Oper Halle

Oper Halle: Strafen nach Strophen

Halle/MZ. - "Hochzeiten und andere Katastrophen" hat das Opernhaus Halle die kleine Revue genannt, mit der am Wochenende ein großes Jubiläum gefeiert wurde. Vor 350 Jahren wurde an der Saale erstmals ein Singspiel gegeben, das aus der Feder des Komponisten Philipp Stolle stammte. Dass die Zunft seither nicht nur 100-jährige Verbannung aus den Stadtmauern, sondern auch diverse Durststrecken und manchen Erfolgsrausch überstanden hat, lernt man nun in einer Kabinett-Ausstellung. Eine Treppe höher aber schürt Axel Köhler das Fegefeuer der ...

Von Andreas Hillger 07.11.2004, 16:58

"Hochzeiten und andere Katastrophen" hat das Opernhaus Halle die kleine Revue genannt, mit der am Wochenende ein großes Jubiläum gefeiert wurde. Vor 350 Jahren wurde an der Saale erstmals ein Singspiel gegeben, das aus der Feder des Komponisten Philipp Stolle stammte. Dass die Zunft seither nicht nur 100-jährige Verbannung aus den Stadtmauern, sondern auch diverse Durststrecken und manchen Erfolgsrausch überstanden hat, lernt man nun in einer Kabinett-Ausstellung. Eine Treppe höher aber schürt Axel Köhler das Fegefeuer der Eitelkeiten.

Gemeinsam mit dem Dramaturgen Volker Weiske hat er die Liebhaber-Aufführung für das Konzert-Foyer entworfen - und anfangs scheint trockene Theorie über die Lust am Musizieren zu triumphieren. Doch dank Anke Berndt, die ihr komödiantisches Talent schamlos ausspielt, bricht das Eis nach wenigen Minuten. Und fortan darf man staunen, wie leichtsinnig und gegenwärtig die kleinen Kostbarkeiten aus dem 17. Jahrhundert von dem Quartett der Solisten serviert werden. Unterstützt werden sie dabei von Musikern des Händelfestspielorchesters unter Leitung von Bernhard Prokein - sowie von zwei Paaren des Ballett Rossa, denen ihr Chef mit leichter Hand kokette Etüden auf den Leib geschneidert hat.

Überwiegend heiter bis albern gebärdet sich denn auch die Affekthascherei, die zwischen historischen Reminiszenzen und aktuellen Anspielungen changiert. Köhler, der die Eitelkeiten der Branche aus eigener Erfahrung kennt, lässt einen Freier ohne Zähne singen und bemisst Strafen nach Strophen, er entwirft pantomimische Illustrationen für einzelne Texte und jagt den Gott Amor als lästige Stechmücke.

Dies alles hat Charme, weil es sich zur Improvisation bekennt. Selbst wenn man Einfälle wie das Fehlen der Musiker oder die Verspätung der Sänger aus anderen Inszenierungen kennt, die sich noch immer im Spielplan des Opernhauses befinden, verzeiht man diese Laxheit in Fragen geistigen Eigentums - zumal man den Akteuren ihr eigenes Vergnügen an den Stücken von Philpp Stolle und dessen Kollegen Samuel Scheidt, David Pohle und Johann Philipp Krieger abnimmt.

Zudem wird es zu später Stunde leicht lasziv, was nicht allein an Frau Berndts Vorliebe für Blechbläser liegt. Selbst als Demoiselle Stadel im Moment höchster Verzückung ihren Büstenhalter nach dem Bariton wirft, ist sie um eine Frivolität nicht verlegen: "Da werden sie künftig ein bisschen mehr stützen müssen - und zwar selbst." Dass ihre eigene Stimme gut gestützt ist, beweist sie am Ende - als Händels "Alcina", was sonst.

Nächste Vorstellung: 28. November, 20 Uhr