Hochwasser Sachsen-Anhalt

Hochwasser Sachsen-Anhalt: Die Elbaue ist ein Spiegel

halle/wörlitz/MZ - „Seit Sonntagvormittag rackern wir wie die Blöden!“, ruft Thomas Weiss durchs Telefon. „Entschuldigen Sie, dass ich etwas emotional werde!“ Aber dazu hat er alles Recht. Der Direktor der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz hat das Gartenreich, das empfindlichste und größte Flächendenkmal Sachsen-Anhalts, vor der Elbe zu schützen, die von Norden her auf die Deiche drückt. Noch am Dienstag, sagt Weiss, konnte man von den Deichen aus die grünen Auen sehen. Damit ist es vorbei. „Das Wasser steht bis vier Meter unterm Deich. Die Elbauen sind eine einzige spiegelglatte ...

Von christian eger 06.06.2013, 17:24

„Seit Sonntagvormittag rackern wir wie die Blöden!“, ruft Thomas Weiss durchs Telefon. „Entschuldigen Sie, dass ich etwas emotional werde!“ Aber dazu hat er alles Recht. Der Direktor der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz hat das Gartenreich, das empfindlichste und größte Flächendenkmal Sachsen-Anhalts, vor der Elbe zu schützen, die von Norden her auf die Deiche drückt. Noch am Dienstag, sagt Weiss, konnte man von den Deichen aus die grünen Auen sehen. Damit ist es vorbei. „Das Wasser steht bis vier Meter unterm Deich. Die Elbauen sind eine einzige spiegelglatte Fläche.“

Seit Tagen schon ist das Luisium geschlossen, die englische Gartenanlage samt Schloss im Nordosten von Dessau. Jetzt geht es auch in den anderen Häusern der Kulturstiftung zur Sache. Gestern wurde das Souterrain im Schloss Großkühnau geleert, dem Verwaltungssitz der Stiftung. Kunstwerke, Akten, alles muss hinauf in die oberen Stockwerke. Auf dem Parkplatz an der Wörlitzer Seespitze füllen Helfer Sandsäcke, um die Deiche zu erhöhen. Durchfahrten schließen. Notstromaggregate laufen in den historischen Bauten.

„Aber nur die Deiche zu erhöhen, das reicht nicht“, sagt Thomas Weiss. Fließgräben seien zu entkrauten und entschlammen, um das Wassersystem in den Anlagen buchstäblich am Laufen zu halten. Noch sind die Gondeln auf dem Wörlitzer See unterwegs. Aber die Situation ändert sich Stunde für Stunde. „Wenn ich mir etwas wünschen könnte“, sagt Weiss, „wäre es eine Optimierung der gegenseitigen Information der Hochwasserstäbe.“ So habe die Feuerwehr zwei Deichscharten am Luisium geschlossen, bevor die Stiftung den Garten flutfest gemacht hatte. Man musste die Sandsäcke über den Deich hinein in den Garten hieven.

Die Elbescheitelwelle wird morgen in Wörlitz erwartet. In Magdeburg am Sonntag. In Halle und Bernburg steht das Saalewasser. Bitterfeld ist evakuiert. In Zeitz und Weißenfels senkt sich der Pegel, aber die braune Brühe ist noch da. Egal, von welchem Punkt der Flussläufe von Elbe, Saale und Mulde man auf die Scheitelwellen schaut: Denkmäler geraten in den Blick, die noch zu schützen oder deren Schäden zu ermitteln sind.

Dabei sind große Katastrophen bislang ausgeblieben, wie die, von der das ostthüringische Greiz heimgesucht wurde. Dort hat die Weiße Elster den erst rekonstruierten Landschaftspark samt Sommerpalais schwer getroffen. „Es ist eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes“, sagt der Direktor der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, Helmut-Eberhard Paulus. Der Park gleiche einer Mondlandschaft. 2,6 Millionen Euro Schaden.

In Weißenfels, wo der Pegel der Saale, und in Zeitz, wo das Wasser der Weißen Elster sinkt, sind die Schäden noch nicht absehbar. „Fest steht, Baudenkmale sind betroffen“, sagt Rudolf Kirmse, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde in Zeitz. Das Gründerzeit-Villenviertel in der Unterstadt wurde geflutet, wie zuletzt im Jahr 1954. Auch in den unterirdischen Gängen der hochgelegenen Altstadt werde gepumpt - in Folge der starken Regenfälle. Auch in Weißenfels wird auf das Abfließen des Wassers gewartet. „Wir sind relativ glimpflich davongekommen“, sagt Stephan Kujas, Mitarbeiter der Unteren Denkmalschutzbehörde. Das Saalewasser steht auf dem Busbahnhof und auf Teilen der gegenüber liegenden Unteren Promenade. „Die Altstadtschule, die erst saniert wurde, ist wieder nass“, teilt Kujas mit. Er blicke mit Spannung auf das Abfließen des Saalewassers aus dem alten Dorf Uichteritz, heute ein Ortsteil von Weißenfels: „Bei den aus Stampflehm errichteten Bauernhäusern kann es zu Schäden gekommen sein.“

Die sind in Halle schon eingetreten. Der Campus Design der Kunsthochschule Burg Giebichenstein wurde im XXL-Format vom Saalewasser heimgesucht. Die erst anderthalb Jahre alten Maschinen der Hochschuldruckerei stehen unter Wasser. Schaden: rund eine Million Euro, sagt Kerstin Ludvar, Mitarbeiterin der Pressestelle. Das Designhaus Halle: „abgesoffen“. Zudem der „Saalewürfel“ (Feinkeramisches Zentrum und Fundus), Schaden: rund 250 000 Euro. Dazu der Anbau der Neuwerk-Villa. Vor allem aber: die erst für 1,5 Millionen Euro errichtete neue Textilmanufaktur, die nach dem Sommer eingeweiht werden sollte. Bis zur ersten Etage stehe das Wasser 1,50 Meter hoch, sagt Ludvar. Alles in allem ein Schaden von rund drei Millionen Euro.

Auch das im Trothaer Hafen gelegene Zentraldepot des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie hat es erwischt: zwei mehrstöckige Gebäude mit 14 800 Quadratmeter Lagerfläche. Das eine Gebäude (unter anderem mit Funden der Kaiserpfalz Tilleda, der Luther-Archäologie, der Grabungsstätte Salzmünde) konnte von Mitarbeitern und rund 100 freiwilligen Helfern geräumt werden, bevor am Dienstag die Flut kam. Das zweite Haus steht samt Sammlung unter Wasser, deren Bestände in einem Datensystem erfasst sind, das zur Zeit nicht bedient werden kann. Es handelt sich um die Neufundzugänge, sagt Landesamt-Mitarbeiterin Konstanze Geppert.

In Magdeburg schaut Heinz-Joachim Olbricht auf die Flut. Der Leiter des Stadtplanungsamtes ist zuversichtlich. Große Schäden am Bau erwartet er nicht. Wahrscheinlich werden der Rotehornpark, der Herrenkrug und der Klosterbergegarten vom Wasser erfasst, aber letzterer nicht so, dass das Gesellschaftshaus von 1829 betroffen sei. Aber letzthin seien alle Prognosen reine Spekulation, sagt Olbricht. So sei der Rückstau der kleinen Flüsse, die aus der Börde kommen, völlig unkalkulierbar. Das sieht man im östlich der Elbe gelegenen Kultusministerium wohl ähnlich. Heute wolle man dort beginnen die Keller zu räumen, sagt Kultus-Sprecher Martin Hanusch. Warum? „Dort liegen die Akten.“