„Überleben unter Idioten“

Erolgreichster Youtuber Sachsen-Anhalts veröffentlicht erstes Buch

Von Steffen Könau
Alexander Prinz an der Bushaltestelle in Altweidenbach, die im Buch eine Rolle spielt: Aus der Provinz in Sachsen-Anhalt startete der studierte Pädagoge bei Youtube durch. Foto: Andreas Stedtler

Halle (Saale) - Bloß keine Lebenshilfe! Bloß nicht noch ein Ratgeber, bloß keinen Der-Dunkle-Parabelritter-zeigt-dir-wo-es-langgeht-Wälzer. Alexander Prinz, 26 Jahre alt, langes Haar, Drei-Tage-Bart und meist ein breites Lächeln im Gesicht, wollte genau das Gegenteil, als er sein erstes Buch schrieb. „Du kannst sie nicht alle töten“ heißt das Werk, das in der Bestseller-Liste sofort auf Platz 2 sprang.

Alexander Prinz - Vom Saalekreis auf die Weltbühne

Eine Abrechnung mit der Gegenwart, dem Nebenmenschen und der Welt, geschildert aus der Sicht eines Mannes, der alles erreicht hat, was er sich nie vorgenommen hatte. Trotzdem glaubt Sachsen-Anhalts erfolgreichster Youtuber eben nicht, dass ausgerechnet er berufen wäre, Jung und Alt mitzuteilen, wie so ein Leben erfolgreich und zufrieden zu absolvieren ist.

Alles andere als das ist es, wozu sich der aus Nemsdorf im Saalekreis stammende Prinz berufen fühlt. Als er vor acht Jahren sein erstes kleines Filmchen beim Videoportal Youtube hochlud, steckte kein großer Plan dahinter. Damals ist Youtube nur eine Spielwiese für Experimentierfreudige, das Wort „Influencer“ klingt noch nach Grippeforschung. Alexander Prinz nennt sich „Der dunkle Parabelritter“ und er betreibt seinen Youtube-Kanal allein aus Spaß. Dass daraus eines Tages ein Brotberuf werden könnte, ahnt er nicht einmal.

Erst später, als Prinz schon Pädagogik studiert und nebenher im Netz über seine Lieblingsmusik Heavy Metal doziert, verwandelt sich das Hobby in eine Profession, der „Parabelritter“ in eine Marke und dessen Erfinder in einen Star. Heute hat Prinz 176.000 Abonnenten bei Youtube, er veranstaltet mit „Sternenklang“ sein eigenes Rockfestival, betreibt mit „von Tiling“ ein faires Modelabel und gibt mit „Silence“ ein Metal-Magazin heraus.

„Der dunkle Parabelritter“ träumte schon immer von einem Buch

Der Traum aber war immer ein Buch, erzählt Alexander Prinz. Als er zwölf war, hätte es sogar schon mal fast geklappt. „Ich habe einen Fantasy-Roman geschrieben - 500, 600 Seiten, handschriftlich.“ Aus heutiger Sicht nicht vorzeigbar, wie er gesteht. „Ich habe trotzdem immer Kurzgeschichten geschrieben und Romane angefangen, nur nie zu Ende gebracht.“ Erst Corona verschafft dem vielbeschäftigten Jungunternehmer eine Atempause, um die 220 garstigen Seiten seines „Ratgebers zum Überleben unter Idioten“ (Untertitel) zu verfassen, der mehr satirische Abrechnung mit Influencerkollegen und Ratgeberindustrie ist als ernsthafte Handreichung zur Meisterung des Lebens.

„Im Text steckt schon einiges von mir “, beschreibt Alexander Prinz, „und einige Kapitel beruhen wirklich auf persönlichen Erlebnissen“. Die unter Influencern gängige Selbstüberschätzung, mit der in den ernstgemeinten Büchern des Genres Weisheiten mit dem Publikum geteilt würden, habe er in seinem Werk ironisch übersteigert. „Ich übernehme diese Hybris und erteile Anweisungen an den Leser - und dabei wird deutlich, wie zerrissen der Sprecher selbst ist.“

Zwischen Liebe zum Menschen allgemein und dem Zorn auf ganz spezielle Exemplare badet Alexander Prinz in Selbstironie. „Meine Teenagerzeiten, in denen ich alles verteufelt habe, sind vorbei“, sagt er, „ich habe gelernt, dass es solche und solche Menschen gibt.“ Deshalb käme ihm das generelle Ablehnen von Menschen kurzsichtig vor. Nur stört ihn andererseits eben auch die permanente Einmischung und Bewertung bestimmter Zeitgenossen.

Ein „Ratgeber zum Überleben unter Idioten“ vom Parabelritter

„Und dass sie trotz der Überkomplexität der Realität immer der Meinung sind, alles am Besten verstanden zu haben.“ Ein Bild, das der Pädagoge, der den Lehrerberuf inzwischen abgewählt hat, von sich selbst bestimmt nicht hat. Bei seinem Buch habe er sich in die Rolle des Ratgebenden versetzt, der zu Leuten spricht, die „zu Gast in einem Bootcamp sind, das in ihrem eigenen Kopf stattfindet“.

Keine Aufbau-Lektüre, kein netter Zuspruch, kein Trost. Aus dem Zorn wird Lesepaß, aus der Ratgeberei gute Unterhaltung. „Der Ton ist rau, die Ansprache direkt und die Inhalte desillusionierend“, warnt Alexander Prinz. „Ich nehme in Kauf, die zu verschrecken, die für harte Worte nicht empfänglich sind.“ Die Pandemie, die ihm erst Zeit verschaffte, zu schreiben, spielt keine Rolle. „Ich glaube, dass meine Themen länger Bestand haben werden als unsere missliche Lage.“

Von der kann der Jungunternehmer allerdings aus eigener Erfahrung ein trauriges Lied singen. „Ich bin seit März 2020 im kompletten Lockdown“, sagt Prinz bitter - als Veranstalter, aber auch mit dem Modelabel und seinen Festival-Reportagen hat ihn das Ende der Normalität dreifach getroffen. „Über irgendwelche Brücken-Lockdowns kann ich nur noch müde lachen“, sagt er. Wie alle im Kultursektor kämpfe er einen immer stiller werdenden Kampf ums Überleben. „Während wir zusehen, wie Korruption und Missmanagement in der Politik vorherrschen.“

Spenden in Corona-Zeiten - Solidaritätsaktionen im Netz

Gerade für sein „Sternenklang“-Festival, das im Jahr vor Corona Premiere hatte, um schon im zweiten Anlauf wegen des ersten Lockdowns abgesagt werden zu müssen, ist die Lage verheerend. „Denn die ersten drei Jahre eines Festivals sind die entscheidenden.“ Und die nächste Absage steht bevor. Es werde ihn wohl alle Einnahmen aus dem Buch kosten, die Verluste auszugleichen. „Ich bekomme ja für keine meiner Unternehmungen Hilfe vom Staat“, knirscht Alexander Prinz, „nur die Steuern sind immer pünktlich fällig.“

Dabei arbeitet der Parabelritter hart, gerade jetzt, und er versucht, sich von der Gesamtsituation nicht herunterziehen zu lassen. Beim Livestreaming-Portal Twitch lädt der Hallenser jede Woche Gäste aus Musik und Kunst zu Talk-Runden. Er moderiert Online-Shows und -Festivals, gibt digitale Seminare und hat zusammen mit Maik Weichert von der Saalfelder Heavy-Band Heaven Shall Burn den Podcast „Zart wie Kruppstahl“ gestartet. „Damit sind wir in den Top 20 - als einzige mit Fokus auf Gitarrenmusik“, freut er sich.

Reichweite, die Alexander Prinz nicht nur für sich selbst nutzt. Allein mit zwei Solidaritätsaktionen im Netz hat er in der Pandemiezeit 30.000 Euro gesammelt, mit denen besonders hart getroffene Berufskollegen unterstützt wurden. Doch die Sehnsucht nach früher bleibt. „Man orientiert sich notgedrungenerweise um, aber man hofft, dass man das alles bald wieder live und mit echten Menschen durchziehen kann.“

Die Corona-Krise als Chance - Neue Prespektiven entdecken

Bis dahin versucht Alexander Prinz, das Positive zu sehen. „Krisen sind immer Chancen“, ordnet er die Beschwernisse der Pandemie in einen größeren Rahmen ein. „Man wird gezwungen, sich umzuorientieren, und dadurch entdeckt man vielleicht neue Perspektiven.“

Dabei hilft Prinz, dass sein Aufstieg vom lockeren Spaß-Youtuber zu Sachsen-Anhalts erfolgreichstem Kanalbetreiber bei der vom gebürtigen Merseburger Jawed Karim erfundenen Videoplattform nie dem Masterplan einer großen Influencer-Agentur folgte, sondern der eigenen Neugier und den eigenen Interessen.

Influencer-Job mittlerweile knallhartes Business

„Ich habe ja einen ganz krassen Weg hinter mir“, sagt Prinz, der seine Anfänge heute „naiv und ambitioniert“ nennt. Zeiten waren das, damals, vor nicht mal zehn Jahren! Seitdem ist der bei Jugendlichen als Traumjob geltende Beruf des Influencers seiner Einschätzung nach zum „knallharten Business geworden, in dem man liefert, was der Markt verlangt.“

Plattformen wollen Klickzahlen. Influencer kämpfen um Relevanz. Die „Halbwertszeiten werden immer kürzer.“ Ein Rennen, an dem Alexander Prinz nicht mehr teilnehmen will. „Ich habe gelernt, dass es nicht Zahlen sind, die Einfluss definieren“, sagt er und klingt für einen Moment doch ein bisschen nach Lebensratgeber, „sondern wie man die Menschen erreicht und was man daraus macht.“ (mz)

Alexander Prinz, Du kannst sie nicht alle töten, Riva-Verlag, 220 Seiten, 14,99 Euro. Weitere Infos unter www.silence-magazin.de, www.youtube.com/c/DunklerParabelritter.