Ausstellung im Frauenzentrum

Ausstellung im Frauenzentrum Wolfen: Tattoos als Ausdruck der eigenen Gefühle

Wolfen - Trauernde lassen sich Tattoos stechen. Warum, das erzählen Betroffene in einer Ausstellung in Wolfen.

Von Christine Färber 18.11.2017, 13:00

Tattoo? Ja, Tattoo! Gestochene Bilder auf ihrer Haut zeigen Frauen und Männer in einer Ausstellung, die derzeit im Frauenzentrum Wolfen zu sehen ist.

Es sind keine Tattoos, die aus einer Laune heraus entstanden sind. Die Bilder sind Ausdruck eines großen emotionalen Einschnitts im Leben dieser Menschen. Sie berichten von Verlust, von Tod. Und so sind die Trauer-Tattoos etwas sehr Intimes. Sie lassen einen tiefen Blick in die verwundete Seele zu und öffnen so wohl den allermeisten Betrachtern das Herz.

Wer sich darauf einlässt, spürt das Wesentliche - neben den Tränen nämlich auch das empfundene Glück, mit dem verstorbenen Menschen ein Stück im Leben gemeinsam gelebt zu haben oder gegangen zu sein. Und deshalb gehen die Bilder im wahrsten Sinne unter die Haut.

Geschichten von Tattoos, Trauer und Verzweiflung

Über 100 Menschen - sie sind zwischen 16 und 70 Jahre alt - sind dem Aufruf der Fotografin Stefanie Oeft-Geffarth und der Fernsehjournalistin Katrin Hartig, die auch als Trauerbegleiterin arbeitet, gefolgt. Die beiden Frauen fotografierten und interviewten die Betroffenen.

Die Geschichte ihrer Tattoos, ihrer Verzweiflung und ihrer Trauer erzählt die Fotoausstellung „Unter die Haut“ auf großen Schautafeln. Erstmalig wird dieses Thema in einer aktuellen Wanderausstellung aufbereitet und an vielen Orten in Deutschland gezeigt.

Der Verein Frauen helfen Frauen, die Sternenkinder Anhalt-Bitterfeld, Antea Bestattungen und der Verein Hospiz Wolfen, auf deren Initiative hin Stefanie Oeft-Geffarth und Katrin Hartig die Ausstellung in Wolfen zeigen, wollen so das Thema Tod ins Leben holen, ein Tabu brechen.

Die Ausstellung in Wolfen soll auch ein Angebot sein über Trauer nachzudenken

„Wir klammern das Thema oft aus, keiner will drüber reden. Doch Gefühle, Ängste, Hoffnungen und Gedanken auszudrücken hilft uns, besser mit dem Schmerz umzugehen“, sagt Sieglinde Walkow, Sprecherin von Frauen helfen Frauen. „Es ist keine Tattoo-Ausstellung sondern ein Angebot, über Trauer nachzudenken und vielleicht die eigenen Empfindungen zu ordnen.“

Katrin Hartig weiß, wie sich Eltern fühlen, die ein Kind hergeben mussten. Wie sich Kinder fühlen, deren Vater oder Mutter verstorben sind. Ja, wie sich Leute fühlen, die die Schwester verloren haben, den Bruder, den besten Freund.

Die Journalistin Katrin Hartig trauert um ihren Sohn. Seit 15 Jahren müssen sie und ihre Familie mit dem Verlust leben. „Ich erlebe, dass Trauer etwas ist, was hält. Sie ändert sich, aber sie ist nie vorbei“, sagt sie, die zugleich Sprecherin mehrerer Gruppen Verwaister Eltern ist, „man muss mit dem Verlust leben.“ Die Trauer, so drückt sie es beinahe poetisch aus, ist für sie „das Kleingedruckte im Vertrag der Liebe“.

Trauerbewältigung in Form eines Tattoos

Gabi Schroths Trauer findet Ausdruck im Tattoo. Lange habe sie darüber nachgedacht, sich eins stechen zu lassen. Jetzt sei ihr Sohn immer bei ihr, sagt sie, und sie könne ihn auf ihrer warmen Haut streicheln. Für sie ist das auch eine Art „Kommunikation nach außen“. Eine zudem, durch die sie Menschen mit ähnlichem Schicksal kennenlernt.

Dass sich Betroffene in ihrer Situation gar nicht so selten und durchaus bewusst für ein Trauertattoo entscheiden, macht der Neuropsychologe Professor Erich Kasten deutlich: Manche wollen sich selbst Schmerz zufügen, um so über den Verlust hinweg zu kommen.

Das Phänomen habe sie interessiert, erklärt Katrin Hartig. Allerdings sehe sie keine Therapie darin, wenn sich Trauernde ein Tattoo stechen lassen, Schmerz aushalten - wohl aber eine Ausdrucksart. Tom Waldenburg, der vor 14 Jahren seine Tochter verloren hat, fand eine andere Art, mit seiner Trauer umzugehen.

Projekt „Trauertattoo - Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ tragen Initiatorinnen durch ganz Deutschland

Der Dessauer Musiker komponiert Songs für die Verstorbenen. „Ganz oft kommen Leute zu mir. Und bitten mich um einen individuellen Song. Dazu müssen sie sich öffnen, intime Geschichten erzählen“, sagt er. „Da sind auch meine Emotionen dabei - vielleicht, weil ich das alles selbst auch erlebt habe. Ich weiß, was die Menschen gerade durchmachen. Ich kleide das in Worte und Musik.“

Das Projekt „Trauertattoo - Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ tragen Katrin Hartig und Steffanie Oeft-Geffarth durch ganz Deutschland. Ein Anliegen sei es ihnen, Trauer dahin zu führen, wo sie hingehört, um mit dem Verlust leben zu können. (mz)

Die Ausstellung „Trauertattoo - Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ von Katrin Hartig und Stefanie Oeft-Geffrath ist bis zum 23. November im Frauenzentrum Wolfen zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Das Frauenzentrum in der Fritz-Weineck-Straße in Wolfen ist jeweils Montag bis Donnerstag von 8 bis 17 Uhr und Freitag von 8 bis 14.30 Uhr geöffnet.

Das Kooperationsprojekt „Trauertattoo - Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ kam zustande durch die Zusammenarbeit des Vereins „Frauen helfen Frauen“, den Sternenkindern Anhalt-Bitterfeld, Antea Bestattungen sowie dem Verein „Hospiz Wolfen“.