Wenn das Handy zur Droge wird

Jugendliche aus Bernburg befassen sich in Workshops mit verschiedenen Süchten

Wie zwei verschiedene Brillen Alkohol- und Drogenkonsum simulieren.

Von Susanne Schlaikier 23.09.2021, 11:00 • Aktualisiert: 23.09.2021, 11:03
Einfachste Aufgaben, wie das Aufheben einer Maske, fallen  nach dem Konsum von Alkohol schwer, stellt Wilma fest.
Einfachste Aufgaben, wie das Aufheben einer Maske, fallen nach dem Konsum von Alkohol schwer, stellt Wilma fest. Foto: Pülicher

Bernburg/MZ - Die Aufgabe scheint ganz einfach: Philipp soll zum Lichtschalter gehen und das Licht anschalten. An diesem Tag aber scheitert der Zwölfjährige daran. Er wankt zwar auf den Schalter zu, verfehlt ihn aber mehrfach.

Auch Francis will es nicht gelingen, die Bälle zu fangen, die man ihr zuwirft. Es ist, als hätten die beiden Alkohol getrunken oder andere Drogen konsumiert. Die Siebtklässler haben zwar keinen Tropfen Alkohol angerührt, aber die Brille, die Philipp trägt, simuliert genau das. In diesem Fall kann der Schüler vom Campus Technicus nachempfinden, wie man sich mit 0,8-Promille im Blut fühlt. Francis hingegen hat sich für eine Brille entschieden, die den Konsum illegaler Drogen vortäuscht.

„Wir können das Ganze hier natürlich nur anreißen und hoffen, dass das Thema in den Schulen vertieft wird“

Die „Rausch-Brillen“ sind Teil der Suchtprävention, die in dieser Woche vom Amt für Kinder- und Jugendförderung der Stadt Bernburg im Klubhaus der Jugend organisiert wird. Damit sollen vor allem die Siebt- und Achtklässler angesprochen werden. „Alkohol steht etwas im Vordergrund, weil es vermutlich die erste Droge ist, mit der die Schüler in diesem Alter in Berührung kommen“, sagt Thomas Haedicke vom Amt für Kinder- und Jugendförderung. Es gehe darum, den Jugendlichen zu vermitteln, dass es auf die Menge ankomme, die man zu sich nimmt. „Wir können das Ganze hier natürlich nur anreißen und hoffen, dass das Thema in den Schulen vertieft wird.“

Philipp Hille probiert nicht nur die Brille aus, die Alkoholgenuss simuliert, sondern auch die Drogen-Brille. „Ich habe alles doppelt gesehen“, berichtet er von seinen Erfahrungen. Auch sei es unmöglich gewesen, zielgerichtet zu laufen. So extrem habe er sich das nicht vorgestellt, sagt der Zwölfjährige und hofft, nie eine solche Erfahrung in der Realität machen zu müssen. Auch Francis Schneider ist erst einmal abgeschreckt. „Das war schon ein komisches Gefühl“, gibt die Zwölfjährige zu.

Abrutschen in die Drogensucht wird thematisiert

An einer anderen Station müssen die Schüler den Alkoholgehalt verschiedener Getränke einschätzen. Dass ein Glas Bier beispielsweise genauso viel Gramm Alkohol enthält wie ein kleines Schnapsglas mit einer hochprozentigen Spirituose hätten sie kaum für möglich gehalten. Auch, wie man überhaupt in die Drogensucht abrutschen kann (Stichwort: „falsche Freunde“), wird in einem der Workshops thematisiert. Sie erfahren aber auch, dass es ungesund ist, von früh bis spät auf sein Handy zu starren.

Nach einem kurzen Filmchen erkundigt sich Tobias Dölle-Faulhaber, Mitarbeiter im Klubhaus, nach dem Handykonsum der Schüler, um herauszufinden, ob sie vielleicht schon „Handysüchtig“ sind. Anschließend sollen sie eine Aufgabe erledigen, ohne ihr Smartphone zu benutzen: Sie sollen - gedanklich - eine Party organisieren. Wie etwa könnte die Tisch-Dekoration aussehen, ohne sich im Internet zu informieren? Wie werden die Freunde eingeladen, wenn das Handy nicht benutzt werden darf?

Während eine Vierer-Gruppe von Jungen etwas ratlos wirkt, haben drei Mädels gleich mehrere Vorschläge: Bei der Dekoration könnte man die Mutter um Hilfe fragen oder in einem Buch nachschauen, sagten sie. Und einladen könnte man die Freunde persönlich oder schriftlich. Das Handy sei zwar wichtig, sagte Chaja Rannefeld. Zum Beispiel morgens als Wecker. Oder, wenn sie unterwegs ist und ihre Mutter sie anruft. Aber sie brauche es nicht ständig, betonte die 13-Jährige. Manchmal genieße sie auch einfach nur Spaziergänge mit ihren Hunden in der Natur, bei denen das Smartphone in der Tasche bleibt.