Test Volvo schickt den elektrischen Nachfolger des XC60 ins Rennen
Der Hersteller verspricht für den Stromer EX60 in der Topversion eine Reichweite von bis zu 810 Kilometern. Die Preise für das SUV starten bei 62.290 Euro.

Halle / Saale
Volvo geht weiter stramm vorran bei der Elektrifizierung seiner Modelle. Zwei vollelektrische Autos kommen nun hinzu, beide haben einen besonderen Rang in der Volvo-Hierachie. Mit dem ES90 wird die erste vollelektrische Limousine angeboten. Der Fünftürer ist für Volvo der Nachfolger des S90 und eins der beiden - neben dem EX90 - Topmodelle der Marke. Der ES90 lockt die Kundschaft innen wie außen mit zurückhaltend-eleganter Form, ganz im Stil des bewährten und beliebten nordischen Designs der Marke. Versprochen wird eine Reichweite von bis zu 810 Lilometern.
Zunächst nur auf der Premierenbühne - und noch nicht beim Fahren - war der andere Neuling zu begutachten, der Volvo EX60. Das ist praktisch der Nachfahre des Verbrenners XC60, der bei Volvo eine besondere Position hat. Denn er führt seit Jahren die Verkaufsliste der Marke an. Im Sommer 2025 holte der XC60 den Klassiker Volvo 240 aus dem Jahr 1974 ein und wurde mit mehr als 2,7 Millionen verkauften Autos sogar zum meistverkauften Volvo aller Zeiten. Darauf soll der nun erstmals in Deutschland vorgestellte EX60 aufbauen.
Mit einer Länge von 4,80 Metern wächst der Volvo EX60 spürbar gegenüber dem alten XC60 (4,71 Meter), dafür ist er einen Zentimeter niedriger (1,64 Meter). Der große Radstand von 2,97 Metern ist Basis für ein großzügiges Raumkonzept. An der Front ähnelt der neue EX60 dem EX30 und EX90. Prägend sind grobpixeligen Scheinwerfer in - von Volvo so genannten - Thors-Hammer-Optik. Thor - das ist der Gott aus der nordischen Mythologie, der in den Kämpfen der Sagenwelt seinen Hammer schwingt. Auf eine Art Kühlerelement wird vorn verzichtet, es gibt ja wie üblich bei E-Autos vorn nichts direkt zu kühlen. Besonderheit: Sichtbare Türgriffe sucht man beim EX60 vergeblich. Stattdessen fahren an den Fensteraufnahmen, nah an B- und C-Säule, kleine Hebel zum Öffnen aus. Wie das in der aktuellen Debatte um die Rückkehr großer mechanischer Türgriffe ankommt, wird abzuwarten sein. Wie praktisch das ist, war noch nicht zu testen.
Im Innenraum zelebriert Volvo wie bei anderen Modellen den üblichen Minimalismus und nutzt moderne Bedientechnik, die nahezu ohne Tasten und Knöpfe auskommt. Das wird von vielen Nutzern immer häufiger nicht mehr als alltagsgerechtes Angebot empfunden, weil das Herumgewische auf dem Bildschirm Ablenkungspotential hat und oft umständlich wirkt. Auch beim EX60 läuft fast nichts ohne Getaste auf Display-Menüs. Das wird hier auf die Spitze getrieben: Handschuhfach, Seitenspiegel oder Kofferraum lassen sich nur bedienen, wenn man den richtigen Button auf dem Display trifft. Warum?

Auffällig ist der Wechsel vom vertikal eingebauten Infotainment-Bildschirm zu einer horizontalen Variante. Ein zweiter kleiner Bildschirm ist im Sichtfeld des Fahrers oben auf dem Armaturenbrett positioniert, sehr gut, dass Volvo das wieder einführt. Das Infosystem nutzt eine - wie Volvo das nennt – „verzögerungsfreie, konversationelle KI“ basierend auf Google Gemini, das erstmals an Bord ist. Angetrieben wird das digitale Cockpit vom Nvidia Chips, die genug Rechenleistung besitzen sollen, um mit künftigen Updates Verbesserungen der Assistenzsysteme aufspielenzu können. Die Idee dahinter macht Sinn: So kann der EX60 mit der Zeit immer besser werden. Sein Debüt hat der Pilot Assist Plus, der assistiertes Fahren bis zu 130 km/h möglich machen soll. Der Assistent kann partiell selbstständig unter Fahreraufsicht lenken.
Für Kunden weniger interessant, aber für das Gesamtpaket im Verborgenen wichtig: Erstmals werden großflächigen Gussbauteilen verwendet und die Batterie ist nun tragender Teil der Karosserie. Das spart Gewicht und reduziert so auch den Schadstoffausstoß. Platz gibt es im EX60 für die Passagiere ausreichend, auch hinten ist der Raum sehr großzügig bemessen. Der Kofferraum schluckt 634 Liter, bei umgeklappten Rücksitzen entstehen 1.647 Liter Stauraum. Unter der Fronthaube (neudeutsch: Frunk) warten je nach Antriebsvariante bis zu 85 Liter zusätzlicher Stauraum (für Ladekabel etwa).
Zum Start bietet Volvo den EX60 in drei Leistungsstufen an, die allesamt auf 800-Volt-Technik setzen, was momentan bei den Stromern das Maß aller Dinge ist. Den Einstieg markiert der P6 Electric mit Heckantrieb. Ein E-Motor an der Hinterachse leistet 374 PS (480 Nm Drehmoment). In der Mitte der EX60-Modellreihe fährt der P10 AWD Electric mit Allradantrieb und 510 PS (710 Nm). Der P12 AWD Electric ist das Topmodell. 680 PS und 790 Nm lassen das fast 2,4 Tonnen schwere SUV in 3,9 Sekunden auf 100 km/h flitzen, gibt Volvo an. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei allen Modellen Volvo-typisch auf 180 km/h begrenzt. Kunden dürften sich dennoch fragen, warum ein solches SUV bis zu 680 PS haben mus, auch 374 PS sind schon überaus üppig für den Fahralltag. Das braucht niemand, um zügig oder gar sportlich von A nach B zu kommen.

Große Akkus sind - in drei Varianten – im Unterboden verbaut. Die Einstiegsvariante (P6) nutzt einen 83-kWh-Akku, der bis zu 620 Kilometer WLTP-Reichweite garantieren soll. Der P10 kommt mit einer 95-kWh-Batterie auf 660 Kilometer und der P12 erhält einen massiven 117-kWh-Akku, der bis zu 810 Kilometer ermöglichen soll. Dank der 800-Volt-Architektur soll Strom an den Schnellladern besonders fix nachgeladen werden können. Ein Ladestopp von 10 auf 80 Prozent soll laut Volvo im besten Fall nach 18 Minuten erledigt sein. In zehn Minuten werden bis zu 340 Kilometer Reichweite nachgeladen, heißt es.
Den EX60 gibt es in zwei Ausstattungen: Plus und Ultra. Dazu kommt noch der außen etwas rustikaler gestaltete Cross Country, der auch variable Bodenfreiheit bietet. Der EX60 kann ab sofort bestellt werden, der Konfigurator ist online. Die Serienproduktion beginnt im Frühjahr. Die Preise starten bei 62.990 Euro (P6), das Topmodell, P12 AWD, kostet ohne Extras bis zu 78.790 Euro.
Zu den Neuheiten von Volvo zählt 2026 die Limousine ES90, die jetzt erstmals kurz zu fahren war. Der vollelektrische Fünftürer mit großer Fließheckklappe wird in drei Versionen angeboten, das Einstiegsmodell kostet ab 70.490 Euro. Alle Versionen sind mit der 800 Volt-Technik ausgestattet, die für kürzere Ladezeiten und mehr Reichweite sorgt, die beim vollelektrischen ES90 bis zu 679 Kilometer betragen kann. Vorwiegend innerorts gefahren verspricht Volvo 802 Kilometer. Im Test der große Elektro-Limousine wird demnächst an dieser Stelle zu lesen sein, welche Reichweite im Alltag tatsächlich möglich ist.