Ängste, Sorgen

Instagram, Facebook: Warum Menschen ihre Probleme auf Social Media teilen

Hohenheim - Dr. Tobias Dienlin ist Medienpsychologe und erklärt, wie es helfen kann Ängste und Sorgen auf Social Media zu teilen, um seine Probleme zu bewältigen.

Posten, teilen, liken: Immer mehr Menschen sprechen auf Social Media auch über private Probleme.
Posten, teilen, liken: Immer mehr Menschen sprechen auf Social Media auch über private Probleme. iStockphoto

Sie sprechen über Magersucht, schwere Krankheiten und Vergewaltigung. Seelische Probleme werden nicht mehr (ausschließlich) mit einem Therapeuten besprochen, sondern über Social Media mit der Welt geteilt.

So hat es zum Beispiel auch Kim gemacht. Die junge Frau aus Hamburg erkrankte an Brustkrebs und ließ tausende Menschen an ihrem schweren Weg auf Instagram teilhaben. Kim starb in der Silvesternacht 2017 im Alter von nur 30 Jahren – doch ihr Account bewegt die Menschen noch heute und spendet vielen Betroffenen Mut und Hoffnung.

Das ist nur einer der Gründe die Menschen dazu bewegen, ihre größten Probleme, inneren Ängste und schwersten Schicksalsschläge mit völlig Fremden zu teilen. Was Menschen noch dazu bewegt und über mögliche Gefahren haben wir mit Dr. Tobias Dienlin, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hohenheim und Medienpsychologen, gesprochen.

Warum teilen so viele Menschen ihre Probleme auf Instagram, Facebook und Co.?

Bei dieser Form des Austauschs sei es schnell möglich, „viele soziale Unterstützung zu bekommen“, sagt Dr. Tobias Dienlin. „Man ist nicht mehr alleine, man kann sich mit anderen austauschen und man bekommt Anteilsbekundungen.“

Unterstützung und Anteilnahme – für sich, aber auch für andere – rückt in den Fokus der Kommunikation: „Man bekommt mit, dass bestimmte Themen ganz bewusst angesprochen werden, um auch zu enttabuisieren. Betroffene entscheiden sich bewusst dazu, ihr Gesicht dafür zur Verfügung zu stellen.“

Als Beispiel nennt Dienlin Frauen, die ihr Kind während der Schwangerschaft verlieren. „Gesellschaftlich gesehen wird dieses Thema so gut wie gar nicht thematisiert. Durch Social Media können die Frauen merken, dass sie nicht alleine sind.“

Doch nicht nur der soziale Aspekt spielt eine Rolle. „Oft ist es so, dass der Prozess des Niederschreibens an sich eine helfende Wirkung hat. Es hilft einem dabei Ansichten zu strukturieren.“

Dabei handelt es sich um eine Form der Kommunikation, die schon lange als Therapiemittel eingesetzt wird. „Sich Dinge von der Seele zu schreiben ist ein Phänomen, was gar nicht so spezifisch durch Social Media zustande gekommen ist. Schon seit Jahrzehnten werden Patienten in einer Therapie darum gebeten Dinge aufzuschreiben. Allein das kann eine lindernde Wirkung haben“, erklärt Dienlin. 

Kann man diese Art von Kommunikation als eine Form von (Gruppen-)Therapie ansehen?

„Ja, das kann man wahrscheinlich schon so nennen. Sicherlich ist es was anderes als ein klassisches Gruppentherapeutisches-Angebot, wie beispielsweise bei den Anonymen Alkoholikern. Die Parallele ist, dass sowohl das Formulieren helfen kann als auch das Zuhören. Ein wichtiges Merkmal der Gruppentherapie ist, dass man sieht, dass andere mit den gleichen Problemen kämpfen und man sich gegenseitig ermuntert“, sagt Dienlin.

Ist diese Offenheit in sozialen Netzwerken eher gut oder schlecht?

„Es ist sicherlich nicht alternativ zu einer richtigen Therapie zu verstehen. Wenn jemand ein klinisches Störungsbild vorliegen hat, dann sollte immer die erste Empfehlung sein, sich professionelle Hilfe zu suchen. Gleichzeitig ist es aber auch nicht fahrlässig, wenn man sich mit seinen Problemen an andere Menschen wendet.“

Wo liegen die Gefahren?

Laut Dienlin liegen die Gefahren vor allem in der sogenannten Rekontextualisierung. Informationen, die in einem bestimmten Zusammenhang preisgegeben werden, könnten falsch wiedergegeben werden. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn sich jemand in einem Online-Blog über sein Alkoholproblem austauscht und die Informationen den Chef oder die Kollegen erreichen.

Der Experte warnt: „Das Internet vergisst nicht. Die Informationen sind ewig auffindbar. Auch nach der Bewältigung eines Problems kann man die Thematik dann vielleicht nicht hinter sich lassen. Das sollte man sich gut überlegen.“ Deshalb ist es auch keine Seltenheit, dass User sogenannte Fake-Accounts erstellen oder anonyme Blogeinträge veröffentlichen.

Kann Social Media Betroffenen wirklich bei ihren Problemen helfen?

Social Media könne Betroffenen bei ihren Problemen helfen. Der Experte betont aber auch, dass der Erfolg wie bei einer richtigen Therapie stark von der Beziehung zum Therapeuten abhängig sein kann – im Netz kommt es also auf die Rückmeldung der Community an.

Das zeigen auch Studien von Soldaten, die nach der Rückkehr aus dem Irak-Krieg Online-Support-Plattformen genutzt haben und ihre Leiden dadurch signifikant reduzieren konnten – und zwar in einem ähnlich Ausmaß wie diejenigen, die herkömmliche Angebote genutzt. „Gerade in solchen Fällen kann das also durchaus funktionieren“, sagt der Experte. 

Tobias Dienlin findet: „Grundsätzlich würde ich es als positiv bewerten, wenn sich Menschen anderen gegenüber öffnen, es aber niemandem aufzwingen. Man kann beobachten, dass einige Menschen Hilfe daraus ziehen. Grundsätzlich ist es wichtig, dass überhaupt ein Gespräch oder Austausch stattfindet und nicht das Medium in den Vordergrund rückt, worüber es stattfindet.“ 

Das Medium sei nicht wichtig, wenn Menschen jemanden haben, der ihnen zuhört und auch die Probleme und Sorgen teilt – das funktioniere über Telefon, online oder persönlich. Der Austausch im Internet kann Chancen bieten: „In dem Fall, wo Menschen stigmatisiert sind, seltene Krankheiten oder ungewöhnliche Probleme haben, ermöglicht einem der Online-Kontext überhaupt erst an einen Support zu kommen, den man sonst gar nicht hätte. Da bietet das Internet Räume an, die es vorher so nicht gab. Und das ist das wichtigste: Das Menschen die Chance haben miteinander zu reden und sich zu offenbaren“, erklärt der Experte.