„Wir drehen das Segel“

75 Jahre Mitteldeutscher Verlag in Halle

Verlags-Chef Roman Pliske über die Herausforderungen und das Vergnügen des Büchermachens.

Verleger Roman Pliske: Im Regal stehen sämtliche seit 1946 im Mitteldeutschen Verlag veröffentlichte Bücher, rund 3.500 insgesamt. Es fehlen nur acht Titel, bei denen aber nicht klar ist, ob sie tatsächlich alle erschienen sind. Foto: Andreas Stedtler

Halle (Saale) - Mit den Verlagen Aufbau und Hinstorff gehört der 1946 in Halle gegründete Mitteldeutsche Verlag zu den deutschlandweit namhaften Buchunternehmen, die den Weg aus der DDR in die Gegenwart geschafft haben. Heute ist der Verlag der größte in Mitteldeutschland. Mit seinem Leiter Roman Pliske (50) sprach unser Redakteur Christian Eger.

Herr Pliske, der Mitteldeutsche Verlag wird 75. Dem Alter nach ist er ein Risikopatient.

Roman Pliske: (lacht) Oh, ja! (lacht). Sehr schöner Anfang.

Ist er geimpft?

Nein, aber er hat eine sehr stabile Gesundheit, habe ich das Gefühl. Auch wenn er laut klagt, wie im letzten Jahr, hat er es doch immer wieder geschafft.

Hat sich die Situation verbessert im Vergleich zum vergangenen Corona-Jahr?

Ja, deutlich. Ich habe gerade die Zahlen gesehen. Wir hatten im März 2020 den heftigsten Einbruch in meinen 17 Jahren. Wir hatten ein Minus durch verschiedene Dinge: die Schließung der Buchläden, Absage der Buchmesse, Kosten für ausgefallene Veranstaltungen. Alles lief auf einmal auf. Die Umsätze waren furchtbar. Das war ein ganz finsterer Monat. April und Mai ging so weiter. Das hat mich letztes Jahr zu einem Hilfeschrei, auch für die Branche, veranlasst, weil ich das Gefühl hatte, dass Buchverlage nicht so sichtbar sind. Das hat sich im vergangenen Jahr stark verändert.

Wodurch?

Wir hatten im zweiten Halbjahr, was ja bei einem so kleinen Schiffchen wie unserem Verlag möglich ist, das Segel in eine andere Richtung gedreht und viel mehr Auftragswerke angenommen. Tagungsbände, Dokumentationen, Dissertationen. Wir haben also sehr viele bestellte Bücher machen können. Darunter das umfangreichste Buch der Verlagsgeschichte: 1.500 Seiten, ein internationaler Kongress über Naturstein. Ein Sujet, das mir bislang völlig fremd war. Es ging darum, die Mitarbeiter und deren Kompetenz zu halten. Wir sind dadurch nicht dümmer geworden.

Wird es zukünftig weniger freie Titel geben?

Ich hoffe nicht. Freilich konnten die drei von uns für die Frankfurter Buchmesse 2020 teuer eingekauften Kanadier nicht das erfüllen, was wir uns erhofft hatten, weil der kanadische Auftritt ausblieb. Wir haben es trotzdem geschafft, sie anständig zu verkaufen. Gute Literatur sucht sich trotzdem ihren Weg. Das ist der Teil unserer Arbeit, für den wir morgens aufstehen. Und den werden wir auch nicht so stark reduzieren. Wir werden das Risiko stärker verteilen, in dem wir stärker auf Titel setzen, die nicht von einer Lesereise abhängig sind.

Verändert sich das Profil Ihres Verlages im Zuge der Krise? Wird es regionaler?

Was eingebrochen ist, sind zum einen Museumskataloge. Da wird es auch schwierig sein wieder anzuknüpfen, weil da schnell die Ansprechpartner wechseln. Im Regionalen sind wir mittlerweile schon sehr stark im Sachbuch - mit den Geschichtsvereinen etwa, den vielen Institutionen.

Es sind harte Zeiten für Belletristik?

Nein, das würde ich nicht sagen. In unserer Titelanzahl hat sich nichts verändert. Nur in der Gewichtung. Wir haben etwas mehr deutsche und regionale Titel, etwas weniger internationale, weil wir wissen, wir kriegen die Autoren nicht her. Im nächsten Jahr planen wir aber eine Osteuropa-Offensive. Es hat sich viel aufgestaut, und wir müssen eher schauen, dass wir nicht zu einem reinen Belletristikverlag werden.

Zum zweiten Mal findet die Leipziger Buchmesse nur online statt. Wird sie eine andere sein, wenn sie wieder öffnet?

Ich habe ein bisschen Angst um die Buchmesse, wenn ich Kollegen zuhöre. Dreimal sind Messen abgesagt worden, aber die Geschäfte liefen trotzdem. Man wisse nicht, heißt es, ob man sich künftig noch so stark vor Ort engagieren werde. Das macht mir ein bisschen Angst, weil für uns die Leipziger Buchmesse ein wahnsinnig wichtiger Termin ist: um uns zu motivieren, um unsere Bücher zum Publikum zu bringen. Von mir aus muss sich die Buchmesse nicht verändern, aber ich fürchte, sie wird sich verändern. In Leipzig wahrscheinlich weniger, weil das Lesefest vornean steht. In Frankfurt aber wird sich digital mehr tun. Zum Beispiel der Rechtehandel, die Meet and Greet-Veranstaltungen, das wird abnehmen. Ich denke, dass die Internationalität leiden wird.

Fällt Ihnen das Online-Arbeiten leicht?

Ich hatte jetzt ein paar Online-Termine im Rechtehandel. Die Verlage haben sich blitzschnell umgestellt international. Was mir persönlich ein bisschen schwer fällt, denn ich kann Kontakte online gut halten, aber schwer persönlich aufbauen. Als Brücke geht so was gut, aber online irgendwo hinzugehen und sich dort hinzustellen mit einem Glas und zu fragen: Wer bist denn du?, das ist total komisch. Aber manche Kollegen beherrschen das mit der größten Selbstverständlichkeit.

75 Jahre Mitteldeutscher Verlag, das ist eine lange Geschichte. Was verbindet Ihr Programm mit dem historischen Verlag? Gibt es Brücken?

Wir haben Erich Loest zurückgeholt mit einer Werkausgabe in Einzelbänden, das wäre die eine Brücke. Dann Harry Thürk, ein Autor, der immer noch in Maßen funktioniert. Neben Inge von Wangenheim, die wir wiederentdeckten. Dann versuchen wir Autoren wieder sichtbar machen. Winfried Völlger etwa, den wir vor einigen Jahren vorgestellt hatten. Und wir werden in den nächsten fünf Jahren auf Werner Heiduczek setzen, da haben wir die Rechte wiederbekommen von den Töchtern. Das Werk ist seit langem nicht mehr bestellbar. Das wollen wir ändern. Aber da muss man aufpassen, weil das Zuschussgeschäfte sind.

Was planen Sie für die Zukunft?

Wir haben uns selbst etwas geschenkt zum 75.: eine neue Edition. Die heißt „Edition Leben Philosophie“. Das erste Hauptwerk wird jetzt erscheinen, ein Buch von Gregor Eisenhauer, das uns sehr viel Spaß machen wird. Es heißt „Liebe ohne Leiden“. Ein Buch, das zum Weiterdenken anregen soll. Dezidiert keine Ratgeber, eher Antiratgeberliteratur.

Philosophische Anleitungen für den Alltag?

Ja, witzige, widersprüchliche Betrachtungen. Wir wünschen uns Bücher, die mehr offene Enden haben. Die zeigen, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt.

Werden Sie feiern?

Frühestens im September. Wir möchten, dass jeder, der möchte, geimpft sein kann. Wir möchten ausgelassener sein. Ohne Masken am Büfett stehen. Gerne draußen. Aber nicht nur 23 Personen. (MZ/Christian Eger)