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Literatur Neuerscheinung: Handkes „Die Ballade des letzten Gastes“

Einmal mehr beweist sich der Literaturnobelpreisträger in seinem neuen Werk als messerscharfer, oft auch witziger Beobachter.

Von dpa Aktualisiert: 30.10.2023, 16:27
Literaturnobelpreisträger Peter Handke, aufgenommen bei einer Lesung im Deutschen Literaturachriv.
Literaturnobelpreisträger Peter Handke, aufgenommen bei einer Lesung im Deutschen Literaturachriv. Bernd Weißbrod/dpa

Wien - Es ist der Trauergesang eines herumirrenden Einzelgängers, dem der Tod im Nacken sitzt: Der österreichische Literaturnobelpreisträger Peter Handke legt mit fast 81 Jahren „Die Ballade des letzten Gastes“ vor. Ein tief sitzendes Trauma wird darin zum Ausgangspunkt einer traumartigen Erzählung um Familie, Verlust und Natur.

Die Haupt- und Erzählfigur Gregor kehrt zu Beginn des Buches aus einem fernen Kontinent für einen Besuch in die Heimat zurück. Doch auf dem Weg zu Eltern, Schwester und deren Baby erfährt Gregor, dass sein Bruder Hans als Fremdenlegionär bei einem Einsatz getötet wurde. Gregor bringt es nicht über sich, dies seiner Familie mitzuteilen und nimmt Reißaus aus seinem Elternhaus. Er zieht tage- und nächtelang herum - in Hinterzimmern diverser Lokale, in der Grauzone zwischen Stadt und Land, und in der freien Natur.

Die Handlung wurzelt in einer Familiengeschichte, die sich durch Handkes Werk zieht, und die er auch im Jahr 2019 in seiner Nobelpreis-Vorlesung in Stockholm schilderte: Handkes Onkel Gregor verschwieg im Zweiten Weltkrieg während seiner Fronturlaube den Kriegstod seines Bruders Hans. Der Hans in der „Ballade“ trägt aber nicht nur Züge von dem Gefallenen, sondern auch von Handkes bereits verstorbenem Halbbruder, der ebenfalls Hans hieß.

Menschliches und Zwischenmenschliches spielt in Handkes neuestem Werk zwar eine wichtige Rolle, wird jedoch oft nur skizziert. Bei seinen Beschreibungen von Pflanzen, Landschaft und Wetter erweist sich Handke hingegen einmal mehr als messerscharfer, oft auch witziger Beobachter. Seine Naturbeschreibungen verpackt der Autor in grandiose Sätze, die er wie leuchtendes Herbstobst im Dickicht seines Textes verstreut.

Die Natur bringt Gregor aber keine Erlösung. Denn auch dort lauert der Tod. Als Erlösung erweist sich am Ende die geballte poetische Sprache, mit der Handke auf den letzten Seiten nicht nur die Einsamkeit und den Schmerz, sondern auch die Hoffnung seines ihm nicht unähnlichen Protagonisten zusammenfasst.