Ein Blick nach vorn

Verein „biworegio“ in Bitterfeld-Wolfen: Ingrid Oxner verabschiedet sich in den Ruhestand

Das sprichwörtliche weinende und lachende Auge: Ingrid Oxner hat die Zeit mit vielen Menschen genossen, doch jetzt will sie noch mehr erleben.

Von Silke Ungefroren 06.01.2022, 12:00
Nach vielen Jahren engagierter Tätigkeit  beim Verein biworegio ist Ingrid Oxner jetzt in den Ruhestand gegangen - und wurde im Wolfener Mehrgenerationenhaus feierlich verabschiedet.
Nach vielen Jahren engagierter Tätigkeit beim Verein biworegio ist Ingrid Oxner jetzt in den Ruhestand gegangen - und wurde im Wolfener Mehrgenerationenhaus feierlich verabschiedet. (Foto: André Kehrer)

Wolfen/MZ - Das Silvester-Wochenende hat sie mit ihrem Mann Jürgen bei der älteren Tochter Katy und deren Familie verbracht. Die wohnen in der Nähe von Würzburg, zwei Söhne im Teenie-Alter gehören dazu. Jene haben die beiden in den vergangenen Jahren nicht allzu oft gesehen - zu weit weg, zu wenig Zeit. Doch das soll sich jetzt ändern: Während Jürgen Oxner schon einige Jahre Rentner ist, ging seine Frau Ingrid erst jetzt in den Ruhestand. Und das mit dem sprichwörtlichen lachenden und weinenden Auge.

„Ich freue mich auf alles, was wir jetzt noch gemeinsam und ohne Stress erleben können“, sagt die 63-Jährige. Dabei ist ihr der Abschied vom Berufsleben nicht ganz leichtgefallen. Vor allem die Jahre seit 2005, in denen sie mit vielen Menschen zu tun hatte, möchte sie nicht missen. Da hat sie organisiert und Kontakte geknüpft und vor allem dafür gesorgt, dass es anderen gut geht - beim Verein „biworegio“ in Bitterfeld-Wolfen.

Alles begann in der Ernst-Toller-Straße in Wolfen-Nord

Angefangen hat alles mehr oder weniger durch einen Zufall. Die gelernte Chemiefacharbeiterin und Industriekauffrau wurde kurz nach der Wende arbeitslos. Vom Arbeitsamt bekam sie dann eine sogenannte Beschaffungsmaßnahme beim Landratsamt, nachdem sie einen Lehrgang im Bereich Tourismus absolviert hatte. „Und dabei habe ich gemerkt, dass mir so etwas liegt“, sagt Ingrid Oxner. „Mit Menschen arbeiten, etwas bewegen.“

Alles begann in der Ernst-Toller-Straße in Wolfen-Nord, wo die damalige Erneuerungsgesellschaft zu dieser Zeit die Freiwilligenagentur Mehrwert gründete. In Zusammenarbeit mit Vereinen wurden Leute gesucht, die sich in den verschiedensten Bereichen ehrenamtlich engagieren. Und die zu finden - dafür hat sich Ingrid Oxner stark gemacht. Mit Erfolg - denn viele haben davon profitiert.

Wenn jemand vor dem großen Schaufenster stand, ist sie einfach rausgegangen und hat die Leute angesprochen

2009 begann dann ein neues Projekt auf dieser Basis, wofür mit dem Familien- und Quartierbüro in der Bitterfelder Burgstraße ein Objekt gefunden werden konnte.

Und daraus wurde viel mehr - auch durch die vielen freiwilligen Stunden, die Ingrid Oxner für ihren Job ans Bein gebunden hat. Wenn jemand vor dem großen Schaufenster stand, ist sie einfach rausgegangen und hat die Leute angesprochen. Das stieß oft auf fruchtbaren Boden - nicht zuletzt durch ihre ruhige und zurückhaltende Art. Und durch ihre Maxime, eher im Hintergrund wirken zu wollen, aber umso mehr auf persönliche Kontakte zu zielen.

Doch es kam noch viel mehr hinzu: Vereine und Gruppierungen hat sie akquiriert, die in diesem Domizil eine Heimstatt fanden. Lesungen, Vorträge, Ausstellungen, später auch Wanderungen und Radtouren hat sie organisiert, die stets große Resonanz fanden.

„Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht mit den Menschen zu arbeiten“

Dann ist sie ins Wolfener Mehrgenerationenhaus gewechselt, hat dort weiterhin die Freiwilligen-Agentur geleitet und sich neben der Betreuung der Alltagshelfer für viele andere Veranstaltungen verantwortlich gefühlt: für Lesungen und Vorträge und vor allem dafür, mit den Leuten zu reden. Und den Freiwilligen das Gefühl zu geben, dass sie sehr wichtig sind. „Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht“, sagt sie, „mit den Menschen zu arbeiten.“ Als das Familien- und Quartierbüro im Dezember schließen musste, hat sie das natürlich ebenso wie viele Nutzer sehr bewegt.

Viele kennen die Frau. „Du fehlst uns“, hört sie immer wieder - ob am Telefon oder auf der Straße in Wolfen-Nord, wo sie lebt. Die jüngere Tochter Nicole wohnt mit ihrer Familie um die Ecke - da gibt es natürlich öfter Kontakte als mit der Erstgeborenen ...

Jetzt will Ingrid Oxner auch mal spontan etwas unternehmen

In dem Neubaugebiet haben die Oxners übrigens seit 1979 ihr gemütlich eingerichtetes Zuhause - und möchten es nicht missen. Ebenso nicht wie ihren Garten in der „Alten Anlage“ in Zscherndorf. Und alles das wollen sie künftig stressfreier genießen als bisher. Mehr noch: spontan mal einen Urlaub buchen, Städtereisen unternehmen vor allem auch zu nicht so weit entfernten Zielen, wie sie es in den letzten Monaten schon praktiziert haben. Sie waren in Naumburg, Quedlinburg oder Dresden. Und haben gemerkt, wie schön es nur wenige Kilometer weiter weg sein kann. „Das wissen wir oft gar nicht mehr“, sagt Ingrid Oxner.

Auch Radtouren und Wanderungen, so wie hier mit dem Goitzschetoffel, hat die engagierte Frau mit dem  Verein biworegio organisiert.
Auch Radtouren und Wanderungen, so wie hier mit dem Goitzschetoffel, hat die engagierte Frau mit dem Verein biworegio organisiert.
(Foto: Thomas Ruttke)
Mit  ihrem Mann Jürgen will Ingrid Oxner  das Rentendasein genießen - und sie haben viel vor.
Mit ihrem Mann Jürgen will Ingrid Oxner das Rentendasein genießen - und sie haben viel vor.
(Foto: Silke Ungefroren)