Urlaub am Austragungsort Vom Geheimtipp zum Star: Livigno startet bei Olympia durch
Livigno wird 2026 erstmals Austragungsort der Olympischen Spiele. Wie das abgelegene Dorf in einem Hochtal der Alpen vom Großereignis profitiert – und warum es auf Qualität statt Masse setzt.

Livigno - Wenn Luca Moretti über die Olympischen Spiele spricht, gerät er ins Schwärmen. Als ehemaliger Skirennläufer weiß der Italiener, wie man pünktlich zum Tag X in Topform ist. Für seine Heimat ist dies der 6. Februar 2026. Dann betritt Livigno die internationale Bühne des Wintersports.
Die Gemeinde in einem abgelegenen Hochtal im Norden Italiens ist einer der alpinen Austragungsorte der Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 – und wohl derjenige, der von dem größten Sport-Event der Welt am meisten profitieren wird.
Olympia als Glücksfall für das „Tibet Italiens“
„Für Livigno und seine nachhaltige Entwicklung sind die Spiele ein Glücksfall“, sagt Luca Moretti. Als Präsident der Organisation „Livigno Next“ hat der ehemalige Weltcup-Fahrer geholfen, den Ort im Veltlin olympiatauglich zu machen. Jahrzehntelang lebten die Livignaschi weitgehend unbeachtet an der Grenze zur Schweiz. „Tibet Italiens“ wurde das von Dreitausendern umrahmte Livigno genannt, weil das auf 1.800 Metern Höhe liegende Tal im Winter so abgeschieden war wie das Land im Himalaja.
Jahrhundertelang war keine Passstraße im Winter befahrbar. Das Leben war hart. Um die Abwanderung zu stoppen, erhielt Livigno eine bis heute gültige Zoll- bzw. Mehrwertsteuerbefreiung. Die isolierten Livignaschi lebten von Almwirtschaft und Schmuggel, bis 1952 der Foscagno-Pass nach Süden auch im Winter offengehalten und zur Anbindung an den Norden 1962 ein Straßentunnel zur Schweiz gebaut wurde. Das war die Initialzündung für Livigno als Wintersportort.
Mit dem Tourismus kam zwar der Aufschwung. Mit den modernen Skigebieten in Österreich konnte Livigno aber mit seinen veralteten Liften und seinen überwiegend einfachen Hotels nicht mithalten. Deutsche Skitouristen verirrten sich trotz der Schneesicherheit, der beiden hervorragenden Skiberge Carosello 3000 und Mottolino und der großartigen Langlaufloipen nur selten in den Ort. Er lag fest in der Hand von Schweden und Engländern. Die scheuten die lange Anreise nicht und schätzten den günstigen Alkohol und das billige Benzin.
Der Olympia-Katalysator
Seit der Jahrtausendwende wurde investiert – vom Staat und Geschäftsleuten. „Der Olympia-Zuschlag wirkte wie ein Katalysator“, sagt Luca Moretti. Das Sport- und Wellnessbad Aquagrande wurde gebaut, das Bergbahnen-System modernisiert und sogar eine Verbindungsbahn zwischen beiden Bergen für den Winter 2026/2027 geplant. Millionen flossen in ein unterirdisches Parkhaus, ein Krankenhaus und den Straßenausbau.
„Viele Jahre ist nichts passiert und jetzt sind dank Olympia der Wille und das Geld da, einen großen Schritt nach vorne zu machen“, sagt Fabio Giacomelli. Er ist Geschäftsführer von Lungolivigno, einer Gruppe, die Hotels, Restaurants und Mode-Boutiquen im Ort betreibt. Ob sich die massiven Investitionen langfristig auszahlen, wird sich zeigen müssen.
Eine Wette auf die Zukunft, die die Livignaschi aber durchaus eingehen können: Wenn der Klimawandel Skisport in niedrig gelegenen Skigebieten unmöglich macht, wird Livigno wegen seiner schneesicheren Höhenlage zu den Gewinnern zählen.
Davon ist auch Fabiano Monti überzeugt. Der Wissenschaftler hat am „WSL – Institut für Schnee- und Lawinenforschung“ im schweizerischen Davos promoviert und kennt die Bedingungen in Livigno genau. Mit 115 Pistenkilometern bietet das Skigebiet viel Auswahl, von Genusspisten bis hin zu Rennpisten wie die Giorgio Rocca. Benannt ist sie nach dem in Livigno lebenden ehemaligen italienischen Slalom-Star, der elf Weltcuprennen gewann.
Neben den präparierten Abfahrten lockt Livigno mit 100 Quadratkilometern Terrain für Skitourengeher und Freerider. Viele der Geländeabfahrten sind von Liften aus erreichbar. Fabiano Monti liefert täglich einen detaillierten Lawinenlagebericht, der darüber Auskunft gibt, was möglich ist und was nicht.
Wissenschaftler Monti freut sich auf die Spiele in Livigno, wo Snowboard- und Freestyle-Medaillen vergeben werden. Dass für die Athleten kein neues Olympisches Dorf gebaut wurde, sondern Zimmer in den bestehenden Hotels gebucht wurden, zeigt für Monti das Augenmaß der Olympia-Planer. Der dörfliche Charakter bleibt erhalten, geprägt von kleinen Appartement-Häusern, Pensionen und charmanten Boutique-Hotels wie das brandneue „Mo.he“.
Buonissimo! Livigno lockt mit feiner Hüttenküche
Klein, aber fein sind auch die Berghütten wie Tea da Cip e Cop und Camanel di Planon sowie Alpino, wo Metzgermeister Matteo Villani eine wunderbar gereifte „Bistecca“ grillt. In den Restaurants wird Cucina italiana mit alpinem Touch serviert – und die Veltliner Spezialität „Pizzoccheri“. Das deftige Gericht mit Käse, Kartoffeln, Gemüse und Buchweizennudeln gab den Livignaschi Kraft für die harte Arbeit auf den Almen und den Schmuggel, erfährt man im „MUS!“.
In dem Museum wird auch erzählt, wie der hemdsärmelige und streitbare Dorfpfarrer Alessandro Parenti einst die Schmuggler verteidigte. Den Schriftsteller Giovanni Guareschi soll er zu seinen legendären Geschichten rund um Don Camillo und Peppone inspiriert haben.
Mit Cleverness und Weitblick à la Don Camillo gestalten die Livignaschi rund um LivignoNext-Chef Luca Moretti die Zukunft ihres Ortes. „Wir wollen nicht mehr Gäste, sondern den Gästen mehr und Besseres bieten“, sagt Moretti. Dass mit einem verbesserten Angebot auch die Preise in dem lange als günstiges Winterurlaubsziel bekannten Ort steigen werden, ist klar. Die Frage bleibt, ob die Stammgäste, die Livigno gerade wegen der günstigen Preise schätzen, den Wandel mittragen werden.
Das alpine Herz der Spiele wird Cortina d‘Ampezzo
Livigno profitiert von Olympia mehr als die anderen Austragungsorte dieser dezentralen Spiele in sieben Orten, weil diese ohnehin schon bekannt sind. Das gilt insbesondere für Cortina d’Ampezzo. Die „Perle der Dolomiten“ in der Region Veneto war schon 1956 Austragungsort von Olympischen Spielen. Italiens mondänster Skiort braucht keine Werbung, profitiert aber ebenso von Investitionen in die Infrastruktur und zahlreichen neuen oder modernisierten Luxushotels wie das „L’Ancora“ von Diesel-Jeans-Gründer Renzo Rosso.
Livigno im Schatten der Großen – noch
Auch das Val di Fiemme im Trentino, wo Langlauf und Skispringen stattfinden, sowie der Skirennort Bormio in der Lombardei und Antholz in Südtirol, wo die Biathleten um Medaillen kämpfen, sind bekannter als Livigno. Noch: Denn mit den Olympischen Spielen 2026 reiht sich der kleine Wintersportort im Veltlin in die Riege der Großen ein.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Livigno liegt in der italienischen Region Lombardei an der Grenze zur Schweiz.
Anreise: Von München aus sind es etwa viereinhalb Stunden mit dem Auto. Nächste Flughäfen sind in Innsbruck und Mailand.
Beste Reisezeit: Die Skisaison dauert von Anfang Dezember bis Mai. Die Olympischen Spiele finden vom 6. bis 22. Februar 2026 statt.
Unterkünfte: alle Kategorien und Arten. Zu den Top-Hotels zählen „Lac Salin“ und „Mo.he“.
Skifahren: Das Skigebiet bietet 115 Pistenkilometer zwischen 1.800 und 2.900 Metern. Skipässe können unter skipasslivigno.com gekauft werden. Livigno ist zudem eine Freeride-Hochburg mit Heliski-Angebot. Auf 30 Kilometern sind Langlaufloipen präpariert.
Weiterführende Informationen: www.livigno.eu; olympics.com/de/milano-cortina-2026/regionen/livigno