Arzt als Risiko-Patient

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Warum ein Kardiologe sich selbst behandelt

Halle (Saale) - Ein Kardiologe, der selbst ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat? Das klingt nach dem sprichwörtlichen Schuster, der die schlechtesten Schuhe hat.

Von Bärbel Böttcher 30.01.2017, 12:22

Ein Kardiologe, der selbst ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat? Das klingt nach dem sprichwörtlichen Schuster, der die schlechtesten Schuhe hat.

Doch auf Dr. Alexander Plehn, der seit anderthalb Jahren in Salzmünde (Saalekreis) gemeinsam mit Dr. Thomas Hartkopf eine Gemeinschaftspraxis betreibt, trifft das zu. Noch hat der 41-Jährige keine Beschwerden. Aber die medizinischen Parameter sprechen eine deutliche Sprache.

BMI umrechnen? So geht's:

Plehn bringt 121 Kilogramm auf die Waage und ist damit trotz seiner Größe von 1,88 Metern deutlich übergewichtig. Sein Body-Mass-Index (BMI) beträgt 34,2. Ist diese Messzahl größer als 30, gilt in der Medizin ein Mensch als fettleibig.

Zwar ist der BMI (berechnet wird er aus dem Gewicht in Kilogramm, geteilt durch die Größe in Metern im Quadrat) umstritten, weil er beispielsweise den Körperbau eines Menschen oder seinen Trainingszustand außer Acht lässt. Aber als Richtwert wird er dennoch herangezogen.

Bauchfett ist die Hauptproblem bei Männern

Ein weiterer solcher Richtwert ist der Bauchumfang. Bei Plehn sind es 118 Zentimeter. „Das ist zu viel“, befindet er. Den Bauch bezeichnet er als die „Hauptproblemzone bei uns Männern“. Denn das Bauchfett ist - allerdings nicht nur für Männer - gefährlich.

„Es setzt Hormone frei, die Entzündungsreaktionen im Körper verursachen können“, erläutert er. Dadurch werden Herzinfarkte und Schlaganfälle begünstigt. Aber auch Krankheiten wie Diabetes oder Gicht. Ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen besteht auch, wenn der Blutdruck erhöht ist und die Blutfettwerte bedenklich sind. Wie bei Plehn.

Leistungstest auf dem Fahrrad-Ergometer

Der Mediziner fühlt sich in seiner Haut nicht wohl. Er passt nicht mehr in jede Hose, die in seinem Kleiderschrank hängt. „Das Treppensteigen geht längst nicht mehr so flott wie früher, beim Fahrradfahren, besonders auf dem Rennrad, ist der dicke Bauch im Weg. Das nervt“, sagt er.

Der Leistungstest auf dem Fahrrad-Ergometer zeigt denn auch - da sollte mehr gehen. Dabei ist der Arzt noch vor einigen Jahren Marathon gelaufen. Damals wog er maximal 90 Kilogramm.

Fettleibigkeit durch unregelmäßiges Essen und zu wenig Bewegung

Alexander Plehn weiß sehr gut, woher seine schlechten Werte kommen. Der Arzt geht voll in seinem Beruf auf. Das Wartezimmer in der Praxis ist immer voll. Zweimal in der Woche verlagert er seine Sprechstunde an die Uni-Klinik in Halle, untersucht seine Patienten dort mittels Herz-Katheter. Nicht nur an diesen Tagen geht es von früh bis abends durch.

Pausen hält Plehn kaum ein. Somit isst er auch sehr unregelmäßig. „Zum Teil ungesunde Sachen wie Bockwurst oder belegte Brötchen“, erzählt er. „Und zwischendurch werden schon mal Kekse verspeist, Gummibärchen oder Schokoriegel genascht.“ Häufig trinke er auch zu wenig.

Beim Kampf „Couch gegen Fitness-Studio“ gewinnt die Couch

Außerdem fehlt Bewegung. „Früher“, so erzählt der Arzt, „als ich noch keine Kinder hatte, als ich noch im Drei-Schicht-System an der Klinik gearbeitet habe, da bin ich vor dem Spätdienst am Vormittag Fahrrad gefahren und danach noch eine Runde durch die Heide gelaufen.“

Das habe er ganz regelmäßig gemacht und sich wunderbar gefühlt. Nach dem Frühdienst sei er häufig ins Fitness-Studio gefahren. Aber damals habe zu Hause niemand auf ihn gewartet.

Das ist jetzt anders. Alexander Plehn ist stolz auf seine Familie. Seine Frau ist auch Ärztin - an einer halleschen Klinik. „Das erfordert viel Abstimmung.“ Denn seine „kleinen Racker“, die neunjährige Hannah und der fünfjährige Arved, fordern ihr Recht. Mit ihnen verbringt er sehr gern viel Zeit. Doch für sich selbst nimmt er sich kaum welche.

Wenn die beiden Kinder abends im Bett liegen, dann sorgt der innere Schweinehund dafür, dass im Kampf Couch gegen Fitness-Studio die Couch gewinnt. Zur Entspannung gibt es „die klassischen abendlichen Leckereien“. Alexander Plehns Fazit: „Alles, was wir Tag für Tag unseren Patienten predigen, das halte ich als Arzt, der es eigentlich besser weiß, selbst nicht ein.“ Das soll sich jetzt ändern. Das Motto des Mediziners in den kommenden Monaten lautet: „Der dicke Kardiologe geht mit gutem Beispiel voran.“

Zusammen mit dem Sportpark in Halle will er für sich Trainingsprogramme aufstellen - die seine Patienten dann nachnutzen können. Nicht nur im Fitness-Studio, sondern auch zu Hause oder in der freien Natur. Er will zudem wieder anfangen, Fahrrad zu fahren, zu Schwimmen und - wenn das Gewicht etwas weniger geworden ist - auch zu Laufen. Im Moment sei Letzteres für Knöchel und Knie „eine zu rabiate Belastung“. „Vielleicht“, so sagt er, „melde ich mich für einen Triathlon an. Das erhöht den Druck, auch wirklich am Ball zu bleiben.“

Alexander Plehn will am Ball bleiben - für sich und seine Patienten

Plehn macht das für sich. Aber nicht nur. Er will seinen Patienten zeigen: „Es gilt, Zeiträume für Bewegung bewusst zu planen. Dabei müssen es gar nicht so wahnsinnig große Zeiträume sein, in denen Bewegung auf dem Programm steht“, sagt er. Zwei- bis dreimal pro Woche eine halbe Stunde - damit sei schon viel gewonnen. „Gerade was die Leistungsfähigkeit angeht.“

An seinem stressigen Berufsleben kann der Arzt realistischerweise nichts ändern. Will er auch gar nicht. Denn er liebt seine Arbeit. „Ich genieße die Zeit mit den Patienten“, unterstreicht der Kardiologe. Aber er achtet nun viel bewusster auf seine Ernährung. Ungesunde Zwischenmahlzeiten sind gestrichen. Dafür ist jetzt eine Frühstücksbox mit Möhren und Kohlrabi seine ständige Begleiterin in die Praxis. Und er trinkt mehr Wasser.

MZ begleitet Kardiologen Alexander Plehn beim Abnehmen

Da es illusorisch sei, eine „normale“ Mittagsmahlzeit einzunehmen, hält er sich an eine „Vollkorn-Schul-Schnitte“. „Liebevoll von meiner Frau geschmiert“, wie er betont. Abends wird kohlenhydratreiche Kost wie Nudeln oder Kartoffeln auf ein Minimum reduziert. Dafür stehen Salat, Fisch oder Geflügel auf dem Speiseplan. Gestrichen sind auch die Leckereien nach dem Abendbrot. „Wenn ich wirklich Appetit bekomme, dann greife ich zu Obst, Gemüse oder Beeren“, sagt Plehn. „Das ist schwer. Aber 21 Kilogramm müssen runter.“ Übrigens - Alkohol trinkt der Arzt, der auch nie zur Zigarette gegriffen hat, nur sehr selten. Da ist er schon heute vorbildlich. Aber er warnt: „Bier, Wein und Schnaps sind Dickmacher.“

Die Mitteldeutsche Zeitung wird den Arzt bei seinen Bemühungen, ein gesünderes Leben zu führen, einige Monate lang begleiten. Wir berichten regelmäßig unter dem Logo „Hand aufs Herz“, ob und wie es ihm gelingt, seinen Alltag ein Stück weit zu verändern. Alexander Plehn hofft, dass die MZ-Leser von seinen Erfahrungen profitieren und sich vielleicht ein Beispiel nehmen. (mz)