Kinostart„Call Jane“: Wieder aktuelles Abtreibungsdrama

Eindringlich zeigt dieses stark gespielte Drama die Not und Einsamkeit einer ungewollt schwangeren Frau. Aber es gibt Solidarität. Ein Film mit eindeutiger Botschaft und bedrückender Aktualität.

Von Johannes von der Gathen, dpa Aktualisiert: 09.12.2022, 17:45

Berlin - Chicago 1968: Während draußen auf den Straßen die Studenten rebellieren, feiern Joy (Elizabeth Banks) und ihr Mann Will (Chris Messina) in einem piekfeinen Hotel bei einem Empfang. Die Kontraste könnten nicht größer sein, eine neue Zeit kündigt sich an. Als Joy, die bereits eine 15-jährige Tochter hat, wenig später ungewollt schwanger wird, bricht für die brave Hausfrau eine Welt zusammen.

Obwohl Joys eigenes Leben akut bedroht ist, lehnt ein rein männliches Gremium den medizinisch gebotenen Schwangerschaftsabbruch ab. Während ihr Mann Will, ein erfolgreicher, sehr angepasster Anwalt sich mit der Situation arrangiert, wendet sich Joy in ihrer Not an die Hilfsorganisation „Jane“, die konspirativ arbeitet und sich zum Ziel gesetzt hat, diese Zustände aktiv zu bekämpfen.

Geschichte einer Emanzipation

Eine Frau nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand. Die 1962 geborene Regisseurin Phyllis Nagy, die für ihr Drehbuch zu der großartigen Highsmith-Verfilmung „Carol“ 2016 für einen Oscar nominiert wurde, erzählt in „Call Jane“ auch die Geschichte einer Emanzipation. Angesichts der Verschärfung des Abtreibungsrechts in vielen US-Bundesstaaten erlangt ihr eindringliches, auf wahren Begebenheiten beruhendes Drama eine traurige Aktualität.

Die Frauen des „Jane“-Kollektivs vermitteln der verängstigten Joy den Kontakt zu dem jungen Arzt Dean (Cory Michael Smith), der für die Gruppe die illegalen Schwangerschaftsabbrüche für ein üppiges Honorar vornimmt. Minutiös zeigt der Film, wie belastend und auch erniedrigend die Prozedur des Abbruchs für die Frauen sein kann. Bei Joy geht alles gut, und danach gibt es von den Frauen erstmal einen Teller Pasta zur Stärkung. Sigourney Weaver („Alien“) spielt couragiert und mit viel Herzblut die Anführerin des „Jane“-Kollektivs. Diese Virginia ist eine pragmatische Idealistin, die genau weiß, dass sie jede Menge Geld auftreiben muss, um den Frauen zu helfen.

Für Joy fängt die Geschichte nach ihrem Abbruch erst an. Sie engagiert sich in dem Untergrund-Kollektiv, eignet sich medizinisches Wissen an, und stellt dann die Rolle des männlichen Arztes in Frage. Aus der etwas langweiligen Hausfrau, die ihre Nachmittage Gin trinkend mit ihrer Nachbarin Lana (Kate Mara) vertrödelte, ist eine Kämpferin für die Emanzipation der Frauen geworden. Ihre Familie darf davon allerdings nichts wissen. Elizabeth Banks verkörpert diese andlung mit großer Eindringlichkeit.

Phyllis Nagys sehenswertes Drama, das mit der Figur der schwarzen Aktivistin Gwen (Wunmi Mosaku) auch einer weniger privilegierten Frau Raum gibt, scheint in seinen etwas verwaschenen Bildern wie aus einer fernen Epoche zu stammen. Aber die Not vieler ungewollt schwangerer Frauen nicht nur in den USA ist leider immer noch sehr aktuell.

Call Jane, USA 2022, 121 Min., FSK ab 12, von Phyllis Nagy, mit Elizabeth Banks, Sigourney Weaver, Kate Mara, Chris Messina