Mord an Rokstan Malak

Mord an Rokstan Malak in Dessau: Eine Tragödie ohne Antworten

Dessau - Vor einem Jahr wurde die Syrerin Rokstan Malak ermordet - und zwei Tage später in einer Gartensparte gefunden. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt.

Von Steffen Brachert 30.09.2016, 10:00

Ein schweres Eisentor sichert den grünen „Küchengarten“. Vor Einbrechern. Aber auch vor unliebsamen Blicken. Die Gartensparte im Vorderen Tiergarten ist Idylle pur. Wenn nicht gerade Hochwasser ist. Und wenn nicht ein Mord vertuscht werden soll.

Eine Leiche in der Gartensparte

Genau vor einem Jahr hat sich im Dessauer Küchengarten eine Tragödie abgespielt. Rokstan Malak, eine 20-jährige Syrerin, wurde ermordet - und sollte im Garten mit der Nummer 86 vergraben werden.

Ein Loch war bereits ausgehoben, als die Polizei nach einer Vermisstenmeldung die Gartensparte durchkämmte - und hinter einer Tür die Leiche der jungen Frau fand. Zwölf Monate später ist das Loch geschlossen - und Gras darüber gewachsen. Der Vorbesitzer hat den Garten wieder übernommen. Weiß er, was hier passiert ist? Natürlich. Reden will er nicht darüber.

Der Vater unter Tatverdacht

Die Geschichte von Rokstan Malak ist ein tödliches Drama, das im vergangenen Herbst weit über Dessau-Roßlaus Grenzen für Schlagzeilen gesorgt hat. Der Fall ist bis heute nicht endgültig aufgeklärt.

Vater Hisso Malak ist dringend tatverdächtig. Doch der 50-jährige Kurde hat sich in den Stunden nach dem Mord unerkannt abgesetzt - wahrscheinlich in die alte Heimat, die sich im türkisch-syrischen Grenzgebiet befindet.

„Der Mann wird noch immer mit internationalem Haftbefehl gesucht“, sagt Maik Strömer, Sprecher der Polizeidirektion Ost. Den umzusetzen ist schwierig: In Syrien herrschen Krieg und Ausnahmezustand. Jeden Tag gibt es dramatische Bilder auch im deutschen Fernsehen. Kein Zielfahnder würde sich dorthin wagen.

Die deutsche Polizei ist darauf angewiesen, dass Malak einen Fehler macht und auffällt oder versucht, in ein europäisches Land einzureisen. Ob der Rest der Familie weiter im Fokus der Polizei steht, dazu werden keine Angaben gemacht.

„Ehrenmord“ als Motiv?

Rokstan Malak war 2013 nach Deutschland gekommen. Der schwer kranke Vater hatte die Familie nachgeholt. Malak lebte sich schnell ein, lernte deutsch - und war bald als Übersetzerin für die Syrer in Dessau ein wichtiger Ansprechpartner. Die junge Frau integrierte sich. Gut möglich, dass ihr genau das zum Verhängnis wurde.

In einer ersten Pressemitteilung hatten Polizei und Staatsanwaltschaft im vorigen Jahr vom Verdacht gesprochen, „dass die Tat von einem nahen Angehörigen aus kulturellen Motiven verübt worden ist“.

Viele übersetzten diese Formulierung mit „Ehrenmord“, auch wenn es weder einen ehrenvollen Mord gibt, noch ein Mord die Ehre wiederherstellt.

Hisso Malak wird seit Mitte Oktober 2015 mit internationalem Haftbefehl gesucht. Bislang ohne Erfolg. Obwohl die Polizei in der MDR-Sendung „Kripo Live“ und später auch im ZDF bei „Aktenzeichen XY“ nach Hinweisen suchte.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Malak zwischen dem Mord, der am 30. September begangen wurde, und dem Fund der Leiche der Tochter am 2. Oktober Deutschland verlassen hat, um vermutlich in seine Heimat nach Nordsyrien zurückzukehren. (mz/sb)

Leiche wurde am 2. Oktober 2015 gefunden

Was genau am 30. September vor einem Jahr passierte, ist bislang nicht bekannt. Wo und wie Malak gestorben ist, ist offen. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten in den Wochen danach Zeugen gesucht, die am 30. September zwischen 12 und 24 Uhr „Personenbewegungen syrischer Bürger zwischen dem Rathauscenter und der Kleingartensparte Küchengarten festgestellt haben“.

Die Familie von Rokstan Malak hatte am Schloßplatz im Stadtzentrum gewohnt. Die Kleingartensparte im Vorderen Tiergarten liegt ein paar hundert Meter entfernt. Dort war die junge Frau aus Syrien am 2. Oktober tot gefunden worden. Ob der Fundort auch der Tatort ist, dazu gab es nie konkrete Aussagen.

Schwerer Stand in der eigenen Familie

Dass Rokstan Malak in der eigenen Familie einen schweren Stand hatte, das hatte Marc Krüger aufgedeckt. Der Dessauer Künstler, Sänger, Maler und Autor hatte die Syrerin im Sommer 2015 für ein Buchprojekt kennen gelernt.

Krüger wollte damals Schicksale junger Flüchtlinge aufschreiben. Malaks Geschichte war eine besondere. Die 20-Jährige berichtete von ihrer Heimat, der Flucht zwei Jahre zuvor, der Ankunft in Dessau.

Malak erzählte aber auch von ihrer Sorge, von ihrer Angst, vor der eigenen Familie, weil sie in Syrien von drei Männern vergewaltigt wurde. Die junge Frau war hier in der Region zeitweise in ein Frauenhaus geflüchtet. Sie fürchtete sich zu Hause.

Malaks Wunsch: „Ich will wieder lachen“

Galt Rokstan Malak als unrein? Wurde die junge Frau deshalb von der eigenen Familie verstoßen? Ist in Dessau nach einem Schwangerschaftsabbruch eine Hochzeit geplatzt? Es gab im vorigen Herbst viele Geschichten rund um den Mord. Ein Prozess, der Klarheit bringen könnte, ist mangels eines Angeklagten nicht in Sicht.

Was es gibt, ist ein schlichtes Schwarz-Weiß-Foto von Rokstan Malak. Marc Krüger hatte die Syrerin für das Buch gebeten, einen Wunsch aufzuschreiben - auf ihrem Schild steht: „Ich will wieder lachen.“ Das Foto ist seit dem Mord ein trauriges Mahnmal.

Das Interesse am Islam bleibt

Marc Krüger hat das Buch über die Dessauer Flüchtlinge und Rokstan Malak nie veröffentlicht. „Es gibt aber kaum einen Tag, an dem ich nicht an sie denke“, sagt Krüger heute. In seinem Haus im Harz hängt das Foto. Als Erinnerung.

„Probleme, die einen alltäglich begleiten, erscheinen plötzlich klein, wenn man weiß, dass es Menschen auf dieser Welt gibt, die sich nur danach sehnen, einmal aus tiefstem Herzen zu lachen“, sagt Krüger. „Rokstan hat mir gezeigt, dass es Menschen gibt, die man nicht vergessen darf.“

Was bleibt, ist Krügers Interesse an Fremdem, am Islam. „Nila“ heißt sein erstes Buch, das im Frühjahr 2016 erschienen ist. Es spielt in Afghanistan. Es geht um eine junge Frau, die sich in einen US-Soldaten verliebt. Derzeit wird am Hörbuch gearbeitet.

Krüger hat sich gerade entschieden, noch einmal in das Thema Islam abzutauchen, um eine neue Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte über das Vergessen. „In gewisser Weise“, sagt Krüger, „wird Rokstan das Buch auch mitschreiben.“ (mz)