattenmann im Treppenhaus. Zentrale Fragen, die Sachsen-Anhalts größten Polizeiskandal vielleicht aufklären könnten, sind seit Jahren ohne Antwort.

Der Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Arrestzelle des Dessauer Polizeireviers im Januar 2005 lastet deshalb heute immer noch auf dem Land - genauso wie vor fast 13 Jahren, als der junge Mann aus Sierra Leone in Dessau starb.

Nach mehreren Gerichtsprozessen um den Feuertod von Jalloh in einer Polizeizelle steht nur fest: Es gibt mehrere Versionen davon, was geschehen ist. Deshalb will die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg nun prüfen, ob neue Ermittlungen angestrengt werden müssen.

Die Entscheidung fällt aber nicht vor Mitte Februar, bis dahin kommt der bisher aufgetürmte Aktenberg auf den Prüfstand. Im Moment lagert das Material bei der Staatsanwaltschaft in Halle. Zum Jahresende trifft es in Naumburg ein.

Oury Jalloh: Unterlagen zum Feuertod des Asylbewerbers in einer Dessauer Polizeizelle liegen der MZ vor

Einige der Unterlagen, die eher eine Wiederaufnahme des Verfahrens begründen, liegen der MZ jetzt vor. Dabei handelt es sich um Ermittlungs- und Gerichtsakten, Schriftwechsel von Staatsanwaltschaften und Vernehmungsprotokolle.

Einige datieren aus den ersten Tagen nach dem tödlichen Brand, andere fassen spätere gerichtliche Auseinandersetzungen zusammen. Jüngste Einschätzungen von Strafverfolgungsbehörden finden sich gleichfalls in dem Stapel.

Die zentrale Frage, die sich bereits nach der ersten Durchsicht aufdrängt: Ist wirklich in alle Richtungen ermittelt worden? Daran muss zum jetzigen Zeitpunkt wohl ernsthaft gezweifelt werden.

Die Unterlagen vermitteln einen überaus zwiespältigen Eindruck. Viel Papier ist demnach beschrieben worden, um zu belegen, dass nur das Opfer selbst das tödliche Feuer entzündet haben kann. Der tatsächliche Nachweis, dass Jalloh es gewesen ist, steht jedoch aus. Vor allem die häufig vorausgesetzte Annahme, dass der Afrikaner ständig allein im Raum gewesen sei, bleibt eine Behauptung.

Fakt ist dagegen: Es fehlt eine der vier Fesseln. Angeblich soll ein Hausmeister sie irrtümlich beim Aufräumen in den Müll geworfen haben. Offen ist, ob dazu überhaupt eine Befragung durchgeführt worden ist. Die Umstände liegen im Dunkeln.

Dabei könnte die verschwundene Fessel eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung des grauenvollen Geschehens spielen. Denn nur mit Hilfe dieser Fessel lässt sich mit hinreichender Sicherheit nachstellen, wie Jalloh angekettet auf seiner Matratze lag.

Immerhin handelt es sich ausgerechnet um jene Fessel für die rechte Hand. Als Rechtshänder, so die bisher vorherrschende Überlegung der Ermittler, müsste er damit ein Feuerzeug gegriffen haben. Wäre das gar nicht möglich gewesen, entfiele sofort die Hypothese von der Selbsttötung durch eigenes in Brand setzen der Unterlage.

Aber selbst, wenn alle Fesseln verfügbar wären, muss weiter nachgefragt werden. Zum Beispiel: Wie straff liegt eine Fessel an. In einer der Aussagen heißt es nebulös, das sei Sache des jeweiligen Polizisten. „Eine Vorschrift dafür gibt es nicht.“ Ob Menschen, die wie Jalloh wiederholt mit der Polizei zu tun hatten, vielleicht an eine besonders kurze Kette gelegt wurden, müsste deshalb noch ermittelt werden.

Das ist nur eine unter vielen Lücken in den bisherigen Ermittlungen. So taucht die Frage, ob der junge Vater einer Tochter überhaupt zu einer Selbsttötung in der Lage gewesen ist, nur am Rande auf. Dabei hatte der Mann laut gerichtsmedizinischer Untersuchungsergebnisse drei Promille Alkohol und Spuren von Rauschgift im Blut. Die Skepsis, die Kritiker angesichts dieser gerichtsfesten Tatsachen äußerten, änderte offenbar lange nichts an der Ausrichtung der Ermittlungen.

Oury Jalloh: Wieso konnte der Asylbewerber vor seinem Feuertod ein Feuerzeug in die Dessauer Polizeizelle mitnehmen?

Rätselhaft bleibt, soweit aus den der MZ vorliegenden Unterlagen hervorgeht, die Geschichte mit dem Feuerzeug in der Zelle. Als „gefährlicher Gegenstand“ wird so etwas einem Inhaftierten schon bei einer ersten Durchsuchung aus Sicherheitsgründen abgenommen.

Polizist Gerhard M., der am 7. Januar 2005 versuchte, die Flammen mit einer Decke zu ersticken, gab damals zu Protokoll: „Mir ist schleierhaft, wie das Feuerzeug da rein gekommen sein soll.“

Angeblich soll Jalloh damit seine schwer entflammbare Matratze angezündet und es schließlich unter seinen Körper gelegt haben. Und dann tauchte das Feuerzeug erst drei Tage nach dem Todesfall in einer Tüte mit Brandschutt auf.

Diesen Zeitverzug versuchte Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad unter Hinweis auf übliche Abläufe im Landeskriminalamt zu entkräften. Dennoch blieb die Frage letztlich unbeantwortet, warum ist das Teil aufgeschmolzen, aber nicht explodiert, so wie es ein Sachverständiger schon vor Jahren beschrieb.

Seine dokumentierte Aussage von 2007 zur Wirkung der Flammen: „Das Feuerzeug wird weich, das Gas tritt aus und das Feuerzeug explodiert.“ Unter diesen Bedingungen hätten sich kleine Kunststoffstückchen in der Zelle verteilen müssen. Das gefundene Teil war jedoch drei bis vier Zentimeter groß.

Und dann gibt es noch einen mysteriösen Schattenmann. Eine Polizei-Angestellte will ihn im Treppenhaus zur Tatzeit gesehen und eine auffallend dunkle Stimme gehört haben. Dieser Spur ist nach den vorliegenden Unterlagen offenbar aus dem Blickfeld geraten, obwohl die Ermittler an die 70 Dessauer Polizisten befragten.

Ein MZ-Informant schließt unerkannten Zutritt zum Zellenkeller nicht aus: „Wer den Zahlencode kennt, kommt über die Hintertür des Gebäudes herein.“ Dazu würde noch zwei weitere, schriftlich niedergelegte Beobachtungen von Bediensteten passen. Sie hatten im fraglichen Zeitraum auffälliges Schlüsselklappern gehört. Und immer wieder ist die Rede von einer Art „Plätschern“, das unter anderem via Lautsprecherüberwachung zunehmend aus der Zelle zu hören gewesen sein soll.

Zudem erinnerte sich eine Polizistin daran, bei einer flüchtigen Kontrolle eine Pfütze auf dem Fliesenboden ausgemacht zu haben. Dass es vielleicht nur um Spülwasser aus der Toilette handelte, schloss eine Putzfrau jedenfalls bei ihrer Befragung aus.

Handelt es sich dann vielleicht doch um Benzin oder eine andere brennbare Flüssigkeit? Aufschluss hätte unter anderem ein Video geben können, das Kriminalisten routinemäßig bei ihren ersten Untersuchungen am Tatort fertigen. Vergebliche Hoffnung, es endet nach wenigen Minuten - wegen eines angeblichen technischen Defekts.

Aus Sicht von Folker Bittmann, Chef der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, spricht einiges für dieses Szenario, das neue Untersuchungen rechtfertigen würde. „Oury Jalloh befand sich bereits in einem Zustand der Agonie, als er mit einer geringen Menge an Brandbeschleuniger bespritzt wurde und verstarb spätestens unmittelbar nach dem Ausbruch des Feuers (entweder aufgrund toxikationsinduzierten Herztodes oder alternativ aufgrund eines inhalativen Hitzeschocks)", lautet eine Möglichkeit.

„Da Oury Jalloh über keinen Brandbeschleuniger verfügte und zudem in der letzten Minute seines Lebens auch gar nicht mehr in der Lage gewesen wäre, das Feuer selbst zu entfachen, setzen beide denkbaren Todesalternativen das Verursachen des Feuers von dritter Hand voraus.“ (mz)