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Verdrängte SchwangerschaftPlötzlich Mutter: Wenn Frauen gar nicht merken, dass sie schwanger sind

Merken einige Frauen wirklich nicht, dass in ihnen ein Baby wächst? Manche Menschen verdrängen jegliches Anzeichen für eine Schwangerschaft. Welche Erklärung es gibt.

Von Vivien Valentiner 04.12.2023, 15:01
Unbemerkte Schwangerschaften gehen meist mit psychischem Stress einher.  Darunter kann auch die Bindung zwischen Eltern und Kind leiden.
Unbemerkte Schwangerschaften gehen meist mit psychischem Stress einher. Darunter kann auch die Bindung zwischen Eltern und Kind leiden. (Foto: Imago/Westend)

Sie war gerade noch in einem kroatischen Nationalpark wandern – dann gebar eine 22-jährige Frau allein auf der Toilette ein Baby. Dass sie schwanger war, wusste sie nicht. Doch kann das sein? Immer wieder ist von unbemerkten Schwangerschaften und überraschenden Geburten wie diesen zu lesen. Was häufig auf Unglauben trifft, kommt gar nicht so selten vor.

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„Man geht davon aus, dass eine von 500 Schwangeren ihre Schwangerschaft bis zur 20. Woche nicht bemerkt“, sagt Gynäkologin und Autorin Judith Bildau (u.a. „Deine Mädchensprechstunde“). Eine von 2.500 Schwangeren bemerkt sogar bis zur Geburt nicht, dass sie schwanger war. „Das ist gar nicht so wenig“, sagt Bildau. Vor allem, wenn man diese Zahlen mit der Häufigkeit von Drillingsgeburten vergleicht: Bei einer von etwa 7.225 Geburten kommen Drillinge zur Welt. Unbemerkte Schwangerschaften sind also etwa dreimal häufiger als Drillingsgeburten, schreiben Forschende.

Die Vielfalt der Täuschung

Dennoch ist das Phänomen wenig erforscht. In Fachkreisen kursieren unterschiedliche Begriffe: Vom lateinischen Namen „Gravitas suppressalis“ ist zu lesen, aber auch von verheimlichter, ignorierter, verdrängter, verleugneter, manchmal auch negierter Schwangerschaft ist die Rede. Meist ist es gar nicht so leicht, zwischen diesen Formen zu unterscheiden – insbesondere für Außenstehende. Deshalb wird im Folgenden vor allem der Überbegriff „unbemerkte Schwangerschaft“ verwendet.

„Bei der verdrängten Schwangerschaft wissen Frauen wirklich nicht, dass sie schwanger sind“, sagt die Gynäkologin Judith Bildau. Häufig gehen Betroffene, die eine Schwangerschaft verdrängen, wegen Rücken- und Bauchschmerzen oder Wassereinlagerungen in ärztliche Behandlung. „Sie bemerken die körperlichen Veränderungen, aber finden vollkommen andere Erklärungen für ihre Beschwerden“, so Bildau. „Eine Schwangerschaft kommt diesen Frauen gar nicht in den Sinn.“ Etwas anders sieht es bei verleugneten Schwangerschaften aus. „Bei der verleugneten Schwangerschaft ist es so, dass die Frau es eigentlich weiß“, erklärt Bildau, „aber das komplett wegschiebt.“ Die menschliche Psyche leistet Erstaunliches: Jegliche Anzeichen einer Schwangerschaft werden umgedeutet oder sogar komplett ausgeblendet. „Das passiert nicht bewusst, das machen die Frauen nicht absichtlich“, stellt Bildau klar. Bei manchen Betroffenen setze der logische Menschenverstand aus – die dahinterliegenden tiefenpsychologischen Mechanismen sind jedoch unklar.

Wird die Schwangerschaft bemerkt, können auch die üblichen Vorsorgeuntersuchungen gemacht werden.
Wird die Schwangerschaft bemerkt, können auch die üblichen Vorsorgeuntersuchungen gemacht werden.
(Foto: Uli Deck/dpa)

Sowohl bei der verdrängten als auch bei der verleugneten Schwangerschaft können Betroffene alle Hinweise auf eine Schwangerschaft fehlinterpretieren: Eine ausbleibende Monatsblutung wird etwa auf andere Ursachen geschoben. Hinzu kommt, dass unregelmäßige Menstruationszyklen nicht alle Frauen zwangsläufig irritieren. „Wer generell unregelmäßige Menstruationszyklen hat, wundert sich womöglich auch nicht so stark über verspätete oder verkürzte Blutungen“, so die Gynäkologin Bildau. Zumal diese Zyklusveränderungen in stressigen Lebensphasen häufiger vorkommen können. „Und nicht wenige Frauen haben während einer Schwangerschaft Blutungen“, ergänzt Bildau. Es gibt viele Gründe, nicht sofort an die Möglichkeit einer Schwangerschaft zu denken.

Auf Stress, eine veränderte Ernährungsweise oder andere äußere Einflüsse wird häufig auch die Gewichtszunahme bei einer unbemerkten Schwangerschaft geschoben. „Wobei man sagen muss, dass unbemerkt Schwangere häufig gar nicht so stark zunehmen“, so Bildau. Die Babybäuche unbewusst Schwangerer bleiben oft auch weitaus kleiner als regulär. Warum das so ist, da kann die Wissenschaft nur mutmaßen: Möglich ist, dass die Psyche dem Körper signalisiert, die Schwangerschaft zu unterdrücken und in der Folge die Bauchmuskeln unbewusst dauerhaft angespannt werden. In der Fachliteratur wird auch der „Silhouetteneffekt“ beschrieben: Wird unbewusst Schwangeren ihre Schwangerschaft verkündet, löst das meist spontan die übliche Schwangerschaftssilhouette mit deutlicher Wölbung des Bauches bei diesen Frauen aus.

Nicht nur die äußeren Baucherscheinungen bleiben unbemerkt, auch Kindsbewegungen im Mutterleib werden von unbemerkt Schwangeren verdrängt oder umgedeutet. So wird Babystrampeln als stressbedingte Magen-Darm-Probleme, Reizdarm oder Glutenallergie abgetan. Die Liste der möglichen Täuschungen sind lang und vielfältig. „Die Betroffenen finden viele Begründungen für ihre Symptome“, sagt Bildau. Einen bestimmten Typ Frau, der eine Schwangerschaft nicht bemerkt, gibt es laut Forschenden nicht. Frauen jedes Alters, jeder Schicht, jedes Bildungsgrads seien betroffen. Dennoch nennen Forschende aus Frankreich in einer Studie aus dem Jahr 2021 gewisse Risikofaktoren: Wer keine feste Beziehung führt, keinen Schulabschluss hat und psychiatrisch vorbelastet ist, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit unbemerkt schwanger als andere. Auch wenn unbemerkte Schwangerschaften bei einem selbst oder Familienmitgliedern in der Vergangenheit vorkamen, ist das laut der Studie ein Risikofaktor.

Und die Autorinnen und Autoren der Studie stellten fest: Viele Betroffene haben die Antibabypille genommen. Ein höheres Alter stellte jedoch einen Schutzfaktor vor unbemerkten Schwangerschaften dar. Auch Konflikte in der Partnerschaft, etwa über einen unterschiedlich gelagerten Kinderwunsch, sind als Risikofaktoren nicht ausgeschlossen. Ob Betroffene Risikofaktoren vorweisen oder nicht: Als Risikoschwangerschaft gilt eine unbemerkte Schwangerschaft fast immer.

Ernstzunehmende Folgen für Mutter und Kind

Denn je nachdem, wann die Schwangerschaft bemerkt wird, fallen viele Routineuntersuchungen, die Kind und Mutter schützen sollen, weg. „Außerdem verhalten sich die meisten Betroffenen nicht schwangerschaftskonform, sondern rauchen oder trinken Alkohol oder gehen andere Risiken ein“, sagt Judith Bildau.

Es gibt kaum Ressourcen oder Vereine, die ausdrücklich auf Frauen spezialisiert sind, die unbemerkt schwanger sind oder dies verleugnen. „Es ist eine Mammutaufgabe, diese Familien zu begleiten,“ sagt Judith Bildau. Sie habe als Gynäkologin die Vor- und Nachsorge intensiviert und Betroffene auf Hilfen der Caritas, von Profamilia oder anderen psychosozialen Beratungsstellen hingewiesen, um beispielsweise Elterngeldanträge zu stellen oder möglichst zügig eine Hebamme zur Nachsorge zu finden. Damit es aber gar nicht so weit kommt, braucht es Prävention und Sensibilisierung für das Thema. „Auch Hausärzte sollten auf dem Schirm haben, dass es unbemerkte Schwangerschaften gibt“, meint Bildau. Außerdem sollten Gynäkologen Risikofaktoren für verdrängte Schwangerschaften im Blick behalten. Nicht zuletzt braucht es flächendeckend mehr Aufklärung über das Phänomen.

Viele Frauen, die unbemerkt schwanger waren, wollen ihr Kind dennoch behalten. Sie sind jedoch oft überfordert. Judith Bildau wünscht sich vor allem mehr Verständnis in der Gesellschaft für Betroffene. „Wichtig ist: Diese Frauen lügen nicht. Sie sind in einer absoluten Ausnahmesituation“, so Bildau.

Das hat Folgen: Manch unbemerkt Schwangere hat etwa unbehandelten Schwangerschaftsdiabetes. Und bleiben beispielsweise Fehlbildungen des Kindes unentdeckt, kann das zu Komplikationen bei der Geburt führen. „Kinder von unbemerkt Schwangeren sind meist kleiner als andere Babys“, erklärt Bildau. „Und es besteht immer die Gefahr, dass Mutter und Kind nicht optimal medizinisch versorgt sind.“

Hinzu kommt der psychische Stress, der mit unbemerkten Schwangerschaften und teils überraschenden Geburten verbunden ist. „Betroffene können eine richtige psychische Krise durchmachen“, sagt Bildau. „Sie sind teilweise vollkommen schockiert und müssen von allen Seiten aufgefangen werden.“ Meist sind sie weder strukturell noch emotional auf eine Geburt, geschweige denn die Elternschaft, vorbereitet. Darunter kann auch die Bindung zwischen Eltern und Kind leiden. Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass Kinder von unbemerkt Schwangeren vernachlässigt oder gar getötet werden. So stellen Wissenschaftler nämlich die These auf, dass Kindstötungen, sogenannte Neonatizide, eine extreme Folge von verdrängten Schwangerschaften sein könnten.