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Frühförderung und Sprachentwicklung Novum in der Forschung: Wie Kinder durch Beatboxing sprechen lernen

Kinder lernen durch Rhythmus und Stimme spielerisch, ihre Sprache zu stärken. Ein neues Projekt der Uni Halle zeigt, wie Beatboxing nicht nur Spaß macht, sondern gezielt die Artikulation fördert – und langfristig Sprachentwicklungsstörungen vorbeugen kann.

Von Helene Kilb Aktualisiert: 16.02.2026, 17:13
Beatboxer Elmar Kühn aus Leipzig bereitet die Kinder auf den „Shaker“-Sound vor.
Beatboxer Elmar Kühn aus Leipzig bereitet die Kinder auf den „Shaker“-Sound vor. Das Projekt hilft Kindern richtig zu sprechen. (Foto: Ellen Saal)

Halle (Saale). Laute Beats, obwohl gar kein Schlagzeug vor dem Mikrofon steht: Das faszinierte die Kinder immer wieder, die bei dem Projekt von Stephan Sallat und Ellen Saal mitgewirkt haben. Sallat ist Professor für Pädagogik bei Sprach- und Kommunikationsstörungen an der Uni Halle.

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Die klinische Sprechwissenschaftlerin Saal unterstützt am selben Institut als wissenschaftliche Mitarbeiterin. In ihrem Projekt untersuchen sie, welches Potenzial Beatboxing für die Artikulation und Aussprache hat.

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Ihre Erfahrung zeigt: „Wenn wir Kindern Beatboxing-Sounds vorspielen, gehen sie sofort darauf ein. Sie sind direkt im Rhythmus, wollen wissen, wie das funktioniert und versuchen, die Bewegungen und Geräusche nachzumachen“, sagt Saal.

Angeleitet wurden die Kinder von Elmar Kühn. Er ist Lernbegleiter für Musik an der Leipziger Modellschule und arbeitet nebenbei als Beatboxer und Loop-Station-Artist. Er kam über ein Beatbox-Camp und eine Weltmeisterschaft zum Beatboxen.

„Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich danach Muskelkater im Mund hatte“, sagt Kühn. Das Beeindruckende am Beatboxen ist für ihn: „Allein mit Übung und mit Muskulatur-Training kann man etwas mit der Stimme machen, das eigentlich unmöglich erscheint: zum Beispiel tiefe Bass-Sounds imitieren“, sagt Kühn.

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„Und mit einer Loop-Station, mit der man Sounds ablaufen lässt und parallel neue aufnehmen kann, kann ich Songs aufteilen: in Bass, Schlagzeug, Akkorde und die wirkliche Stimme. Ich nehme das Beatbox-Schlagzeug auf, dann den Beatbox-Bass, singe die Akkorde mehrstimmig ein und singe noch Text darüber – so kann ich mit meiner eigenen Stimme alleine einen Song erstellen.“

Beatboxing für Kinder – Spaß trifft Sprachförderung

Was vor allem nach Spaß klingt, hat ein tieferes Ziel: Kinder mit Sprachentwicklungsstörung – kurz SES – zu fördern. „Eine SES zählt zu den häufigsten Entwicklungsstörungen“, sagt der Pädagogik-Professor Sallat. Betroffen sind ihm zufolge fünf bis sieben Prozent aller Kinder, und zwar ohne kognitive oder körperliche Ursachen. Das bedeutet: „Diese Kinder hören gut, sind normal intelligent und bis auf die Sprache altersgemäß entwickelt“, sagt Sallat.

Dazu kommen zehn bis 15 Prozent „Risikokinder“, bei denen etwa Wahrnehmungsprobleme, kognitive Beeinträchtigungen oder psychische Faktoren die Sprache beeinträchtigen. Das Problem: „Kinder mit einer SES tauchen ab“, sagt Sallat. „Wenn zum Beispiel die Eltern oder später in der Schule die Lehrer fragen, ob die Kinder alles verstanden haben, antworten viele Kinder nicht oder sagen einfach Ja.

Von außen sieht es dann vielleicht so aus, als wäre das Kind nur schüchtern.“ So wirkt sich eine unbehandelte SES mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das weitere Leben aus: „Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung haben häufig Probleme, schreiben zu lernen. Sie erreichen im Schnitt geringere Bildungsabschlüsse und haben im Erwachsenenalter eher Probleme, komplexere Texte zu verstehen“, sagt Sallat. Das kann sich zudem auf den sozial-emotionalen Bereich auswirken.

„Etwa bei Kindergartenkindern mit einer SES wissen wir, dass sie eher mit jüngeren Kindern spielen, die etwa auf dem gleichen Sprachniveau sind“, sagt Sallat. „Dabei schauen sie sich auch die Verhaltensweisen der jüngeren bei Konflikten ab. Dieses Verhalten ist bei Konflikten mit gleichaltrigen Kindern unangemessen.

Die SES-Kinder werden so als sozial unreif wahrgenommen und als Spielpartner eher gemieden.“ Daran ändert sich später wenig. Sallat schätzt, dass bei vielen Kindern, die ein auffälliges Verhalten in Kita und Schule zeigen, ein sprachliches Problem zugrunde liegt: Sie verstehen Erzieher, Lehrkräfte und andere Kinder einfach nicht ausreichend.

SES: Sprachentwicklungsstörungen erkennen und fördern

Die gute Nachricht: Eine gezielte Förderung verringert das Risiko dafür, dass eine Sprachentwicklungsstörung sich langfristig auf das Leben eines Kinds auswirkt.

Allerdings kann es für Eltern herausfordernd sein, sich in der unübersichtlichen Landschaft an Förderangeboten zu orientieren: „Eltern wissen oft nicht, an wen sie mit ihrer Sorge herantreten sollen“, sagt Sallat. „Viele unterschiedliche Akteure und Institutionen haben etwas mit Sprache, Spracherwerb, sprachlicher Bildung, Sprachförderung oder -therapie zu tun.“

Elmar Kühn kann sich noch gut erinnern, dass er nach seinen ersten Versuchen im Beatboxen sogar Muskelkater im Mund hatte.
Elmar Kühn kann sich noch gut erinnern, dass er nach seinen ersten Versuchen im Beatboxen sogar Muskelkater im Mund hatte.
(Foto: Ellen Saal)

Er empfiehlt, nicht nur den Kinderarzt und eine Logopädie-Praxis einzubinden, sondern immer auch das Gespräch mit Erziehern und Lehrkräften zu suchen, um eine umfangreiche Begleitung in Kita und der Schule zu ermöglichen. Daneben sind die Eltern gefragt – ein Ansatz, den gerade Frühförder- und Frühinterventionszentren verfolgen:

„Eltern lernen Techniken für ein förderliches Kommunikations- und Interaktionsverhalten, um ihren Kindern einen optimalen Sprachinput zu bieten“, sagt die klinische Sprechwissenschaftlerin Saal. „Zum Beispiel lernen die Eltern, die Äußerungen des Kindes abzuwarten, sprachliche Impulse zu geben und die Sätze ihrer Kinder angemessen zu korrigieren.“

Mundmuskulatur für das Sprechen durch Rhythmus trainieren

Doch warum sollte zukünftig in Sprachtherapie und Sprachförderung gebeatboxt werden? „Sprechen zu üben, bedeutet bestimmte Laute oder Silben immer wieder auszusprechen – also letztlich die Bewegungsmuster, die Lippen, Zungen und Gaumen machen müssen, um bestimmte Laute zu erzeugen, immer wieder abzurufen.

Dasselbe passiert beim Beatboxing – nur mit Sounds statt mit Lauten“, erläutert Saal. Beatboxen hat eine motivierende Dynamik und könnte das Methoden-Repertoire in Förderung und Therapie erweitern.

Eltern und Lehrer in das Projekt einbinden

Der Beatboxer Elmar Kühn sagt: „Zum Beispiel habe ich mit den Kindern den ,Shaker’-Sound geübt. Für Erwachsene wäre das einfach ein T und ein K schnell hintereinander. Den Kindern habe ich es mit extra ausgedachten Handzeichen erklärt, ein Metronom angemacht und gesagt: ,Diese Woche schaffen wir 100 Beats pro Minute, nächste Woche 110’! Und die Kinder sind direkt darauf eingestiegen.“ Aus sprachwissenschaftlicher Sicht bedeutet das: „Sie üben schwierige Bewegungsmuster und Abläufe in einer hohen Frequenz und haben auch noch großen Spaß dabei“, ergänzt Saal.

Insofern haben Sallat und Saal die Hoffnung, mit ihrem Beatboxing-Projekt einiges zu verändern. „Zuerst geht es zwar darum, einen Effekt auf das Sprechen nachzuweisen“, sagt Saal. Sie und ihr Kollege sind jedoch zuversichtlich: „Es scheint uns ein guter Weg zu sein.“