Psychische Erkrankungen Wenn Kontrolle krank macht - Essstörungen erkennen und handeln
Heißhunger, Appetitlosigkeit, Kalorienzählen, Gemütsschwankungen: Die Symptome einer Essstörung können sehr vielfältig sein und werden oft nicht ernstgenommen. Experten vom Telefonforum erklären mögliche Ursachen und zeigen auf, was Betroffene oder Angehörige tun können.
Sie werden oft nicht ernst genommen und als Problem heranwachsender Mädchen abgetan, aber Essstörungen sind ernste Erkrankungen, die Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene, Frauen wie Männer jeden Alters treffen können. Es handelt sich um psychosomatische Krankheiten, die schwere körperliche und seelische Folgen haben können. Vor allem, wenn sie frühzeitig erkannt werden, bestehen aber gute Chancen auf Heilung. Zum Thema „Essstörungen: Prävention und Behandlung“ gaben Professor Florian Junne, Direktor der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Magdeburg, und Assistenzärztin Nadine Bohl-Ouart im Telefon-Forum Auskunft.
Ich habe eine gute Freundin. Wir kamen bisher bestens miteinander klar. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass sie sich verändert hat. Sie redet nur noch von ihrer Figur, alles dreht sich bei ihr ums Kalorienzählen und Essen. Dabei sieht sie top aus, ist weder zu dick noch zu dünn. Außerdem hat sie in letzter Zeit starke Stimmungsschwankungen, lässt Verabredungen platzen und ist oft genervt. Ich habe das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Soll ich sie darauf ansprechen oder geht mich das nichts an?
Grundsätzlich ist es nicht bedenklich, sich mit dem eigenen Aussehen oder gesunder Ernährung zu beschäftigen. Wenn diese Gedanken allerdings überhandnehmen, kann sich daraus schleichend eine krankhafte Essstörung entwickeln. Oft ist das für Außenstehende nicht gleich zu erkennen, da bestimmte Essstörungen nicht unmittelbar mit deutlichen Gewichtsveränderungen einhergehen. Warnsignale sind zum Beispiel Verhaltensveränderungen wie exzessives Sporttreiben, die ständige Beschäftigung mit Figur und Gewicht, extremes Kalorienzählen oder das Vernachlässigen sozialer Kontakte.
Kommt dann zum Beispiel ausgelöstes Erbrechen oder eine starke Gewichtsveränderung hinzu, sollte professionelle Hilfe gesucht werden. Sprechen Sie Ihre Freundin einfühlsam an.Bieten Sie ihr an, gemeinsam Kontakt zu einer Beratungsstelle aufzunehmen. Erste allgemeine Informationen, auch online, bietet etwa das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (Bioeg): https://essstoerungen.bioeg.de/
Vor zehn Jahren hatte ich eine Herz-OP. Danach bin ich gestürzt und habe auch meinen Geruchs- und Geschmackssinn verloren. Außerdem leide ich an chronischen Brust- und Bauchschmerzen, kann nicht mehr richtig schlafen. Essen ist für mich eine Qual. Sämtliche Behandlungen haben nicht geholfen. Ich hatte schon Kontakt zu einem Psychologen, der meinte, dass zunächst die körperlichen Symptome abgeklärt werden müssten. Ich bin sehr verzweifelt. Wer kann mir helfen? Das klingt nach einem sehr langen Leidensweg. Bei Essstörungen sind in der Regel Körper und Psyche gleichermaßen belastet.
Daher ist eine integrierte Behandlung für Körper und Psyche erforderlich. Darauf ist unser Fachgebiet für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie spezialisiert. Bei uns erfolgen medizinische und psychotherapeutische Diagnostik und Behandlungen aus einer Hand. Dafür gibt es in Sachsen-Anhalt spezialisierte Einrichtungen, bei denen Sie auch Beratung und Behandlung bei Essstörungen erhalten können. Neben unserer Klinik für Psychosomatische Medizin der Uniklinik Magdeburg ist es etwa das Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle.
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Seit vielen Jahren habe ich keine Freude mehr an guten Speisen und extreme Angst, zuzunehmen. Deshalb zähle ich ständig Kalorien und esse kaum noch etwas. Mein Partner macht sich große Sorgen, ist oft genervt. Er sagt, ich soll mir Hilfe holen. Aber ich glaube nicht, dass das nach so langer Zeit etwas bringt.
Essstörungen sind ernstzunehmende psychosomatische Erkrankungen, die zu schweren psychischen, körperlichen und sozialen Komplikationen führen können, in besonders schweren Fällen sogar bis zum Tod. Im jungen Erwachsenenalter gehören sie sogar mit zu den tödlichsten Erkrankungen. Essstörungen verlaufen ohne Behandlung sehr häufig chronisch. Viele Betroffene scheuen sehr lange, Hilfe zu suchen. Sie schämen sich und versuchen, die Erkrankung zu verheimlichen. Für die Behandlung gibt es aber effektive Therapieverfahren, die möglichst frühzeitig in Anspruch genommen werden sollten.
Trotzdem gilt: Auch nach vielen Jahren besteht noch Hoffnung auf eine erfolgreiche Therapie und Heilung. Daher: Hören Sie auf Ihren Freund und suchen Sie einen Arzt oder eine Beratungsstelle auf.
Vor zwei Jahren habe ich mich von meinem damaligen Mann getrennt. Das war auch eine große Belastung für unsere Tochter (19 Jahre). Mit meinem neuen Partner kommt sie nicht zurecht. Seitdem verhält sie sich komisch. Nach jeder Mahlzeit rennt sie auf die Toilette und schließt sich dort länger ein. Ich glaube, dass sie sich erbricht. Aber sie spricht nicht darüber. Außerdem verschwinden häufig Lebensmittel in unserem Haushalt. Ich habe große Angst. Was kann das sein und wie kann ich ihr helfen?
Das hört sich nach einer Bulimia nervosa, auch bekannt als Ess-Brech-Sucht, an. Davon sind besonders junge Frauen und Mädchen betroffen. Auslösende Faktoren können psychische Belastungen wegen tiefgreifender Veränderungen im Leben oder Übergangsphasen in der Entwicklung sein. Die Betroffenen definieren sich sehr stark über Figur und Gewicht und machen ihr Selbstwertgefühl sehr stark davon abhängig. Zu den Symptomen gehören Heißhungerattacken.
Dabei kommt es zu Essanfällen mit Kontrollverlust. Es werden große Mengen, vor allem Süßes oder Fettiges, teils regelrecht verschlungen. Dann kommen oft starke Schamgefühle und eine große Angst zuzunehmen auf. Deshalb wird dann aktiv Erbrechen ausgelöst, um gegenzuregulieren. Oder es werden Abführmittel und andere Medikamente eingenommen, die Gewichtsverlust fördern.
Infolge des häufigen Erbrechens oder der Medikamenteneinnahme können schwere und lebensbedrohliche Folgeerscheinungen wie Herz-Rhythmus-Störungen auftreten. Daher ist es wichtig, dass sich Ihre Tochter in fachärztliche oder psychologische Behandlung begibt. Sprechen Sie Ihre Sorge behutsam an und versuchen Sie, Ihre Tochter einfühlsam zu unterstützen.
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Ich bin recht mollig und habe schon viele Diäten probiert, ohne nachhaltigen Erfolg. Zurzeit ist oft von der „Abnehmspritze“ die Rede, mit der man schnell und effektiv Gewicht verlieren kann. Was halten Sie davon?
Wie alles hat auch diese Medaille zwei Seiten. Diese Spritzen wurden eigentlich zur Behandlung von Diabetes entwickelt. Dafür übernehmen in Deutschland die Krankenkassen auch die Kosten, wenn andere Medikamente nicht zum gewünschten Erfolg in der Therapie des Diabetes geführt haben. Eine (teils durchaus erwünschte) „Nebenwirkung“ dieser neuen Medikamente ist Appetitverminderung und dadurch Gewichtsabnahme. Der Einsatz primär zu Gewichtsreduktion wird zunehmend praktiziert.
Die Kosten dafür müssen die Betroffenen allerdings aktuell selbst tragen und die Medikamente sind teils aktuell noch sehr teuer. Neben den gewünschten Effekten birgt eine solche Behandlung auch Risiken. Es kann bei sehr schneller Gewichtsabnahme auch zur deutlichen Reduktion der Muskelmasse kommen. Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Erbrechen, Durchfall oder Blähungen sind möglich. Langzeitstudien über Nutzen und Risiken stehen noch aus.
Grundsätzlich ist diese Behandlungsmöglichkeit für Menschen mit starkem Übergewicht eine echte Behandlungsalternative. Das sollte aber nicht vom Geldbeutel abhängig sein. Insofern wäre auch aus ärztlicher Sicht wünschenswert, wenn das Medikament auch für diesen Zweck der Behandlung der Adipositas (BMI mehr als 30 kg/m²) in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen würde.
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Seit Jahren habe ich mehrmals wöchentlich regelrechte Fressanfälle. Das gilt besonders an stressigen Tagen. Manchmal wache ich nachts mit Heißhunger auf, gehe an den Kühlschrank und kann mich nicht mehr stoppen. Am nächsten Tag versuche ich dann, gar nichts zu essen, was es aber nur schlimmer macht. Ich habe in drei Jahren fast 30 Kilo zugenommen. Meine Frau hat mir schon oft eine Diät verordnet. Das funktioniert aber nicht. Was raten Sie mir?
Ihre Schilderung spricht für eine Binge-Eating-Störung. Dabei handelt es sich um wiederkehrende Essanfälle, bei denen innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Nahrungsmitteln konsumiert werden. Weitere Merkmale sind hastiges Schlingen und das Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl. Nach den Essattacken treten teils starke Scham- und Ekelgefühle auf. Diese mit längerem Nichtessen wieder auszugleichen, kann das Problem verstärken, weil dadurch oft zusätzliche Heißhungerattacken entstehen.
Daher empfehlen wir eine fachärztlich-psychosomatische oder psychologische Behandlung in Verbindung mit einer Ernährungstherapie. Insbesondere verhaltenstherapeutische Ansätze haben sich bei der Binge-Eating-Störung als wirksam erwiesen. Außerdem sind Entspannungsverfahren zu empfehlen. Spezielle ärztlich verordnete beziehungsweise zertifizierte digitale Gesundheitsanwendungen oder Apps können eine hilfreiche Ergänzung sein.
Ich bin 1,80 Meter groß und wiege 127 Kilogramm. Meine Frau fordert von mir immer wieder, abzunehmen. Ich habe alles Mögliche versucht, von der Diät, über Sport bis zum Qigong. Nichts funktioniert. Woran kann es liegen, dass das bei mir alles nichts bringt?
Unser Körpergewicht wird von vielen Aspekten beeinflusst wie zum Beispiel genetischen, hormonellen oder stoffwechselbedingten Faktoren. Hinzukommen, neben dem Ernährungs- und Bewegungsverhalten, psychosoziale Einflüsse wie seelische oder mentale Belastungen und Stress. Das macht es häufig auch so schwer, abzunehmen. Die organischen Faktoren sollten dabei nicht außer Acht gelassen werden. Daher sollten auch die Funktionen von etwa Schilddrüse, Bauchspeicheldrüse oder Nebenniere unter die Lupe genommen werden.
Erst recht, wenn sich plötzliche Veränderungen offenbaren. Denn diese Organe haben Einfluss auf die Gewichtsentwicklung und sollten entsprechend bei Hausarzt oder geeignetem Facharzt untersucht werden, wenn eine ungesunde Gewichtsentwicklung besteht. Zudem sollte abgeklärt werden, ob eine Essstörung oder eine andere psychische oder psychosomatische Erkrankung vorliegt, die sich ungünstig auf eine gesunde Gewichtsentwicklung auswirkt.
Grundsätzlich ist zu sagen, dass mit konservativen Maßnahmen, also alleinige Veränderung von Energiezufuhr und Bewegung, sich ab einem gewissen Gewicht und bei bestimmter genetischer Konstellation bei vielen Menschen nur sehr schwer deutlich und vor allem kaum dauerhaft Gewicht reduzieren lässt. Auch wenn es erfolgreich gelingt, Gewicht deutlich zu reduzieren, sind die Körperfunktionen im Anschluss ganz auf erneute Gewichtszunahme bis zum Ausgangsgewicht und darüber hinaus (Jo-Jo-Effekt) ausgerichtet.
Meine 14-jährige Tochter leidet seit einigen Monaten an einer Magersucht und wird immer dünner. Die Kinderärztin hat gesagt, wenn sie noch mehr abnimmt, muss sie in eine Klinik. Sie möchte aber keine Behandlung und sagt, ihr gehe es gut. Kann ich das über ihren Kopf hinweg machen?
Grundsätzlich können Essstörungen auch im Rahmen einer ambulanten Psychotherapie, im Fall ihrer 14-jährigen Tochter zum Beispiel bei einer Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder bei psychologischen Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche, behandelt werden. Manchmal reicht das jedoch nicht aus. Bei deutlichem Untergewicht, schwerem Erbrechen, wenn Begleiterkrankungen wie Depression oder Zwänge hinzukommen oder ambulante Therapieversuche abgebrochen wurden oder nicht hilfreich waren, besteht eine Indikation für eine stationäre Behandlung in einer darauf spezialisierten Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Betroffene werden während der Behandlung von Psychotherapeuten, Ärzten und Ernährungstherapeuten begleitet. Bei akuten Gefährdungen, wenn ihr Kind nichts mehr isst, extrem (also lebensbedrohlich) untergewichtig ist, ist es lebenswichtig, geeignete Therapieangebote möglichst frühzeitig anzunehmen. Mit etwas Geduld und dem nötigen Einfühlungsvermögen ist es in den meisten Fällen möglich, bei den Betroffenen eine hinreichende Motivation für die Behandlung zu erreichen.