11.700 Kilometer

Christoph Rehage läuft zu Fuß von Peking nach Deutschland

Christoph Rehage ist ebenso wenig der klassische China-Tourist wie der typische Deutsche: Drei Jahre lebt und studiert er in Peking, bis er zu seinem Lebensprojekt „The Longest Way“ aufbricht: Zu Fuß will er von Peking bis in seinen Heimatort Bad Nenndorf in Norddeutschland gehen.

Von Katharina Maksym

Christoph Rehage ist ebenso wenig der klassische China-Tourist wie der typische Deutsche: Drei Jahre lebt und studiert er in Peking, bis er zu seinem Lebensprojekt „The Longest Way“ aufbricht: Zu Fuß will er von Peking bis in seinen Heimatort Bad Nenndorf in Norddeutschland gehen. 4646 Kilometer bringt er im ersten Jahr hinter sich und durchquert China von Ost nach West, in den darauffolgenden Jahren schafft er es Schritt für Schritt weiter – mittlerweile ist er in mehreren Etappen und nach über 6000 Kilometern in Usbekistan angekommen. 

Unsere Autorin tauschte mit ihm Sprachmemos via WhatsApp aus. Ein Chat-Verlauf von einem kleinen Schreibtisch in Köln zu einem 5700 Kilometer entfernten, pinken Hotelzimmer, irgendwo in der Nähe von Taschkent, Usbekistan.

Herr Rehage, warum gehen Sie gerne? Wie ist es entstanden, dass Sie alles zu Fuß erleben wollen?

Christoph Rehage: Ich gehe nicht gerne um des Gehen Willens. Zu Fuß gehen ist sehr anstrengend, auch irgendwie lahm und tut irgendwann auch weh. Aber auf lange Strecke zu laufen und zu gucken was kommt, finde ich super.

Das Gehen ist die langsamste Art der Fortbewegung und ich habe dann das Gefühl, ich kriege mehr mit. Ich sehe diese kleinen Orte zwischen den großen Städten, die auch nicht im Reiseführer stehen und da muss ich dann auch sehen, wie ich da unterkomme. Das finde ich total spannend, spannender als Großstädte.

Zu Fuß gehen hat außerdem den Vorteil: Es ist klar erkennbar, dass man selber der Schwächste auf der Straße ist. Selbst mit dem Fahrrad hat man eine gewisse Erhabenheit: „Ich brauche dich nicht, ich fahre jetzt an dir vorbei“. Wenn man zu Fuß kommt, ist man nie schneller als jemand sonst und die Leute verstehen immer: Man braucht Essen, Trinken und einen Platz zum Schlafen. Die Leute helfen gerne.

Fragen Sie denn aktiv nach Hilfe oder ist das nicht nötig?

Es kommt etwas darauf an, wie dringend ich Hilfe brauche. Ich versuche eigentlich, nicht danach zu fragen „Kann ich bei dir schlafen?“. Die Leute sind ja sehr gastfreundlich und ich weiß, sie würden sich in Mühen stürzen, um mich bei sich übernachten zu lassen. So möchte ich sie nicht in eine Situation drängen, aus der sie eigentlich nicht mehr rauskommen und dann „ja“ sagen.

In solchen Fällen gehe ich eher zu einem Kiosk in der Nähe und frage „Kennst du jemanden, bei dem ich für etwas Geld übernachten könnte?“. Dann kann er sich umschauen, wer dafür in Frage kommen würde und die Person wird dann nicht von mir in die Ecke gedrängt. Aber sonst ist es eher so, dass die Leute Hilfe anbieten.

Jetzt Sind Sie wieder unterwegs Richtung Deutschland. Wie stelle ich mir Ihr Reisen vor? Sie ziehen jeden Tag diesen Sack-Karren hinter sich her – der muss doch wahnsinnig schwer sein?

Moment, das ist kein Sack-Karren. Es ist die Kabutze. Sie ist schön, sie ist elegant und sie legt da Wert drauf. Sie ist schon eine Dame und hat auch ihr Gewicht, so um die 60 Kilo. Aber bei der Kabutze ist das Gewicht auf den Rädern, sodass sie quasi schwerelos ist, wenn ich die Stangen anhebe.

Schwer wird sie, wenn etwas im Weg ist, eine Treppe rauf oder runter oder es bergig wird. Dann meldet sich die Kabutze und es wird etwas anstrengend, aber das kann man ihr ja nicht übel nehmen. Da sind ja alle meine Sachen drin: Zelt, Wasser, zwei Schlafsäcke, Essen, eine Matte und all mögliches Zeug.

Haben Sie auch mal Wegbegleiter oder sind Sie immer alleine unterwegs?

Normalerweise bin ich allein. Das heißt: Mit der Kabutze.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was seine Pläne sind und wie er sich während der Reise verändert hat.

Was sind Ihre Pläne?

Ich gucke mal, wie weit ich diesmal komme. Iran wäre schön, Türkei wäre schön, aber es ist doch besser, wenn man ein bisschen entspannt bleibt und das nicht alles so eine riesige Wichtigkeit bekommt.

Sie haben von Ihrer China-Durchquerung ein Video erstellt, das mit über 15 Millionen Klicks auf YouTube zu einem wahnsinnigen viralen Erfolg wurde. Im Zeitraffer ist zu sehen, wie sehr der wachsende Bart im Laufe der Reise Ihr Äußeres verändert. Hatten Sie das Gefühl, dass Sie mit Bart eine andere Wirkung hatten und glauben Sie, dass die Menschen in dieser Phase mehr Scheu davor hatten, Sie anzusprechen oder mehr Respekt vor Ihnen hatten?

Ja, das ist tatsächlich so, ich merke das jetzt auch wieder. Ich habe mir wieder seit vier Monaten den Bart wachsen lassen. Ich bin ein bisschen dynamischer, was das Aussehen angeht, wobei: Dynamischer gut aussehen kann ich nicht mehr, das ist jetzt eingeschränkt.

Aber ich kann nett aussehen, also wie der liebe Onkel, bei dem die Leute mich eher für einen freundlichen Trottel halten. Oder wenn ich will halt auch gemein, mit einer Kapuze – bisschen böse gucken und dann sieht das schon grimmiger aus, als wenn man gepflegt ist.

Das etwas Gelackte vom Anfang der Reise ist natürlich weg und das macht es bei den meisten Leuten auch spannender. Oft nervt mich der Bart aber auch.

Wann wollen Sie denn auf den Reisen gemein rüberkommen?

Zum Beispiel, wenn ich abends an Gruppen von seltsamen Typen in der Umgebung der Großstadt vorbeikomme. Dann ist es schon ganz gut, wenn ich ein bisschen gemein aussehen kann. Oder wenn ich das Gefühl habe, jemand ist mir nicht ganz koscher und man muss entscheiden, ist man jetzt der, der sich dumm und freundlich stellt oder der, der sich gemein stellt.

Es gab einmal ein paar Typen, die meine Uhr haben wollten und auf der Landstraße ein Gewehr rausgeholt haben, aber das war so absurd, dass ich einen Schock hatte und gelacht habe – und dann sind sie wieder abgezogen.

Wenn man sich Ihre Filme anschaut, hat man als Betrachter das Ziel schnell wieder vergessen, es geht nicht mehr wirklich darum, ob Sie ankommen, sondern mehr um die Erlebnisse, die auf Ihrer Strecke liegen. Ging es Ihnen auch so, dass Ihnen das Ziel unwichtig wurde oder waren Sie dann doch enttäuscht, als Sie für sich entschieden haben, erst einmal vor Kasachstan aufzuhören?

Damals war das schon doof. Als ich von Peking losgelaufen bin, war die Mission schon sehr wichtig, ich wollte unbedingt nach Deutschland laufen. Das hatte schon einen Zwang: Ich habe ein Prinzip erklärt und ausgerufen, danach musste das passieren.

Aber seitdem bin ich entspannter und ich genieße es auch sehr, dass ich sagen kann: Ich schaue mal, wie weit ich komme. Ich freue mich immer noch, wenn die Linie wächst und ich weiterkomme, vor allen Dingen, wenn ich in ein neues Land komme. Ich bin jetzt noch 200 Kilometer von Samarkant entfernt, die Stadt, in der die Geschichte von 1000 und 1 Nacht spielt.

Das ist total aufregend, ich denke seit 10 Jahren an diesen Ort und jetzt bin ich kurz davor, dass ich ihn wahrscheinlich erreiche! Aber ich bin jetzt schon entspannter. Der Weg ist das Ziel und sonstige esoterische Aussprüche finde ich blöd, aber es ist wichtig, dass man entspannt bleibt im Leben und sich damit arrangiert, dass es schlechte und gute Zeiten gibt.