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Neu im Kino Mit Shakespeare auf Oscar-Kurs: Das Filmdrama „Hamnet“

Wie verarbeitet man den Tod eines Kindes? Dies erzählt „Hamnet“ aus der Perspektive von Shakespeares Frau. Ein Drama, das heiß im Oscar-Rennen gehandelt wird - und das Publikum fordert.

Von Sabrina Szameitat, dpa 22.01.2026, 07:00
Jessie Buckley wird als Anwärterin auf einen Oscar als beste Hauptdarstellerin gehandelt. (Archivbild)
Jessie Buckley wird als Anwärterin auf einen Oscar als beste Hauptdarstellerin gehandelt. (Archivbild) Carsten Koall/dpa

Berlin - Ohne Zweifel wird „Hamnet“ bei den kommenden Oscars eine Rolle spielen. Es wäre eher überraschend, sollten Hauptdarstellerin Jessie Buckley und Regisseurin Chloé Zhao die Nominierung für die begehrten Trophäen verpassen. Bei den Golden Globes wurde der Film als bestes Drama ausgezeichnet und Buckley zur besten Drama-Schauspielerin gekürt. 

Tatsächlich liefert die 36-Jährige als trauernde Ehefrau des jungen William Shakespeares eine bahnbrechende Leistung ab, die noch nach dem Kinobesuch im Gedächtnis bleibt. Gilt das auch für den Rest des Films? 

Tod von Sohn Hamnet: Film mischt historische Fakten und Fiktion

So viel sei schon einmal gesagt: „Hamnet“ ist kein Wohlfühlkino. Im Gegenteil: Das Drama von Oscar-Preisträgerin Zhao („Nomadland“) erzählt eindrücklich, wie Shakespeare (Paul Mescal) und seine Frau Agnes (Buckley) den Verlust ihres gemeinsamen Sohnes Hamnet verarbeiten, und setzt dabei auf die emotionale Überwältigung seiner Zuschauer.

In der Filmadaption von Maggie O'Farrells Roman inspiriert der Tod den Dramatiker zu einem seiner berühmtesten Theaterstücke: „Hamlet“. Ob es zwischen beidem einen Zusammenhang gibt, ist in der Literaturwissenschaft umstritten. Historisch belegt hingegen ist, dass Shakespeares Sohn Hamnet 1596 im Alter von elf Jahren starb, vermutlich an der Pest.

Doch das Theaterstück oder gar dessen Entwicklung will Regisseurin Zhao nicht in den Vordergrund stellen. Vielmehr interessiert sie sich für einen feministischen Blick auf den Umgang mit Verlust und Trauer im England des 16. Jahrhunderts. „Hamnet“ folgt der Perspektive von Agnes, einer eigenwilligen Bauerntochter, die ihre Zeit gerne im Wald verbringt, einen zahmen Falken hält und ein besonderes Gespür für Heilkräuter entwickelt.

Ein feministischer Blick auf Umgang mit Trauer

In der Provinz wird ihr deshalb nachgesagt, sie sei die „Tochter einer Waldhexe“. Agnes und der junge Lateinlehrer Will Shakespeare verlieben sich, heiraten und bekommen drei Kinder: Susanna und die Zwillinge Judith und Hamnet. 

Das zunächst harmonische Familienleben schlägt um, als Shakespeare nach London zieht, um dort an seinen Theaterstücken zu schreiben. Agnes bleibt stattdessen mit den Kindern zurück und erlebt, wie ihre Tochter Judith an der Pest erkrankt. Doch statt der Zwillingsschwester stirbt Bruder Hamnet (stark: Nachwuchsschauspieler Jacobi Jupe).

Ist die Darstellung der Trauer „Grief Porn“?

Ein Kind zu verlieren, muss einen unermesslichen Schmerz hinterlassen. Darauf setzt auch „Hamnet“. Buckleys Darstellung einer am Boden zerstörten Mutter ist erschütternd und beeindruckend, aber alles andere als subtil. Verzweifelt versucht sie, den kranken Hamnet zu retten. Es folgt ein langer erstickter Schrei und eine tiefe Wut gegenüber ihrem abwesenden Ehemann.

In einer Kritik ist die Rede davon, dass Buckley selbst einen Stein zum Weinen bringen könne. Allerdings setzt der Film hier auch auf ein Kalkül - er zwingt das Publikum geradezu, sich vom verheerenden Verlust überwältigen zu lassen. Diese Form der Inszenierung erinnert mitunter an das, was man auch als „Grief Porn“ bezeichnet, also eine voyeuristische Darstellung von Trauer, die das Leid der Figuren ausschlachtet. 

Auch die Entwicklung der Tragödie „Hamlet“, die als Höhepunkt im Londoner Globe Theater uraufgeführt wird, inszeniert der Film stellenweise plakativ. So kommt Shakespeare die zentrale Idee für das berühmte „Sein oder nicht Sein“-Zitat, als er nachdenklich am Flussufer steht und scheinbar plötzlich erleuchtet wird.

Jane Fonda bezeichnet Film als „perfekt“

Trotz allem überzeugen sowohl Jessie Buckley als auch Paul Mescal in ihren Rollen der trauernden Eltern. Regisseurin Zhao beweist zudem ihr Gespür für detailreiche Naturaufnahmen und eindrucksvolle Bilder, etwa aus der Vogelperspektive. Statt auf ausgiebige Dialoge setzt sie auf das schauspielerische Talent ihrer Hauptdarsteller, Verlust auch ohne Worte greifbar zu machen.

„Hamnet“ dürfte sich für Zuschauer lohnen, die ein ausgeruhtes Erzähltempo schätzen und sich mit der Bewältigung von Trauer auseinandersetzen möchten. Erst kürzlich entpuppte sich Schauspielerin Jane Fonda bei einer Preisverleihung als Fan des Dramas. Sie bezeichnete es als „perfekt“ und sagte: „So sollte Film sein“.