75 Jahre nach Kriegsende

75 Jahre nach Kriegsende: 91-Jähriger aus Roßlau erinnert sich an letzte sieben Tage

Roßlau - 75 Jahre nach Kriegsende erinnert sich ein heute 91-Jähriger noch sehr lebhaft an die letzten Tage, als in der hiesigen Region drei Armeen agierten.

Von Silvia Bürkmann 21.11.2020, 13:00

Das war kein Auto, kein Wagen und auch kein Pferd. Ein metallisches Scheppern und Rasseln drang in die gespitzten Ohren der Familie, die ihr Quartier längst verlagert hatte in den Keller vom Haus in der Meinsdorfer Straße.

Dort, wo man Zuflucht erhoffte, wenn Luftalarm die Menschen in die Deckung scheuchte. Als auf das Kettenrasseln aber weder schweres Panzergedröhn noch Artilleriefeuer folgte, reckten sich in Roßlau die ersten Nasen über die Fensterbretter und um die Hausecken: „Das sind die Amerikaner!“

Im Frühjahr 1945 kehrte der von Hitlerdeutschland entfachte kriegerische Weltenbrand zurück an seinen Ausgangspunkt. Das zur Neige gehende Jahr 2020 hat viele Jahrestage.

Die Zeitzeugen, die das Geschehen von damals aus eigenem Erleben kennen, werden immer weniger

Die 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sind einer großen Mehrheit noch gut erinnerlich. Dass vor 75 Jahren mit der Kapitulation Deutschlands der verheerende Zweite Weltkrieg endete, indes versinkt allmählich im Nebel der Erinnerungen, die mehr und mehr zu Legenden werden.

Erfahren nicht aus eigenem Erleben, sondern vom Hörensagen und weitererzählt verwoben mit persönlichen Eindrücken. 75 Jahre - das sind nach bisheriger Lesart von Medizinern, Wissenschaftlern und Historikern drei Generationen. Mitdurchschnittlich jeweils 25 Jahren von der Geburt bis zur Mutter-/Vaterschaft.

Sie werden naturgemäß immer weniger. Die Zeitzeugen, die das Geschehen von damals aus eigenem Erleben kennen. Eberhard Schmidt ist einer von ihnen.

Die Augen des alten Herren funkeln, spöttisch und traurig zugleich

Geboren 1929 in Roßlau und zu besagter Zeit mit gut 15 Jahren reif genug für die bewusste, differenzierte Wahrnehmung der Ereignisse. Und auch mit 91 Lebensjahren klar und rüstig genug, diese Erinnerungen mitzuteilen. Der wach und willens ist, zu erzählen von den zwei entscheidenden Tagen Ende April 1945 in Roßlau. Die das Leben des heranwachsenden Jungen prägen sollten. Die seine Kindheit beenden sollten?

Die Augen des alten Herren funkeln, spöttisch und traurig zugleich: „Kindheit? Wir waren doch alle keine Kinder mehr.“ Der 15-Jährige hatte im Frühjahr bereits seinen älteren Bruder Gerhard verloren, der mit 24 Jahren an den Folgen einer Verwundung verstarb.

Nun also rollten die Amerikaner auf der Hauptstraße in Richtung Schweinemarkt. „Das waren keine schweren Panzer, eher leichtere Schützenpanzerwagen und Soldaten auf Jeeps.“

Eberhard Schmidt sah vor dem Haus seiner Eltern, war die 83. Infanterie-Division der 9. US-Armee

Was Eberhard Schmidt da vor dem Haus seiner Eltern sah, war die Kavallerie-Aufklärungs-Schwadron der 83. Infanterie-Division der 9. US-Armee. Teile der Division hatten im April mit der Operation „Thunderbolt“ („Blitzschlag“) bei Barby die Elbe überschritten und waren beauftragt, die aus Osten vorrückende Einheiten der Roten Armee zu orten und zu treffen. Am Morgen des 29. April startete die mit leichten Panzerspähwagen ausgerüstete Kolonne in Zerbst. Die 1. Ukrainische Front wurde bei Apollensdorf vermutet. Davor blieb noch Roßlau einzunehmen.

Die militärischen Bewegungen, Vormärsche und Rückzüge hat der Förderverein für das Militärische Museum Anhalt in der Broschüre „Zwei Tage im April 1945“ dokumentiert und die Publikation zum 75. Jahrestag des Kriegsendes herausgegeben.

Eberhard Schmidt hat eigene Erinnerungen an diese zwei Tage. Sah die Sammlung der amerikanischen Kriegsgefangenen, „erst am Jahnstein und dann an der Zerbster Brücke.“ Hörte, dass die deutsche Flakstellung bei Klieken bis zuletzt noch gehalten werden sollte.

Schmidt selbst war Lazarett-Helfer in der Roßlauer Kaserne

Seine Altersgefährten im „HJ-Volkssturm-Bataillon“ indes sollten mit Panzerfäusten die Panzer der Alliierten aufhalten. Schmidt selbst war Lazarett-Helfer in der Roßlauer Kaserne. „Da gab es nur noch die bettlägerigen Schwerverletzten. Wer noch laufen konnte, hatte sich schon abgesetzt.“ Ins Irgendwohin oder in amerikanische Gefangenschaft. Am 30. April hieß es bei den Landsern der Kaserne. „Und jetzt kommen die Russen.“

Mit den Lazarett-Schwestern und den Letzten, die noch humpeln konnten, schlug sich Eberhard Schmidt nach Brambach durch. Setzte mit der Fähre über die Elbe und geriet in Gefangenschaft. Die Amerikaner brachten ihre Gefangenen ins Lager nach Unterrißdorf bei Eisleben. Mit einem Freund gelang Schmidt die Flucht und am 28. Mai kehrte er in sein Elternhaus zurück.

Das öffentliche Gedenken am Volkstrauertag an die Opfer von Krieg, Vertreibung und Gewalt wurde 2020 wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Ortsbürgermeisterin Christa Müller legte in aller Stille einen Kranz nieder. Eberhard Schmidt nun schiebt zum Totensonntag seinen Rollator auf den Friedhof in der Berliner Straße. Der 91-Jährige besucht die Gräber seiner Angehörigen. Die Eltern und die liebe Frau. „Sie ruhen hier in Frieden. Das zählt mehr als alles andere. “ (mz)