TV-Tipp

Sehenswertes Drama „Die Luft, die wir atmen“

Alter, Pflege, Tod - darüber spricht kaum einer gern. Dabei gehört das alles zum Leben dazu - ein ARD-Film liefert einige Denkanstöße.

Von Klaus Braeuer, dpa 24.11.2021, 00:02
Martin Glenski (Gerd Wameling) und Alisa Glenski (Bernadette Heerwagen) in einer Szene aus „Die Luft, die wir atmen“.
Martin Glenski (Gerd Wameling) und Alisa Glenski (Bernadette Heerwagen) in einer Szene aus „Die Luft, die wir atmen“. Bettina Müller/HR/ARD/dpa

Berlin - Es ist ein klirrend kalter Wintertag, irgendwo auf dem Land bei Frankfurt/Main, hier statten mehrere Gäste einen Besuch bei ihren Angehörigen in einem Altenheim ab. In „Die Luft, die wir atmen“ kreuzen sich am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten Schicksale.

Florist Klaus (Rainer Bock) will seine an Parkinson erkrankte Partnerin Sylvia (Ruth Reinecke) überreden, in ihr gemeinsames Heim zurückzuziehen, um sich dort von ihm pflegen zu lassen. Derweil möchte Alisa (Bernadette Heerwagen) ihren dementen Vater Martin (Gerd Wameling) endlich davon überzeugen, ihr eine Vollmacht für sein Konto auszustellen. Bisher weigert der Geigenbauer sich, seinen Pflegeplatz selbst zu bezahlen, was die Beziehung von Alisa zu ihrer Frau Sarah (Katharina Nesytowa) stark belastet.

Lana (Babara Philipp) wurde von ihrem Bruder Jürgen (Thomas Loibl) herbeigerufen: Er sitzt bereits seit neun Stunden am Sterbebett der Mutter und kann nicht loslassen, obwohl sie die beiden Geschwister vor vielen Jahren auseinandergebracht hat.

Neda Rahmanian (42, „Der Kroatien-Krimi“) ist in der Rolle der erfahrenen und besonnenen Heimleiterin ebenso überzeugend wie Katja Studt als herzensgute Pflegerin. Überhaupt sind nahezu alle Rollen exzellent besetzt und gespielt, mit unglaublich viel Einfühlungsvermögen für Themen wie gegenseitigem Verständnis, Belastbarkeit der Beziehungen und schmerzhaftem Loslassen.

Dabei geht es in erster Linie darum, was eine Zumutung darstellen könnte, für die Patienten und ihre Angehörigen. Eine Besucherin verspätet sich, erfährt dann vom Tod ihrer Mutter - was durch absurd anmutende und doch lebenskluge Szenen und die einfühlsame Verknüpfung zweier Geschichten - zu einer neuen Lebenschance für sie werden kann.

Regisseur Martin Enlen („Wilsberg“) hat sein Drama - nach dem hervorragenden Buch von Julia C. Kaiser („Die Reste meines Lebens“) - in einem fiktiven Altersheim gedreht, das eigentlich eine Jugendherberge ist. Zwar wurde der Drehbeginn am Feldberg im Taunus im vorigen Jahr wegen kurzfristigem Schneechaos verschoben, jedoch mussten später Eis und Graupel künstlich hergestellt werden.

Enlen sagt in einem ARD-Interview: „Dieser Film ist ganz sicher keine Dokumentation über den Zustand in deutschen Alten- und Pflegeheimen. Aber vielleicht ist er auch gar nicht so fern von der Realität, wie man sie ja sicher sehr unterschiedlich wahrnehmen kann.“ Da könnte etwas dran sein, denn manche Szenen wirken in ihrer zwischenmenschlichen Intimität geradezu erschreckend realistisch.

Der Film ist mit großer Ruhe und kleinen Pausen erzählt, was durch die Musikzusammenstellung von Dieter Schleip hervorragend unterstützt wird. Das hereinbrechende Unwetter mit Blitzeis hilft dabei, ganz verschiedene Menschen einander näher oder gar (wieder) zusammenzubringen - sie können ja nicht weg. Gerade durch Gespräche, unter Lebenden, mit Sterbenden und mit Toten, können Versäumnisse und verschüttete Gefühle endlich hervortreten. Dabei ist es in diesem Heim mit dem Charme der 70er Jahre ganz gut auszuhalten - die Pandemie ist weit weg, die freundlichen Mitarbeiterinnen sind einfach eine Wohltat, und sogar für die Liebe ist noch Platz. Denn gerade sie wird - genauso wie die Luft zum Atmen - dringend zum Leben gebraucht.