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Doku „Die Lust am Vorspiel“ bei Arte

Nacktfotos, Intimrasur, Petting - selten hört man junge Menschen so freizügig über Sex sprechen wie in der Arte-Doku „Die Lust am Vorspiel“. Dabei geht es aber nicht nur um die schönen Seiten der Liebe.

Von Marco Krefting, dpa
Szene aus der Dokumenation "Die Lust am Vorspiel".
Szene aus der Dokumenation "Die Lust am Vorspiel". ---/ARTE France/dpa

Straßburg - Der erste Blowjob in der Schul-Mittagspause, versteckt zwischen Büschen. Nacktfotos, die der Freund an seine Kumpels weiterschickt.

Die Entdeckung der eigenen Homosexualität, die nicht nur in der Sport-Umkleidekabine zum Spießrutenlauf wird. Die Arte-Dokumentation „Die Lust am Vorspiel“ geht am Mittwochabend (16.6., 21.55 Uhr) dem Liebesleben der sogenannten Generation Z nach. Dabei greift der Film weit mehr Themen als nur das Vorspiel auf.

Rund eine Stunde lang erzählen sowohl Jugendliche als auch junge Erwachsene im Alter von 12 bis 23 Jahren von ihren ersten Erfahrungen mit Sexualität - positive wie negative. Überraschend freizügig sprechen sie dabei über Oralverkehr, Schamhaarrasur und Sexualität in Zeiten von Internet und Smartphones. Zum Schutz der Jüngsten werden nur die Töne gesendet, gezeigt werden collagenartige Illustrationen. Die Erwachsenen aber sind zu sehen. Sie reden meist unverklemmt über eigene Erlebnisse und darüber, welche Rolle Sex allgemein spielt.

Manchmal klingt das recht abgebrüht: „Es ist wie mit dem Rauchen“, sagt die 20-jährige Dounia etwa. „Irgendwann muss man eben seine erste Zigarette rauchen.“ Andere erzählen vom Versuch, sich zu beweisen, vom Prahlen im Freundeskreis oder von den körperlichen Veränderungen in der Pubertät und den damit einhergehenden Folgen: „Ich war schon auf dem Markt“, erinnert sich Iris (21) an ihre Jugend. „Ich galt als eine, mit der man Sex haben kann.“ Und mal fehlt ein Ansprechpartner, der bei dem Thema wirklich weiterweiß: Endet der Akt zum Beispiel, wenn der Junge ejakuliert hat?

Doch die Befragten sprechen auch negative Themen an. Vergewaltigung und ob Frauen zu selten Sex ablehnen, wenn sie nicht wollen. Sex-SMS, die ab der sechsten Klasse verschickt werden. Oder Mobbing und ausbleibendes Verständnis bei Homosexuellen. „Das Vorspiel, die Vorbereitung auf den Sex gehört den Heteros“, sagt Basile. „Alle, die nicht der Norm entsprechen, werden ausgegrenzt.“ Damit meint der 19-Jährige nicht nur homosexuelle oder queere Menschen, sondern beispielsweise auch solche mit Behinderung. Oder all jene, die nicht den Körperidealen wie schlank und muskulös entsprechen.

Die Sprache ist locker. Meist ehrlich, selten pseudo-seriös. Penisse beispielsweise werden in der Regel als „Schwanz“ bezeichnet, aber auch mal als „dieses Ding“. So läuft die Doku von Julie Talon nicht Gefahr, wie ein Blick durch die Erwachsenenbrille zu wirken. Dass die Protagonisten frei und unkommentiert sprechen können, führt aber auch zu etwas Monotonie. Zumal ausschließlich Franzosen zu Wort kommen und für die deutsche Fassung somit permanent synchronisiert wird.

„Die Lust am Vorspiel“ ist der Auftakt zum Dokumentarfilm-Sommer bei Arte. Unter dem Motto „MenschenLeben“ blickt der deutsch-französische Fernsehsender bis Ende August immer mittwochs auf verschiedene Facetten der Gesellschaft. In „#dreckshure“ (23. Juni) untersuchen beispielsweise zwei Regisseurinnen Frauenfeindlichkeit und Gewalt gegen Frauen im Netz. Bei „Eltern eines Amokläufers“ (30. Juni) geht es um die Beziehung von Eltern zu Kindern, die Schießereien an ihren Schulen begangen haben. Andere Themen sind etwa eine sogenannte Regenbogenfamilie mit schwulen Vätern, Leihmutterschaft, iranische Frauen ohne Kopftuch und blinde Motorradfahrer.

Es gehe um individuelle Geschichten und intime Themen, „die unsere Gesellschaft bewegen“, schreibt Arte dazu. „Die Dokumentarfilm-Reihe erzählt von Menschen, die vor großen Herausforderungen der Gegenwart stehen, Grenzen überschreiten und Schwierigkeiten überwinden.“