Betäubung von Babys bei OPs

Baby Operation ohne Narkose: Regionalanästhesie bei der Operation hat viele Vorteile

Halle (Saale) - Wenn Babys für eine Operation betäubt werden müssen, kann eine Regionalanästhesie verabreicht werden.

Von Bärbel Böttcher

Kinder, die mit schweren Fehlbildungen zur Welt kommen, müssen in den ersten Lebenstagen, oft sogar schon in den ersten Stunden nach ihrer Geburt, operiert werden.

„Die meisten dieser Fehlbildungen erkennen Mediziner bereits während der Schwangerschaft“, sagt Dr. Peter Göbel, Chefarzt der Klinik für Kinderchirurgie am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle.

Fehlbildungen bei Babys werden in Halle behandelt

Entsprechende Eingriffe können also gut geplant ablaufen. Das geschieht im Perinatalzentrum des Hauses, wo die werdenden Mütter betreut werden. Daran beteiligt ist ein ganzes Team.

Geburtsmediziner, Neugeborenenintensivmediziner, Kinderchirurgen und besonders ausgebildete Anästhesisten arbeiten darin zusammen.

Betäubung von Babys: Vorteile durch rückenmarksnahe Regionalanästhesie

Letztere bevorzugen bei der Operation der Allerkleinsten Verfahren, die zwar schon sehr alt und erprobt sind, aber dennoch nur in wenigen Kliniken Anwendung finden: rückenmarksnahe Anästhesien.

„Es gibt eine ganze Reihe guter Gründe, warum wir uns darauf spezialisiert haben“, betont Dr. Thomas Mader, Oberarzt der Klinik für Anästhesie des Krankenhauses. Aber was ist das Besondere daran? Welche Vorteile hat die Methode, und gibt es auch Risiken? Wir beantworten dazu wichtige Fragen.

Betäubung bei Babys: Was ist rückenmarksnahe Anästhesie?

Bei der rückenmarksnahen Anästhesie handelt es sich um eine Regionalanästhesie. Im Unterschied zur Allgemeinanästhesie werden dabei nur bestimmte Körperregionen betäubt. Thomas Mader erläutert, dass den Medizinern dabei zwei Verfahren zur Verfügung stehen: Die Spinal- und die Periduralanästhesie.

Regionalanästhesie: Medikamente in Spinalkanal injiziert

Vereinfacht gesagt werden dabei Medikamente in unterschiedliche Regionen des Spinalkanals injiziert. Sie wirken auf die vom Rückenmark ausgehenden Nerven wirken und unterdrücken dann die Weiterleitung von Schmerzreizen über das Rückenmark ans Gehirn. „Wir stechen dabei aber niemals ins Rückenmark“, betont der Anästhesist Thomas Mader. Welches der beiden Verfahren zum Einsatz komme, das hänge von der Krankheit ab, fügt er hinzu.

Wann wird bei Babys die rückenmarksnahe Anästhesie angewendet?

„Ein typischer Eingriff ist eine Darmatresie, also ein nicht angelegtes Po-Loch“, sagt Kinderchirurg Peter Göbel. Da werde als vorrübergehende Maßnahme ein künstlicher Darmausgang gelegt. In der Regel schon innerhalb der ersten 24 Stunden.

Des weiteren nennt er den sogenannten offenen Bauch. Da befinde sich der gesamte Verdauungstrakt - also vom Dickdarm bis zum Magen - schwimmend im Fruchtwasser. Um das zu beheben würden die Kinder so früh wie möglich auf die Welt geholt und sofort operiert.

Ein anderes Beispiel sei die Zwerchfellhernie. Dieser angeborene Defekt, bei dem durch ein nicht vollständig verschlossenes Zwerchfell Magen, Darm, Leber und Milz in den Brustkorb rutschen können, müsse ebenfalls sehr schnell operiert werden.

Die größte Gruppe der Krankheiten, so Peter Göbel, bildeten jedoch die Leistenbrüche, die häufig bei ehemaligen Frühgeborenen in den ersten drei Lebensmonaten auftreten. „Unser Ziel ist, sie vor ihrer Entlassung zu operieren“, sagt er. Auch, um den Eltern Sicherheit zu geben.

„Aus kinderchirurgischer Sicht“, unterstreicht der Arzt, „sind all das Eingriffe, bei denen die Säuglinge wahnsinnig von den rückenmarksnahen Anästhesien profitieren.“

Welche Vorteile hat es denn für die Babys, wenn zur Betäubung  eine rückenmarksnahe Anästhesie angewendet wird?

Zunächst einmal müssen sie bei einer rückenmarksnahen Operation nicht beatmet werden, da die Betäubung ja lokaler Art ist. „Gerade für Frühchen sei das von enormer Bedeutung“, sagt Peter Göbel. Sie haben oft eine Zeit hinter sich, in der sie beatmet werden mussten. Ihre Lungen seien vorgeschädigt. Sie erholten sich zwar im Laufe des Lebens. Aber zu dem Zeitpunkt, an dem die Operation stattfinde, könne das ein entsprechend großes Problem sein.

Von Vorteil sei außerdem, dass die Babys unmittelbar nach der Operation im Arm der Mutter gestillt werden beziehungsweise die Flasche bekommen könnten. Noch im Aufwachraum. „Für ein Baby ist die Nahrungsaufnahme das beste Beruhigungsmittel“, unterstreicht der Kinderchirurg. Und gegenüber klassischen Verfahren der Narkose sei das ein Riesenvorteil.

Der Anästhesist Thomas Mader nennt noch einen anderen Aspekt. Er verweist darauf, dass bei Kindern, die in den ersten drei Lebensmonaten eine klassische Narkose bekommen, in der Zeit danach gehäuft Atemaussetzer beobachtet werden - so wie bei einem Schnarcher. Das gehe oft so weit, dass sie zeitweilig unter Sauerstoffmangel litten. Durch eine rückenmarksnahe Anästhesie könne das verhindert werden.

Warum wird trotz aller Vorteile diese Form der Regionalanästhesie so wenig zur Betäubung von Babys genutzt?

„Dazu werden erfahrene Anästhesisten gebraucht, die diese Methoden bei Säuglingen beherrschen“, sagt Peter Göbel. Es gebe aber keinen Facharzt für Kinderanästhesie.

Eine Sub-Spezialisierung wie er sie als Kinderchirurg oder Kinderorthopäde habe, sei auf diesem Gebiet nicht vorgesehen. „Das ist ein großes Dilemma“, betont der Mediziner. Wäre das anders, könnte diese Form der Anästhesie Teil der regulären Ausbildung sein. „Und dann könnten diese Verfahren, von denen die Kinder profitieren, viel breiter angewendet werden“, fügt Peter Göbel hinzu. „Ich bin glücklich, dass wir sie anbieten können“, so der renommierte Mediziner.

Gibt es bei den genannten Formen der Regionalanästhesie zur Betäubung von Babys auch Risiken?

Zunächst einmal betont Thomas Mader noch einmal, dass, anders als häufig dargestellt, nicht direkt am Rückenmark gearbeitet werde, sondern weit unterhalb.
Die Kleinen seien, so Thomas Mader, auch „absolut kreislaufstabil“. Selbst die bei Erwachsenen nach einer Spinalanästhesie häufig auftretenden Kopfschmerzen schienen bei den Säuglingen nicht zu aufzutreten.

Ein relevantes Problem gebe es aber doch. Und zwar komme es vor, dass es nicht gelinge, mit der Nadel, über die letztlich das Betäubungsmedikament verabreicht werden soll, an die gewünschte Stelle vorzudringen. „Hier gilt an unserem Haus die strenge Regel: Ein Arzt hat zwei Versuche. Gelingen die nicht, übernimmt ein zweiter Arzt. Und der hat noch zwei Versuche“, beschreibt der Anästhesist das Prozedere. Gelingen auch die nicht - was selten vorkomme - sei zum Schutze des Kindes Schluss. Dann müsse die OP entweder verschoben oder doch auf eine herkömmliche Narkose umgestiegen werden.

Ist es ein Nachteil, dass mit diesen Anästhesie-Methoden zur Betäubung von Babys sogenannte Knopflochchirurgie, bei der die Schnitte besonders klein sind, nicht möglich ist?

„Knopflochchirurgie erfordert eine konventionelle Narkose“, sagt Thomas Mader. „Und genau das ist der Grund, weshalb wir beispielsweise bei den Leistenbruchoperationen der Babys darauf verzichten.“

Die beschrieben Vorteile der Regionalanästhesie überwiegen seiner Erfahrung nach die der Knopflochchirurgie. Zumal der Schnitt des Operateurs ja auch sehr klein ausfalle, unterstreicht Peter Göbel. „Ich behaupte, wenn wir ein Baby am Leistenbruch operiert haben, wird das vom Kinderarzt bei der Einschulungsuntersuchung nur in zehn Prozent der Fälle erkannt.“ (mz)