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Schulangst „Ich will nicht mehr zur Schule“ – wie Angst und Mobbing Jugendliche in Halle brechen

Für viele Eltern ist es ein Schock: Plötzlich weigert sich das Kind, zur Schule zu gehen. Doch hinter Schulverweigerung steckt oft mehr als Faulheit – Angst, Mobbing und familiärer Druck treiben Jugendliche wie Cosma und Hannah in Halle an ihre Grenzen. Wie Betroffene wieder zurückfinden, erklärt eine erfahrene Sozialpädagogin.

Von Olga Eisenmann 02.02.2026, 09:00
Mobbing in der Schule ist einer von vielen Auslösern für Schulverweigerung.
Mobbing in der Schule ist einer von vielen Auslösern für Schulverweigerung. (Symbolfoto: Imago/Photothek)

Halle (Saale). Kinder und Jugendliche, die nicht zur Schule gehen, gelten schnell als faul und desinteressiert. Sicher: Es gibt auch Schüler, die nicht zum Matheunterricht erscheinen, weil etwa neue Freunde gerade wichtiger sind als lineare Algebra. Wer aber genauer hinschaut, merkt: Die Gründe der Schulschwänzer in Sachsen-Anhalt sind oft vielschichtiger – und für Familien nicht immer leicht zu erkennen.

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Mobbing und Angst – Cosmas Geschichte aus Halle

Da ist zum Beispiel die 15-jährige Cosma aus Halle (Name geändert). Sie  schwänzt den Unterricht nicht, weil sie Mathe nicht leiden kann, sondern weil sie Angst vor der Schule hat. Nicht vor Grammatik und Zahlen, sondern vor ihren Klassenkameraden. Mobbing gehöre für sie zum Schulalltag.

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„Meine Klasse war die ganze Zeit gegen mich“, erzählt sie. Offensichtlich, weil  sie  in den Augen der Mitschüler mit jemandem „abgehangen habe, der nicht so cool ist“, sagt Cosma. Die Schikanen spitzen sich zu, bis Cosma eines Tages von einer Gruppe Mitschülerinnen vor ein fahrendes Auto geschubst wird.

„Eine Freundin konnte mich gerade noch zurückziehen“, so die Schülerin. Cosma wendet sich  an die Schulleitung, die die Gruppe Mädchen auffordert, sich zu entschuldigen. Die Lehrer raten ihr, die Klassenkameraden zu ignorieren, die sie mobben.

Hannahs Kampf gegen das Unsichtbarsein

Auch Hannah (Name ebenfalls geändert) fühlt sich in der Schule sehr unwohl. Als die 16-Jährige ihrer Lehrerin von einem Mitschüler erzählt, der sie absichtlich verletzt und provoziert habe, wird sie aus ihrer Sicht nicht ernst genommen. „Ich bin in unserer Schule zu den Sozialpädagogen und den Lehrern gegangen, die haben nichts gemacht. Gar nichts.“

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Das Landesschulamt kann zu den konkreten Fällen keine Auskunft geben, weiß aber um das Problem. „Die Gründe für Schulvermeidung und Schulverweigerung sind ganz unterschiedlich“, sagt Tobias Kühne.

Wenn Schulverweigerung ein Hilferuf ist

Direkte Konflikte mit Mitschülern seien nur ein Ursachenfeld. Auch Probleme zuhause seien regelmäßig Auslöser, ebenso wie Versagensängste. „Manche Kinder und Jugendliche werden durch ein schwieriges Freundesumfeld zur Schulvermeidung angestiftet“, so der Landesschulamtssprecher.

Zum Umgang mit einer möglichen Schulpflichtverletztung hatte das Bildungsministerium im vergangenen Jahr einen Erlass vorgegeben. Für Eltern gibt es eine Handlungshilfe aus der Schulpsychologie.

Cosma und Hannah hatten jedoch das Gefühl, mit ihren Problemen nicht wahrgenommen zu werden. Dazu kommt: Für beide ist es auch zu Hause nicht leicht.  Den Stoff, den sie verpassen, wenn sie die Schule schwänzen, können sie allein nicht nachholen. Es ist ein Teufelskreis. Schulbesuche sind schließlich für beide undenkbar geworden.

In der Erziehungshilfe Clara Zetkin im Böllberger Weg in Halle kann sich Halina Diedrichs Zeit für Cosma und Hannah nehmen. Der sogenannte Schulmotivations-Aktivierungs-Kurs soll Schulverweigerern helfen, sich wieder in eine Regelschule einzugliedern.

Das Kooperationsprojekt von Jugendhilfe und Schule wird vom Kultusministerium des Landes und der Stadt Halle gefördert. Halina Diedrichs und ihr Team aus Lehrern und Sozialpädagogen geben Unterricht, aber eine Schule seien sie nicht, betont Diedrichs.

„Die Schülerinnen können hier keinen Abschluss machen. Sie sind höchstens zwei Jahre im Kurs“, erzählt die studierte Kunstpädagogin. Neben Fachunterricht in Grundfächern wie Mathe, Deutsch und Englisch dient die Zeit im Kurs vor allem der persönlichen Weiterentwicklung. Jede Woche schreiben Cosma und Hannah nun Wochenpläne.

Derzeit werden sechs Kinder beschult, die Zuhause wohnen, dazu fünf aus einer Wohngruppe für schulabstinente Kinder. Zusätzlich werden drei Kinder bei der Reintegration in die Regelschule begleitet. Das Team um Halina Diedrichs arbeitet in kleinen Gruppen und kann so ganz individuell auf die Jugendlichen eingehen.

Der Teufelskreis aus Fehlzeiten und Druck

Zudem bekommt jeder eine persönliche Bezugsperson. Hannah findet das enorm wichtig: „Wer zu Hause Probleme hat oder psychischen Stress, hat hier jemanden, mit dem er über alles reden kann.“

Halina Diedrichs ist also nah dran an den Kindern. Auch weil sie Hausbesuche unternimmt. Sie kennt die Probleme im familiären Umfeld. Viele Kursteilnehmer kommen aus einkommensschwachen Familien.

„Mein Ziel ist es, die Jugendlichen so zu unterstützen, dass sie einen Schulabschluss erreichen – und nicht mit einem Abgangszeugnis nach der 8. Klasse die Schule verlassen“, sagt Diedrichs. Viele der Kinder könnten von ihren Eltern finanziell nicht aufgefangen werden. Ohne Abschluss seien sie noch stärker von prekären Lebensverhältnissen bedroht, erklärt die Sozialpädagogin.

Wie Halle Jugendliche zurück ins Leben holt

Ihr Ziel: Den Jugendlichen Strategien vermitteln, wie sie mit familiärem Stress und schulischem Druck umgehen können – vorausgesetzt sie nehmen freiwillig am Kurs teil. Haben die Jugendlichen ihre Ziele für die Woche erreicht, steht am Freitag ein gemeinsamer Projekttag mit der ganzen Gruppe zur Belohnung der gelungenen Schulwoche an.

„Hier gibt es weniger Unterricht, unsere Klassen sind viel kleiner, und der Tag ist kürzer als an Regelschulen“, erzählt Cosma. Und freitags gibt es einen Projekttag. Gaming-Messe, HFC-Spiel – solche Ausflüge stehen auf dem Plan. Auch Holunderblütensirup haben sie schon hergestellt. Halina Diedrichs wünscht sich, dass die Jugendlichen wieder Lust bekommen, mit anderen Kindern zu lernen.

„Ich geh’ nicht mehr zur Schule“ – viele Eltern kennen die über den Kopf gezogene Bettdecke am Morgen. Doch ab wann wird aus gelegentlichem Fernbleiben eine ernsthafte Schulverweigerung? Die Sorge um verpassten Unterricht und Anschlussverlust ist berechtigt. Entscheidend sei laut Diedrichs aber vor allem, woher die Abneigung rührt.

Wann Eltern handeln sollten

Verweigert ein Kind einzelne Stunden, zum Beispiel Sport, sollten Eltern schon aufmerksam werden: Liegen Probleme mit Lehrern, Überforderung oder Mobbing vor? Wichtig sei, im Gespräch zu bleiben. Sollte sich das Verhalten allerdings verfestigen, rät Diedrichs, Hilfe zu suchen. „Allein lässt sich das oft kaum lösen, weil die Ursachen meist auf mehreren Ebenen liegen.“ Die ersten Ansprechpartner sind laut Pädagogin die Lehrer des Kindes, aber auch Schulsozialarbeiter und letztlich auch das Jugendamt.

Diedrichs sagt: „Viele haben Respekt vor dem Jugendamt, aber es sind Menschen, die einem gut helfen können.“ Grundsätzlich ist es für viele Jugendliche nicht einfach, den sozialen Kontakt mit anderen pubertierenden Kindern zu meistern oder von Lehrern benotet zu werden.

Für Halina Diedrichs ist das ein Problem der Kapazität: „Die Frage ist, wie viel Energie habe ich? Ist es zu Hause schwer, fehlt mir die Kraft für die Schule. Werde ich von Mitschülern geärgert, fehlt mir die Motivation für Hausaufgaben.“ Cosma hat lange mit dieser Überforderung gekämpft, sogar eine Schulangst entwickelt.

Und heute? „Meine Schulangst ist jetzt weg. Ich habe wieder die Motivation, auf eine normale Schule zu gehen“, sagt sie. „Ich freue mich sogar darauf, wieder das alltägliche ,Schuldrama’ zu erleben.“ Hannah findet, es müsste so etwas wie den Aktivierungskurs als große Schule geben, in der Jugendliche ihren Abschluss machen können. „Diese Schule wäre dann randvoll“, meint die ehemalige Verweigerin.