Sarah Kirsch

Sarah Kirsch: Ich glaube eher an Bäume als an Gott

HALLE/MZ. - Am Freitag wird die aus Mitteldeutschland stammende und in Schleswig-Holstein lebende Dichterin 75 Jahre alt. Wir gratulieren mit Zitaten aus ihrem Werk und aus Interviews, zusammengestellt von Christian ...

15.04.2010, 16:35

Am Freitag wird die aus Mitteldeutschland stammende und in Schleswig-Holstein lebende Dichterin 75 Jahre alt. Wir gratulieren mit Zitaten aus ihrem Werk und aus Interviews, zusammengestellt von Christian Eger.

A Alter: Ich spüre das Alter nicht. Man wird innerlich nicht so schnell alt, wie man in Wirklichkeit alt wird. Innerlich bin ich noch immer die, die mit ihrer Mutter irgendwo langgeht. Aber eigentlich ist mir das Alter schietegal. (2005)

B Berlin: Oh wie bin ich so froh nicht in Berlin zu sitzen. Gleich Häuser und Menschen vor die Nase - det wär mir wirklich nüscht mehr! (Sommerhütchen)

C Crusoe: Gedicht aus dem Lyrikband "Bodenlos", darin heißt es: Mein grün Gefängnis es schenkt / Außerordentlich Freude die / Füchsin fürchtet mich nicht / Vögel lachen wenn ich Crusoe / Meine eigenen Felder bestelle.

D DDR: Sich durchgehauen zu haben, ohne in den Dreck zu geraten. Das ging. (2002)

E Eins Zwei Drei: Film von Billy Wilder: "Eins Zwei Drei"! Das ist einer der besten Filme der Welt! Im Kalten Krieg noch gedreht, so lustig so traurig in mehreren Sprache. (Regen)

F Freunde: Wir mussten uns zusammenrotten gegen die anerkannten Parteidichter, die heute niemand mehr kennt. (2005)

G Glück: Wenn man glücklich ist, so richtig glücklich, dann sieht man das Schöne. Wenn ich hier plötzlich im Auto vor einem knallblauen Himmel zwei Schwäne fliegen sehe, bin ich so glücklich, weil das so schön ist, dass es mir scheißegal ist, wo ich hinfahre. (2005)

H Halberstadt: Mir zum Beispiel war seit dem Angriff auf Halberstadt gänzlich bewusst, dass ich zufällig am Leben geblieben war. Solche Erkenntnis ist ein weltanschaulicher Schock für ein zehnjähriges Kind. (Kuckuck)

I Internet: Ich surfe nicht im Internet, ich surfe im Grimm (Schnee)

J Juli: Der Julius war heiß und wir lebten draußen unter den Kronen der alten Bäume. Hingen in Hängematten am Sternenzelt. Jeder mit einskommadrei Katzen im Schlafsack. Im Durchschnitt. (Das simple Leben)

K Kunst: Das Kunstwerk kann nur groß und schön und sonst was sein, wenn es mit dem, der es schreibt, so viel zu tun hat, dass der auch daran kaputtgehen kann. (2005)

L Limlingerode: Ich bin 1935 im Pfarrhaus zu Limlingerode geboren worden, in einem südländisch anmutenden Fachwerkbau auf einer Anhöhe am Rand des Waldes.

(Kuckuck)

M Mutter: .von der kommt das Urvertrauen. Deshalb habe ich nie Angst. (2005)

N Naturlyrik: Ich schreibe keine Naturlyrik. (2005)

O Öffentlichkeit: Die Öffentlichkeit und die Rolle, die man dort spielt, sind mir sehr langweilig. Ob das hier gut ist oder nicht gut ist, ist mir ganz egal. Ich will kreatürlich lebendig sein. (2005)

P Potter: War tagelang abgetaucht und habe "Harry Potter" gelesen. Jetzt bin ich auf Seite 691. Im ganzen gesehen ist dieser 5. Band mitunter, wenn nur der Stoff bewegt wird, a bisserl langweiliger als die anderen. Es gibt auch nicht diese herrlichen phantastischen Dinger wie die Unterwasserwelt vorher, auch hat sie wohl ihr Pulver verschossen. (Regen)

Q Qualm ("Kwalm"): Literatur, die Sarah Kirsch langweilt. Zum Beispiel: Alexander Kluge ("bin ich injeschlafen"), Stephan Hermlin ("ohne Geist und Feuer"), Christa Wolfs "Ein Tag im Jahr" ("Volkshochschulbetrachtungen"). Großartig hingegen immer u. a.: Andersen, Brodsky, die Droste, Karabata und Nabokov. (Krähe, Regen)

R Religion: Ich bin nicht gläubig, aber ich glaube an ganz vieles. Ich glaube eher an Bäume als an Gott. Ich glaube an viele Gottheiten in den Dingen. Ich glaube an die, die schon hier gelebt haben. (2005)

S Schreiben: Weshalb ich schreibe, weshalb ich lebe fällt ja zusammen. Weil ich herausfinden will, was ich hier soll. Auf diesem seltsamen Planeten. (Schnee)

T Tielenhemme in Schleswig-Holstein ("Tee in Schließlich-Holzbein"), Wohnsitz von Sarah Kirsch: Seit ich in Weltrand hier wohne, besitze ich einen herrlichen Schatten. Solch einen habe ich vorher niemals besessen. (Schnee)

U Unsagbares: Mit sechsundzwanzig Buchstaben versuchen, das Unsagbare zu sagen. Ich schreibe mich vom Papier weg in Landschaften wohl . (Schnee)

V Vater: Mein Vater führte ein etwas seltsames Leben. Er war lesesüchtig wie die meisten seiner Geschwister. (Kuckuck)

W Wiepersdorf: Landsitz der Dichterin Bettina von Arnim, dem Sarah Kirsch das große Gedicht "Wiepersdorf" (1973) widmete. Darin heißt es: Dieser Abend, Bettina, es ist / Alles beim alten. Immer / Sind wir allein, wenn wir den Königen schreiben / Denen des Herzens und jenen / Des Staats. Und noch / Erschrickt unser Herz / Wenn auf der anderen Seite des Hauses / Ein Wagen zu hören ist.

X Ix: Ix ruft bei Jutta an, ob ich Ypsilon liebe. Jutta sagt Ix! du spinnst. (Tatarenhochzeit)

Y Ypsilon: Geliebter aus Westberlin Mitte der 70er Jahre: .nach absurden nebulösen Telefongesprächen (da waren die Genossen von der Sicherheit gleich informiert) kam Ypsilon für drei Tage aus Frankreich herüber. Jede Nacht mußte er für zwei Stunden zurück über die Grenze. Oh unser großartiger west-östlicher Diwan hier in den Wolken! (Tatarenhochzeit)

Z Zaubersprüche: Titel des Gedichtbandes von 1973, der beginnt mit "Anziehung": Nebel zieht auf, das Wetter schlägt um. Der Mond versammelt Wolken im Kreis. Das Eis auf dem See hat Risse und reibt. Komm über den See.