Ein Glühen im Wald

David Schnell hat für die Kirche Priorau ein Fenster gestaltet, das sich am Gartenreich orientiert

Von Christine Färber
In der Tischlerei Bethlehem in Jeßnitz  wurde das Fenster zusammengesetzt.
In der Tischlerei Bethlehem in Jeßnitz wurde das Fenster zusammengesetzt. (Foto: André Kehrer)

Priorau/Wörlitz/MZ - Verrückt: Wer immer die Dorfkirche von Priorau betritt, hält inne. Er ist fasziniert von einem Spektakel, das von einem Fenster herrührt. Dem Spiel von Licht und Farbe, das sich dort spiralförmig zu steigern scheint, kann sich keiner entziehen.

Und das soll man ja auch nicht. Das Kirchenfenster, das der Leipziger Künstler David Schnell geschaffen hat, ist am vergangenen Sonntag mit einem Gottesdienst eingeweiht worden. Er hat ihm den Titel gegeben „Glühen im Wald“. Und mehr Worte braucht es dafür nicht. Denn wer sich auf dieses Kunstwerk einlässt, kann das Abstrakte deuten und sieht es ganz deutlich: die gegeneinander stehenden Bäume, die in die Ferne führenden leuchtenden Wege, die zum Himmel aufstrebend blasser werdende Farbe und unschärfer werdende Kontur, die sich schließlich im grellen Sonnenlicht verlieren.

Seit 2012 werden Fenster in historischen Kirchen in Anhalt von Künstlern neu gestaltet

Seit mehreren Monaten bereits schmückt dieses Kunstwerk das Gotteshaus. Und eigentlich sollte bereits Ostern die Einweihung gefeiert werden. Doch das fiel wegen Corona aus. Jetzt also wurde das alles nachgeholt. Das Fenster fügt sich ein in das künstlerisch und handwerklich anspruchsvolle Glaskunstprojekt „Lichtungen - zeitgenössische Glasmalerei in anhaltischen Kirchen“. Seit 2012 werden Fenster in historischen Kirchen in Anhalt von Künstlern neu gestaltet. Plötzlich werden dunkle Räume hell, unscheinbare Fenster zum Hingucker. Und mehr noch: Die neuen Fenster sind auch Impuls für die Gemeinden selbst, sich neu auseinanderzusetzen mit ihrem alten Kirchenraum und so Anstöße zu gewinnen für das Gemeindeleben und die Nutzung der Gebäude.

Das Chorfenster von David Schnell (rechts) in der Dorfkirche Priorau  fasziniert.
Das Chorfenster von David Schnell (rechts) in der Dorfkirche Priorau fasziniert.
(Foto: Kehrer)

Zu dem Projekt gehörten bereits über 20 Kirchen. Das sind unter anderem die in Altjeßnitz, Cösitz, Kleckewitz und nun auch Priorau. Die Schirmherrschaft der „Lichtungen“ übrigens hat Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Herstellung und Einbau des Fensters von David Schnell, der als Vertreter der Neuen Leipziger Schule gilt und vor allem für seine großformatigen Gemälde bekannt ist, wurde vom Ecclesia Versicherungsdienst und einer Aktion der Landeskirche Anhalts mit insgesamt 17.500 Euro unterstützt.

Der neogotische Putzbau im Fürst-Franz-Stil in Priorau wurde 1817 errichtet

Das Fenster in Priorau übrigens ist nicht die erste Glas-Arbeit des 50-jährigen Leipzigers. Doch speziell dieses hat für ihn einen besonderen Stellenwert, denn auch er selbst ist fasziniert vom Zusammenspiel von Farbe und Licht und Räumlichkeit. Kurz: von der Wirkung, die es ausstrahlt. Er habe versucht, sagt er, ein Fenster zu machen, das einen Ausblick assoziiert. Dass es nicht einfach ein farbiges Bild ist, das durchleuchtet wird, sondern den Blick nach draußen vermuten lässt. Das ist auf wunderbare Weise gelungen.

Der neogotische Putzbau im Fürst-Franz-Stil in Priorau wurde 1817 errichtet. In seiner Komposition des Bildes nimmt Schnell die Architekturlandschaft des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches auf, erklärt Johannes Killyen, Sprecher der Landeskirche Anhalts. „Die Farb- und Lichtwirkung lässt Assoziationen zu Geschichten aus der Bibel und eigenen Erfahrungen zu: Nicht nur das Gelungene, auch das Missglückte macht unser Leben aus.“ Als „Brücke zwischen Realität und Transzendenz“, wie Schnell es formuliert, nehme das Fenster Spielarten religiöser Bildlichkeit auf: Ruhe, Stille und Konzentration, aber auch Aspekte wie Irritation und Gefährdung.