Mit Reha zurück in den Alltag

Hilfe verzweifelt gesucht: Wie Long-Covid-Patienten in Dessau geholfen wird

Wo Long Covid-Patienten Sportangebote finden, die ihnen helfen, wieder auf die Beine zu kommen - und warum auch hier alles am Anfang ist.

Von Sylke Kaufhold 13.03.2022, 09:00
Die Trainer des  Vereins Reha Vital Dessau:  Dominik Büge, Enrico Schleinitz, Lara Schoemmerstadt und Kirsten Hoyer (v.l.n.r.)
Die Trainer des Vereins Reha Vital Dessau: Dominik Büge, Enrico Schleinitz, Lara Schoemmerstadt und Kirsten Hoyer (v.l.n.r.) (Foto: Thomas Ruttke)

Dessau/MZ - „Enrico, hilf mir!“ Diese verzweifelte Bitte hört Enrico Schleinitz, Sporttherapeut im aktivital Gesundheitszentrum und Vorsitzender des RehaVital Dessau e.V. in diesen Tagen häufig.

Männer und Frauen, die an Corona erkrankt waren, suchen Hilfe, um wieder auf die Beine zu kommen. Die zu finden, ist nicht ganz einfach. Denn Rehasportangebote für Covid- oder Long Covid-Patienten gibt es bisher nur sehr wenige, ausgewiesene Rehasportgruppen noch gar nicht. Zu neu ist das Krankheitsbild, als dass es schon standardisierte Trainingsprogramme geben könnte. „Aber wir arbeiten daran“, versichert Schleinitz und spricht dabei als Vorstandsmitglied des Behinderten- und Rehasportverbandes Sachsen-Anhalt (BSSA), dessen Mitglied er ist.

„Die meisten kommen zu uns, weil sie verzweifelt und hilflos sind und nicht mehr weiter wissen“

Ebenso engagiert ist das Team des Activital Gesundheitszentrums vor Ort. „Bei jedem vierten, fünften Gast, der zu uns kommt, ist Long Covid das Thema, wir versuchen, Lösungen für sie zu finden“, berichtet der Trainer. Eine umfangreiche Diagnostik steht dabei am Anfang. Manchmal stünde ihnen ein Arztbefund zur Verfügung, sagt Schleinitz.

Aber bei einer Reha seien bisher nur wenige gewesen. „Die meisten kommen zu uns, weil sie verzweifelt und hilflos sind und nicht mehr weiter wissen.“ Die Leute seien total geschwächt, litten unter chronischer Müdigkeit und Erschöpfung (Fatigue-Syndrom), Atemnot zum Beispiel beim Treppensteigen, aber auch Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen, beschreibt der Sporttherapeut die Verfassung der Patienten, die von einer Arbeitsfähigkeit weit entfernt seien. Aber nicht alle kommen mit der Diagnose Long Covid. Etwa 50 Corona-Patienten würden aktuell im Aktivital Gesundheitszentrum betreut, rund 20 über ein Rezept. „Aber ich gehe von einer hohen Dunkelziffer aus, von denen wir es gar nicht wissen.“

Neuland ist die Behandlung von Long Covid auch für die Therapeuten des Activital

Ein Reha-Sport-Rezept erhalten Patienten als Nachsorge nach einer Rehakur. Es beinhaltet einmal wöchentlich Gymnastik. T-Rena ist eine trainingstherapeutische Rehabilitationsnachsorge, die die Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer verbessern soll. Beides kann beim Verein RehaVital absolviert werden.

Neuland ist die Behandlung von Long Covid auch für die Therapeuten des Activital. Es sei „Learning by doing“, erklärt Schleinitz. Sie studierten wissenschaftliche Studien und Forschungen, stünden im Austausch mit anderen Therapeuten und Ärzten und werteten natürlich ihre eigenen Erfahrungen aus. „Es ist alles in der Findungsphase.“

Verband startet Projekt für Menschen mit einer Post-Covid Symptomatik

Auch der Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband arbeitet intensiv daran, neue Angebote für Menschen mit einer Post-Covid Symptomatik zu initiieren bzw. die Patienten je nach Symptomatik in bestehende Rehasport-Gruppen zu integrieren. Wie Doreen Seiffert, Referentin für den Rehabilitationssport auf MZ-Anfrage informiert, plant der BSSA im Frühjahr den Start des Projekts „Aufbau von Rehasport-Gruppen für Menschen mit Post-Covid Syndrom“.

Eine Projektgruppe - der auch Enrico Schleinitz angehört - werde dafür aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse recherchieren und auf deren Grundlage Empfehlungen zur Umsetzung in den Sportvereinen erarbeiten. Auch die Kooperation mit Rehakliniken sei geplant. „Im Rahmen von Projekttagen werden werden wir diese Informationen an interessierte Mitgliedsvereine des BSSA weitergeben und Übungsleiter fortbilden“, so Seiffert.

„Alle Leute hatten einen riesigen Nachholbedarf und dann kamen noch die Corona-Folgeschäden hinzu“

Spätestens ab Herbst, denkt Enrico Schleinitz, werde es Long-Covid-Sportgruppen oder spezielle Angebote in ganz Sachsen-Anhalt geben. „Der Verband schafft klare Strukturen, mit denen die Ärzte arbeiten und Patienten dorthin überweisen können“, freut er sich. Ziel sei es, betont Doreen Seiffert, dass es in jeder größeren Stadt solche Angebote geben wird.

Die Tatsache, dass die Gesundheitssporteinrichtungen im vorigen Jahr sieben Monate geschlossen waren, habe das Thema Rehasportangebote für Coronapatienten sträflich aus dem Fokus genommen, meint Schleinitz. „Alle Leute hatten einen riesigen Nachholbedarf und dann kamen noch die Corona-Folgeschäden hinzu“, so der Trainer. Nach einer Coviderkrankung sich alleine wieder fitmachen zu wollen, davon rät der Sporttherapeut dringend ab.

„Zwar ist die Kondition im Eimer, aber die darf nicht als erstes trainiert werden“, erklärt er. Bei den Patienten sei der Ruhepuls um 10 bis 20 Schläge in der Minute erhöht. „Das ist schon der erhöhte Drehzahlbereich, der Puls muss erst wieder runter.“ Deshalb setzten sie ein gezieltes Beweglichkeits- und kurzes Krafttraining an den Beginn. Erst nach vier bis sechs Wochen folge das Konditionstraining. „Wir suchen für jeden die geeignete individuelle Lösung, deshalb steht immer eine Beratung am Anfang, in der wir uns einen Überblick verschaffen“, sagt Enrico Schleinitz.