Schmerzmittel

ASS, Ibuprofen: Risiken und Nebenwirkungen rezeptfreier Schmerzmittel

Schmerzmittel wie ASS (Aspirin), Ibuprofen, Diclofenac und Paracetamol gibt es ohne Rezept in der Apotheke. Viele glauben deshalb, die Medikamente haben keine gefährlichen Nebenwirkungen. Das stimmt nicht. Eine Übersicht über Typen, Wirkungen und Risiken.

Aktualisiert: 02.08.2022, 14:41
Auch wenn es sie ohne Rezept gibt, Schmerzmittel wie Aspirin sollte man nur im Notfall und nicht länger als drei Tage am Stück nehmen.
Auch wenn es sie ohne Rezept gibt, Schmerzmittel wie Aspirin sollte man nur im Notfall und nicht länger als drei Tage am Stück nehmen. (Foto: dpa/Symbol)

Hamburg/dpa/DUR/jsp - Knieprobleme? Einfach eine Weile Ibuprofen nehmen. Ständig Kopfschmerzen? Paracetamol hilft. Probleme, morgens aus dem Bett zu kommen? Aspirin liegt schon griffbereit. Solch ein leichtfertiger Umgang mit vermeintlich harmlosen Schmerzmitteln kann gefährlich sein. „Im Großen und Ganzen gehen die Deutschen mit Schmerzmitteln verantwortungsvoll um," sagt Prof. Kay Brune von der Deutschen Schmerzgesellschaft. "Trotzdem gibt es Missbrauch." Viele nehmen die rezeptfreien Medikamente schlicht zu häufig und wissen nicht, wie die Präparate wirken und wann ihr Einsatz sinnvoll ist.

Welche rezeptfreien Schmerzmittel gibt es?

Die am meisten verwendeten rezeptfreien Schmerzmittel sind Ibuprofen, Paracetamol, Aspirin, Diclofenac und Naproxen. Bis auf Paracetamol gelten alle Medikamente als Entzündungshemmer.

Entzündungshemmende Schmerzmittel

Am weitesten verbreitet sind entzündungshemmende Schmerzmittel wie die Arzneistoffe ASS (Aspirin), Diclofenac und Ibuprofen, die in jeder Apotheke ohne Rezept zu bekommen sind. Gemein ist den Mitteln, dass sie die Bildung von Schmerzbotenstoffen verhindern, Fieber senken und Entzündungen entgegenwirken.

"Entzündungshemmer werden am häufigsten genommen, haben aber eine Menge Komplikationen," sagt Gerhard Müller-Schwefe. "Dass sie frei verkäuflich sind, macht sie nicht zu harmlosen Medikamenten," warnt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Sie könnten – je nach Dosis – das Risiko von Herzinfarkten und Magenblutungen erhöhen.

Ibuprofen wirkt schmerzstillend, fiebersenkend und entzündungshemmend. Die Vorteile: Es ist im ersten und zweiten Schwangerschaftsdrittel (gelegentlich) und auch bei leichter Leberschädigung erlaubt. Nachteile: Es kann den Magen-Darm-Trakt schädigen, bei Magengeschwüren darf es nicht eingenommen werden. Kann die Nierenfunktion einschränken, die Blutungszeit verlängern und sollte nicht vor Operationen und bei Tinnitus eingenommen werden. Maximale Tagesdosis: 1,2 Gramm.

ASS (Acetylsalicylsäure) wirkt schmerzstillend, entzündungshemmend und fiebersenkend. Vorteil: Auch bei leichter Leberschädigung möglich. Nachteile: Es hemmt die Blutgerinnung mehrere Tage lang. Sieben Tage vor einer geplanten Operation sollte es nicht genommen werden. ASS schädigt den Magen-Darm-Trakt und verbietet sich bei Magengeschwüren. Nicht in der Schwangerschaft und für Kinder unter 16 Jahren. Vorsicht bei allergischer Veranlagung. Maximale Tagesdosis: 3 Gramm.

Naproxen erst seit 2002 ohne Rezept erhältlich

Naproxen wirkt schmerzlindernd, fiebersenkend und entzündungshemmend. Es darf erst seit 2002 ohne ärztliche Verordnung verkauft werden und nur in niedrigen Dosierungen. Seine Wirkung hält etwa doppelt so lange an wie die von ASS und Ibuprofen. Naproxen wird von Frauen häufig bei Regelschmerzen eingesetzt.Vorteile und Nachteile ähnlich wie Ibuprofen. Maximale Tagesdosis: 750 Milligramm.

Diclofenac wirkt schmerzlindernd, fiebersenkend und entzündungshemmend, ist aber relativ schwach wirksam. Ohne Rezept darf es nur in niedrigen Dosierungen angeboten werden. Es wird oft mit allergischen Reaktionen in Verbindung gebracht. Maximale Tagesdosis: 75 Milligramm.

Beliebtes Mittel bei Fieber: Paracetamol

Paracetamol wirkt fiebersenkend und schmerzstillend, aber nicht entzündungshemmend. Seine Vorteile: Es schädigt den Magen-Darm-Trakt kaum, macht bei allergischer Veranlagung selten Probleme und verlängert kaum die Blutgerinnungszeit. Bei gelegentlicher Einnahme in geringer Dosierung ist es auch in der Schwangerschaft und Stillzeit erlaubt. Aufgrund der hohen Verträglichkeit von Paracetamol wird es auch bei Kindern eingesetzt. Nachteile: In höherer Dosis schädigt es die Leber. Tabu ist es bei Menschen, deren Leber geschädigt ist. Maximale Tagesdosis bei Erwachsenen: 4 Gramm.

Entzündungshemmer behindern die Heilung

Diese Einschätzung bestätigt Pharmakologe Brune: "Die genannten Entzündungshemmer unterdrücken das Warnsymptom Schmerz und behindern die Heilung." Das geschehe, indem sie eine Reihe von körpereigenen Schutzhormonen (Prostaglandine) hemmen. "Die sind dazu da, zum Beispiel den Magen-Darm-Trakt, die Niere und das Herzkreislaufsystem zu schützen." Müller-Schwefe warnt: "Solche Medikamente verändern den Körper nachhaltig. Man muss keine Panik machen, aber das sind keine Lutschbonbons."

Für alle Schmerzmittel gilt: Die Tageshöchstdosis ist zu beachten. Ohne ärztlichen Rat sollten sie in der Regel nicht länger als drei Tage hintereinander eingenommen werden.

Von Kombipräparaten raten die meisten Experten ab. Sie bieten keinen Vorteil, das Risiko von Nebenwirkungen ist dagegen besonders hoch. Wer dauerhaft Schmerzmittel benötigt, sollte die Therapie ärztlich überwachen lassen. (agb)

Welche Schmerzmittel sind am wenigsten schädlich?

Die Schädlichkeit der Schmerzmittel hängt stark von dem Zustand des Patienten ab. Der Pharmakologe Brune weist daraufhin, dass die schädlichen Wirkungen von Therapieform, Dosierung und Alter des Patienten abhängen. Junge Menschen ohne Grunderkrankungen müssten sich wenig Sorgen machen, wenn sie ab und zu eine Schmerztablette nähmen.

Risiken steigen mit dem Alter

Mit zunehmendem Alter steigen allerdings die Risiken: "Leider sind es die Älteren, die ihr tägliches Schmerzmittel brauchen, um mit den täglichen Herausforderungen fertig zu werden."

Paracetamol wirkt giftig auf die Leber

Im Gegensatz zu den Wirkstoffen ASS, Ibuprofen und Diclofenac, die auch direkt am entzündlichen Teil des Körpers ansetzen, wirkt Paracetamol nur im zentralen Nervensystem. Das Medikament ist ebenfalls nicht harmlos. "Es hat sich erst in den letzten Jahren herausgestellt, dass Paracetamol genauso wie Ibuprofen oder Diclofenac die Bildung der Gewebeschutzstoffe behindert," sagt Brune. Paracetamol könne daher alle Probleme der sogenannten Prostaglandin-Synthesehemmer aufweisen. Was hinzukommt: Paracetamol wirkt giftig auf die Leber. Es müsse daher sehr niedrig dosiert werden.

Gefährlich ist auch, dass der Wirkstoff in zahlreichen Kombinationsschmerzmitteln enthalten ist. Dadurch sei es weder für den Patient noch für den Arzt einfach zu erkennen, ob die empfohlene Tageshöchstdosis überschritten wurde. "Daher kann es leicht zu Überdosierungen kommen," erklärt Brune. Wer bereits Leberschäden hat, stark untergewichtig ist oder chronische Muskelerkrankungen hat, sollte Paracetamol nicht einnehmen.

Welches ist das beste Schmerzmittel bei starken Schmerzen?

Es gibt Schmerzmittel, die überall im Körper an den Opiatrezeptoren anbinden: am entzündeten Gewebe, im Nervensystem, an der Peripherie sowie zentral im Rückenmark und Gehirn.

Diese Schmerzmittel dienten primär der Bekämpfung chronischer Schmerzen, zum Beispiel durch Krebs, nach schweren Unfällen oder wenn bei rheumatischen Leiden andere Therapieformen keine ausreichende Wirkung bringen, erklärt Brune. Alle Wirkstoffe dieser Gruppe leiten sich vom Morphin ab und müssen bei starken Schmerzen vom Arzt verschrieben werden.

Opiate haben ein großes Suchtpotenzial

"Sie weisen eigene Probleme auf und sind zu Recht nur auf Rezept, meist auf Spezialrezepten, zu erhalten. Ihr Suchtpotenzial ist groß." Atmungsstörungen, Übelkeit, Gewichtsverlust und vieles mehr könnten bei Gebrauch der Opiate auftreten.

Ein weiterer Typ von Schmerzmitteln sind die Antiepileptika, die an der Nervenzellenmembran stabilisierend wirken. Sie kommen zum Einsatz, wenn der Schmerz nicht durch eine Gewebestörung entsteht, sondern der Nerv fälschlicherweise Schmerzinformationen sendet, ohne dass eine Schädigung existiert.

Diese Mittel werden bei Infektionen, Nervenverletzungen, aber auch Stoffwechselstörungen verwendet, erläutert Müller-Schwefe.

Opioid-Krise in den USA

Vor allem in den USA sind viele Menschen abhängig von Opiaten. Ärzte verschieben leichtsinnig die opioidhaltigen Medikamente und Patienten verfielen in eine Abhängigkeit. Über 200 Tausend Menschen sind im Zuge der Opioid-Krise in den USA verstorben, berichtet Arte. Auch in Deutschland haben die Verschreibung und Einnahme von Opioiden über die letzten Jahre zugenommen.

Antidepressiva als Schmerzmittel

Und schießlich sind da noch die sogenannten Koanalgetika, die gegen Schmerzen helfen, obwohl sie gar keine Schmerzmittel sind. Ein Beispiel sind Antidepressiva. "Sie wirken an den Natriumionenkanälen und sind in der Lage, die Muskulatur zu entspannen," erklärt er.

Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) rät generell, rezeptfreie Schmerzmittel nicht länger als drei Tage hintereinander und nicht häufiger als zehnmal im Monat einzunehmen. Grundsätzlich gilt dabei: so selten und so niedrig dosiert wie möglich. "Auch einfache Schmerzmittel sollte man nie ohne ärztlichen Rat nehmen. Es ist weit sinnvoller, erst eine exakte Diagnose zu haben," mahnt Müller-Schwefe. 

Richtiger Umgang mit Kortison

Kortison gehört zu der Wirkstoffgruppe der Glukokortikoide und wirkt ähnlich wie das körpereigene Hormon Cortisol. Cortisol hat im Körper Auswirkungen auf den Blutzucker, den Fettstoffwechsel, die Wasserausscheidung und es wirkt entzündungshemmend. Auch bei der Verwendung von Kortison sollte auf einiges geachtet werden.

Für was ist Kortison gut?

Kortison kommt in vielen Medikamenten, aber auch in Cremes oder Nasenspray vor. Es wirkt entzündungshemmend und kann bei einer Vielzahl an Beschwerden helfen. Es kann Krankheiten jedoch nicht heilen, sondern lindert ausschließlich die Symptome.

Was sind die Nebenwirkungen von Kortison?

Mögliche Nebenwirkungen von Kortison sind zum Beispiel Heißhunger und eine damit verbundene Gewichtszunahme, Schlafstörungen, Bluthochdruck oder Akne. Eine längerfristige Therapie mit Kortison sollte zudem nicht schlagartig abgebrochen werden. Die körpereigene Cortisol-Produktion wird in der Zeit heruntergefahren und nach einem plötzlichen Stopp einer Kortison-Behandlung kann es im Körper zu einem lebensbedrohlichen Cortisol-Mangel führen.

Was kann man statt Schmerzmitteln nehmen?

Viele Lebensmittel enthalten von Natur aus entzündungshemmende Stoffe. Dazu zählen zum Beispiel Zitronen und ihre Schale, die Kurkuma-Wurzel, Sauerkirschen oder die Omega-3-Fettsäuren aus Ölen.