Ausgrabungen

Ausgrabungen : Vor Neubau in Vergangenheit eingetaucht

Dessau - Archäologen nehmen Platz für Bauhausmuseum Dessau unter die Lupe.

Von Silvia Bürkmann 14.08.2016, 09:45

Kein Reinkommen an dieser Stelle in den Stadtpark. Seit Wochenanfang haben die Archäologen das Kommando für „vertiefende Untersuchungen“ am künftigen Standort des Bauhausmuseums übernommen.

Bis zum Schütt-Horizont

Keine Chance für neugierige Zaungäste. Denn die Ausgräber sind eingestiegen in untere Schichten. Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie hat seine Spezialisten entsandt für Dokumentation und Sicherung. Fünf Leute graben sich ein in die Vergangenheit der Stadt. „Wir graben im Dunkel verschütteter Geschichte, im Wortsinn“, sagt Grabungsleiter Martin Freudenreich. Zwei Grabungsareale über 20 mal 10 Meter sind abgepflockt und werden in Raster gegliedert.

Freudenreich zur Seite stehen drei Ausgrabungsarbeiter und ein Techniker. Bei Bedarf hinzugerufen wird ein Baggerfahrer. Der ließ zu Wochenbeginn den Greifer unerschrocken in die erste Fläche beißen. Mit technischer Hilfe abgetragen wurden die erste Schicht, die Grasnarbe und der archäologisch irrelevante Boden bis zum so genannten Schütt-Horizont. Einen halben Meter tief ist jetzt die erste Grabungsfläche.

Archäologie im Stadtpark

Eine Testgrabung führt tiefer hinunter bis in das „Anstehende“, die geologisch verfestigte Schicht. „In Dessau kommt der Sand am weitesten nach oben, darunter liegt der Lehm“ schätzt Freudenreich die Befundlage ein. „Wir haben in der ersten Woche schon allerhand geschafft und erreicht.“

Ab dem ersten halben Meter aber ist im Stadtpark jetzt Archäologie wie aus dem Lehrbuch angesagt: Drei Männer knien im Sand, den Nacken gebeugt, die Augen fest auf den Boden gerichtet. Norbert Heidmann in Jeans, Christian Schmidt mit schwarzem Kapuzenshirt und Achim Rogosch unter der Schirmmütze kratzen die ersten Funde mit Maurerkelle oder Gartenkratze vorsichtig aus dem Boden hervor, kehren den Sand mit Handfeger ab.

Von der Kriegszerstörung bis zur Rasenfläche

Freigelegt sind die ersten Mauersteine. War hier der Fußboden vom einstigen Palais oder sind das Reste der Wand? „Nicht so eilig“, schüttelt Grabungsleiter Freudenreich lachend den Kopf. „Das wissen wir, wenn wir tiefer gekommen sind und die Lage der Steine zueinander dokumentiert haben.“

Der Platz in Sichtweite der Stadtmauerreste ist archäologisch relevant und historisch spannend. Hier stand bis zur Zerstörung 1945 das Palais Reina des Prinzen Georg Bernhard (gestorben 1865 - später Sitz Anhaltische Gemäldegalerie).

Nach der Kriegszerstörung erfuhr das Bodendenkmal eine zweite massive Überprägung: Die zu 80 Prozent ausgebrannten Innenstadt lieferte Schutt als Füllmasse für das aufgerissene Gelände. Es wuchs ein neues Plateau auf, wurde planiert und liegt bis heute höher als die Straßenflucht von Kavalier- und Friedrichstraße. Auf neuem Mutterboden grünte Anfang der 50er Jahre wieder Rasenfläche im Stadtpark der Trümmerstadt.

Schon lange in der Vorgeschichte unterwegs

Beim Bombardement verloren gingen auch unzählige Dokumente. Die Quellen im Stadtplanungsamt sind ausgedünnt, bestätigt Sören Klausnitzer, der für die Stadt das Ausgrabungsgelände betreut.

Eine Struktur aber sticht schon hervor. Am Rand des Grabungsfeldes neben der Kavalierstraße zeichnet sich eine Rundmauerung ab. Brunnen oder Wasserfassung? Ein funktionales oder Schmuckelement? „Wir werden es sehen!“, sagt Freudenreich.

Die Mitstreiter vom Landesamt sind schon lange in der Vorgeschichte unterwegs. Haben gegraben in Wittenberg, im Arsenal und Kloster. Waren dabei, als 2009 im Franziskanerkloster das Grab von Kurfürst Rudolf II. (1370) freigelegt wurde. Seit 1999 dabei ist der Bernburger Rogosch. Und er hat vor der Trassenlegung der A14 die Kreisgrabenanlage Pömmelte mit freigelegt. „Da gab es Funde aus der frühesten Bronzezeit vor über 5.000 Jahren. Das war schon großartig. Aber Dessau ist auch gut.“

(mz)