Erster Kuss im Hausflur

Erna und Wilhelm Böhm sind seit 65 Jahren verheiratet

Was das Paar über so lange Zeit verbindet.

Von Detlef Anders
 Wilhelm und Erna Böhm feierten am Mittwoch die eiserne Hochzeit. Beide kamen als Flüchtlingskinder nach Aschersleben.
Wilhelm und Erna Böhm feierten am Mittwoch die eiserne Hochzeit. Beide kamen als Flüchtlingskinder nach Aschersleben. Foto: Detlef Anders

Aschersleben/MZ - Den 1. September 1956 hatten sich gleich fünf junge Paare aus Aschersleben als ihren großen Tag auserkoren. Fünf Paare gaben sich damals in Rathaus das Ja-Wort. Die Tageszeitung „Freiheit“ berichtete darüber.

Fünf Jahre später war nur noch ein Paar von ihnen zusammen, erinnert sich Wilhelm Böhm. Er feierte am Mittwoch mit seiner Frau Erna, den Familien des Sohnes und der Tochter - es gibt auch zwei Enkel - die eiserne Hochzeit.

Aus dem Sudetengebiet vertrieben

Erna und Wilhelm Böhm wurden nach dem Zweiten Weltkrieg als Kinder mit ihren Familien aus dem Sudetengebiet vertrieben. Sie hatten nur 50 Kilometer voneinander entfernt gelebt. In Aschersleben fanden beide eine neue Heimat. Sie kamen zunächst in einem Lager in einem Pferdestall Über den Steinen unter. Dann wuchsen sie im gleichen Haus in der Friedrichstraße 29 in untervermieteten Zimmern auf. „Da ist die Liebe wahrscheinlich schon entsprungen“, sagt Wilhelm Böhm, damals 13, lachend.

Die echte Liebe fürs Leben sei irgendwann gekommen. „Wenn man in einem Haus wohnt, da kommt es schon mal zum ersten Kuss“, berichten beide schmunzelnd. „Wann immer was ist, man muss sich aussprechen. Auch wenn es mal schlimm ist“, nennt Wilhelm Böhm das Rezept ihrer so langen glücklichen Ehe.

Wilhelm Böhm ist begeisterter Ornithologen

Wilhelm Böhm ist gelernter Zimmermann und wurde später Starkstromelektriker bei der Bahn. Seine Ehefrau arbeitete als Näherin am Fließband und zehn Jahre als Heimarbeiterin im VEB Kindermoden Aschersleben. Viele Ascherslebener kennen Wilhelm Böhm als Ornithologen. Seit 62 Jahren beringt er Vögel. Auch wenn er heute nicht mehr auf hohe Bäume oder auf morschen Leitern bis in die höchste Luke der Stephani-Kirche steigt, um Habichte oder Rotmilane zu beringen: Wenn er in seinem Garten Vögel am Nistkasten hat, dann beringt er sie auch mit fast 88 Jahren noch. „Es ist nie was passiert“, sagt er zu dem doch etwas abenteuerlichen Hobby, bei dem er auch schon mal von einem aggressiven Habicht angegriffen wurde. Die vier Jungvögel im Horst habe er aber dennoch beringt. „Das war ein Erlebnis mit Herzklopfen.“

Wilhelm Böhm ist ein Mann der Zahlen: Er weiß genau, dass er 1.188 Rotmilane beringte, 236 Schwarzmilane und 1.452 Mäusebussarde. 2.462 Horste hat er auf 2.592 Bäumen kontrolliert und dabei 23.654 Höhenmeter erklettert, hat er errechnet. „Wer macht so was heute“, fragt er. Nur wenn er erst ganz spät nach Hause kam, gab es Ärger mit der Frau, die Ängste ausstand. „Er war immer allein“, sagt sie dazu, und ihr Mann entschuldigt sich: „Es gab ja noch keine Handys.“ Lange kümmerte er sich wie ein Hausmeister auch um das nach der Wende fast leergezogene Mehrfamilienhaus und die Nachbarhäuser.

Was das Schönste war?

Jedes Jahr seien sie im Kreis Marienberg in einem Betriebsbungalow gewesen. „14 Tage im September, wenn es Pilze gab“, berichtete Wilhelm Böhm von Pilz-Trocknungsaktionen im Bungalow. Erna Böhm schneiderte, liebt Handarbeiten wie Deckchenhäkeln. Ihr Mann löst Kreuzworträtsel und liest täglich sehr gern die MZ. „Die Zeitung, die muss sein“, sagt er. Gesundheitlich sind beide angeschlagen. Trotzdem fährt Wilhelm Böhm mit dem uralten Fahrrad los, um kleinere Einkäufe zu erledigen. Schwere Sachen holt ihnen der Sohn. „Ihr beide gehört noch lange nicht zum alten Eisen“, finden die Kinder und Enkel.