Freigekauft und freigedacht

Freigekauft und freigedacht: Zum Tod des Autors Ulrich Schacht

Halle (Saale) - Man könnte es sich einfach machen und sagen: Er wurde hineingeboren in die DDR-Gegnerschaft. Er hatte, wo andere noch rangen, von vornherein gar keine andere Möglichkeit als die des entschiedenen Nein zu einer Gesellschaft, die aus- und wegschloss, die groß tönte und klein machte. Tatsächlich hatte die DDR dem Schriftsteller Ulrich Schacht nichts ...

Von Christian Eger

Man könnte es sich einfach machen und sagen: Er wurde hineingeboren in die DDR-Gegnerschaft. Er hatte, wo andere noch rangen, von vornherein gar keine andere Möglichkeit als die des entschiedenen Nein zu einer Gesellschaft, die aus- und wegschloss, die groß tönte und klein machte. Tatsächlich hatte die DDR dem Schriftsteller Ulrich Schacht nichts erspart.

Ulrich Schacht: 1951 im Frauenzuchthaus Hoheneck geboren

Als sein Geburtsort wurde Stollberg in Sachsen genannt. Gemeint war das Frauenzuchthaus Hoheneck, wo Ulrich Schacht 1951 als Sohn einer Mutter geboren wurde, die zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden war. Ihr Vergehen: Sie hatte den Vater ihrer zwei Kinder, einen sowjetischen Leutnant, heiraten wollen. Die erwogene Flucht nach Westen führte in den Knast. Der Sohn wuchs in Wismar auf, studierte Theologie und wurde 1973 wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet und 1976 vom Westen freigekauft, wo er als Kulturjournalist und Schriftsteller lebte.

Ulrich Schacht schaffte es, seine aufgezwungene DDR-Gegnerschaft in eine mündige, anregend reflektierte Opposition zu jeglichen autoritären Systemen und innergesellschaftlichen Tendenzen umzuwandeln. Streitbar und unversöhnlich, dabei gebildet und künstlerisch ansprechbar wie wenig Andere seiner Zunft, begab er sich in die Debatten. Seine 1994 in Magdeburg aufgestellte These, dass alle nach 1961 in der „zweiten deutschen Diktatur“ entstandene Literatur vor dem Hintergrund der Schüsse an der Mauer gelesen werden müssten, sorgte für Erregung. Sagte aber Selbstverständliches.

In Schweden vor allem entstand sein energievolles episches und poetisches Werk

Im Westen litt Schacht, der 1992 nach 16 Jahren die SPD verließ, an einem „in Latenz gehaltenen Jakobinismus“, an einer „sozialliberalen Version der Tugenddiktatur“. Wenn alle Meinungen auf die Mitte des politischen Spektrums zugeschnitten werden, wo wäre dann der Unterschied zur Diktatur? 1998 reiste Schacht nach Schweden aus. Hier vor allem entstand sein energievolles episches und poetisches Werk, zu dem die zeithistorisch unentbehrlichen Notate „Über Schnee und Geschichte“ gehören. Ein Buch, das wirkt. Und bleibt. Am 16. September ist Ulrich Schacht, der ein wirklich freier Schriftsteller war, in Förslöv an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. (mz)