Kahlschlag und Ausverkauf?

Abholzungen in den Wäldern um Dessau: Kahlschlag und Ausverkauf?

Dessau-Rosslau - „Es reicht, ES REICHT“: Das sagt die Dessauerin Birgit Rac, die nach mehreren Fahrradtouren durch Anhalts Wälder entsetzt ist. An der Plankenlinie zwischen Landhaus und Forsthaus Leiner Berg sieht Landschaftsarchitektin und Baumschutzexpertin Rac sehr viele gefällte, vor allem alte Bäume entlang des Radweges liegen und riesige Laster, die ausgesuchte Stämme aufgeladen ...

Von Annette Gens
Birgit Rac an der Plankenlinie im Wald der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz. Alte Bäume wurden dort gefällt. Rac hat Angst um den Wald.

„Es reicht, ES REICHT“: Das sagt die Dessauerin Birgit Rac, die nach mehreren Fahrradtouren durch Anhalts Wälder entsetzt ist. An der Plankenlinie zwischen Landhaus und Forsthaus Leiner Berg sieht Landschaftsarchitektin und Baumschutzexpertin Rac sehr viele gefällte, vor allem alte Bäume entlang des Radweges liegen und riesige Laster, die ausgesuchte Stämme aufgeladen haben.

Berge von gefälltem Holz werfen viele Fragen auf

In der Mosigkauer Heide hat Rac Berge von gefälltem Holz entdeckt und Spuren der Harvester, die sich augenscheinlich ohne Rücksicht auf Verluste den Weg in die Forstschläge freigeschnitten haben. Ähnlich entsetzt ist die Dessauerin über den Zustand des Waldes unmittelbar hinter dem Auenhaus bei Kapen. Nur einen Steinschlag vom Lehrpfad entfernt, wurden in Größenordnungen Bäume gefällt.

Sowohl bei Oranienbaum als auch in der Mosigkauer Heide sieht Rac die Reste gefällter, angeblich kranker Kiefern. Doch Baumkronen und Äste - und damit weitere Krankheitsüberträger - wurden im Wald belassen. „Sollten die Bäume wirklich wegen des Diplodia-Befalls gefällt worden sein, dann verstehe ich die Entscheidungen der Förster nicht“, erklärt Rac, dass bei Pilzbefall auch die Reste der Bäume beräumt werden sollten. Sonst habe der Pilz weiterhin einen guten Nährboden im Wald.

Wird das Baumsterben ausgenutzt?

Die Dessauerin befürchtet, dass das Baumsterben ausgenutzt wird, die Forstwirtschaft die Flucht nach vorn antritt und Holz verkauft, ehe es krank und wirtschaftlich verloren ist. Sie fürchtet um den Wald rund um Dessau-Roßlau, um die Tiere, denen Lebensraum entzogen wird, um Boden und Bäume, die CO2 binden. Und sie kämpft mit Appellen und eindringlichen Briefen - an Behörden, Naturschutzorganisationen, an Forstbetriebe.

Die Furcht um die Waldbestände teilt Jörg Amme, Leiter des Landesforstbetriebs Anhalt, in großen Teilen. „Was Abholzungen betrifft, so haben wir im April bereits unseren Jahresplan erfüllt“, schildert Amme. Das heißt, zum Ende vergangenen Monats waren 160.000 Festmeter Holz aus dem Bestand des Landeswaldes geborgen.

Doch die Fällarbeiten gehen weiter, weil die Wälder krank sind. Noch im November 2018 dachte man im Forstbetrieb Anhalt, dem Diplodia-Befall an den Kiefern beizukommen und die Situation durch Fällungen in den Griff zu bekommen. Doch im neuen Jahr, so schildert Amme, ergab sich eine neue Situation. „Sehr viele Bäume, vor allen in der Oranienbaumer Heide und in der Mosigkauer Heide, sind krank.“

Stürme, Hagelschäden und der Hitzesommer 2018 setzen den Wäldern zu

Die Ursache sieht der Chef des Landesforstbetriebes Anhalt in den vielen Stürmen und Hagelschlägen, gefolgt von einem Hitzesommer 2018. „Die Bäume sind gestresst und anfällig, verfügen inzwischen durch die Hitzeperiode über einen weitaus geringeren Wasserhaushalt als gewöhnlich“, erklärt Amme die Ausmaße an Baumerkrankungen. Die Kiefern sind seit mehreren Jahren nicht nur pilzbefallen.

Es sei inzwischen auch ein starker Prachtkäferbefall festzustellen. Von den Frösten am stärksten betroffen sei die Baumart Eiche. Der Bastkäfer macht wiederum den Eschen zu schaffen. Auch hier sei die Triebspitzenkrankheit durch Pilzbefall im Vormarsch. Beim Ahorn seien starke Absterbeerscheinungen durch die Rußrindenkrankheit festzustellen.

Der Forstbetrieb Anhalt bewirtschaftet rund 40000 Hektar Wald auf den Territorien der Landkreise Anhalt-Bitterfeld, Wittenberg, der kreisfreien Stadt Dessau-Roßlau und teilweise der Landkreise Jerichower Land sowie des Salzlandkreises. Amme weiß, besonders stark betroffen von Krankheiten sind die Bäume in der Oranienbaumer- und Mosigkauer Heide. Insgesamt müssten im Territorium des Forstbetriebes zwischen 500 bis 1000 Hektar Wald wieder aufgeforstet werden. Die Situation sei keine, in der „man eine schnelle Mark verdienen“ könne. Die Preise hätten sich durch das große Holzangebot verändert.

"Schlachtfeld" durch den Einsatz von Maschinen

Dort, wo der Harvester zum Einsatz kommt, sieht es aus wie ein Schlachtfeld, kann Jörg Amme die Schilderungen von Birgit Rac nachvollziehen und versucht dennoch zu beruhigen. Der Boden erhole sich schnell. Dass die Äste der pilzbefallenen Kiefern nicht aus dem Wald geräumt werden, wird vom Landesforst bestätigt. Die Pilz werde durch den Wind auf andere Bäume übertragen. Wenn die Kronen am Boden liegen, habe der Wind weniger leichtes Spiel. Andererseits „können wir nicht jede Nadel aus dem Wald tragen“, das überschreite die Möglichkeiten.

Nicht nur im Forstbetrieb Anhalt ahnt man : Der Klimawandel stellt das Generationen-Prinzip der Waldwirtschaft in Frage. Können Bäume, die heute gesetzt werden, 100 Jahre wachsen? „Wir müssen den Wald fit für die Zukunft machen“, sagt Amme. (mz)

Alte Stämme liegen an der Plankenlinie zum Abtransport bereit.
So sieht es im Wald aus, wenn Harvester dort waren.