Forscher ist sicher

17. Juni 1953: Darum scheiterte der Volksaufstand der DDR vor 66 Jahren

Halle (Saale) - Er habe den 17. Juni 1953 für eine „tragische Entwicklung“ gehalten, sagte Helmut Schmidt. Nach allem, was heute bekannt ist, hatte der Kanzler recht. Tragisch in erster Linie für die Ostdeutschen, die mit ihrem Protest, der eine bis heute unbekannte Zahl von Menschenleben forderte, ins Leere ...

Von Christian Eger 17.06.2019, 12:41

Er habe den 17. Juni 1953 für eine „tragische Entwicklung“ gehalten, sagte Helmut Schmidt. Nach allem, was heute bekannt ist, hatte der Kanzler recht. Tragisch in erster Linie für die Ostdeutschen, die mit ihrem Protest, der eine bis heute unbekannte Zahl von Menschenleben forderte, ins Leere liefen.

Am Ende des unzutreffend zum „Arbeiteraufstand“ kleingeredeten Aufruhrs, der bereits Tage vor dem 17. Juni begonnen hatte, aber vor 66 Jahren in den Protestversammlungen in Halle, Bitterfeld und Berlin seinen Höhepunkt fand, wusste die Sowjetunion, dass der Westen den Osten Deutschlands nicht haben will, den sie zu diesem Zeitpunkt gern losgeworden wäre. Und die SED, dass sie gegen die Mehrheit der DDR-Bevölkerung herrschte.

Mauerfall vollendete Volksaufstand von 1953

Dieser Aufstand, der als ein Protest gegen nicht korrigierte überhöhte Arbeitsnormen begann und als ein Einsatz für ein freiheitliches vereintes Deutschland endete, war der erste Aufstand im Ostblock überhaupt, was ihn zu einem Schlüsselereignis der europäischen Nachkriegsgeschichte macht, schreibt der Historiker Michael Gehler. Freilich ein Aufstand, der es zu keiner Führungsfigur brachte, was er wiederum mit dem Umsturz von 1989 gemein hatte. Der vollendete den 17. Juni 1953 in vieler Hinsicht.

Gemeinsam mit dem Kollegen Rolf Steininger legte Gehler eine Art Kompendium zum ersten ostdeutschen Aufstand vor. Die Historiker vereinen ihre bereits veröffentlichten Studien zur Vor- und Nachgeschichte des Geschehens neu - wissenschaftlich aktualisiert, sachlich erweitert.

Gehler, Historiker an der Universität Hildesheim, schreibt über den Aufstand als einen Fall von politischer „Besitzstandswahrung in Ost und West“, Steininger, emeritierter Professor in Innsbruck, über die Juni-Tage als „Anfang vom langen Ende der DDR“. Ergänzt werden die Beiträge um unveröffentlichte Dokumente, eine detaillierte Chronik, eine nach Fragen und Themen geordnete Bibliografie sowie prominente Zeitzeugen-Stimmen: neben Helmut Schmidt unter anderen Egon Bahr, Klaus Bölling, Hans Modrow und  - interessant - Günter Schabowski. Komplett neu erarbeitet sind Gehlers Ausführungen zur Vorgeschichte des Aufstandes.

Walter Ulbrichts Aktionismus nervte Moskau

Zu der gehört das am 4. Oktober 1949, also drei Tage vor der DDR-Gründung, protokollierte goldene Wort des SED-Spitzenfunktionärs Gerhart Eisler: „Wenn wir eine Regierung gründen, geben wir sie niemals wieder auf, weder durch Wahlen noch andere Methoden.“ Ein Statement, das von Walter Ulbricht bestärkt wurde: „Das haben einige noch nicht verstanden!“ Was Ulbricht seinerseits nicht verstand, war die Tatsache, dass nach Stalins Tod im März 1953 im Moskauer Machtzirkel die Karten neu gemischt werden sollten.

Über Wochen war offen, was die Rivalen Berija, Malenkow und Chruschtschow mit der DDR vorhatten, von deren Verwaltung man politisch-gesellschaftlich überfordert war. Die Preisgabe gegen eine blockfreie Einheit schien eine Option. Ulbrichts streberhafter stalinistischer Aktionismus nervte in Moskau, das eine Korrektur des wirtschaftlichen Kurses erzwang. Als sich die SED-Größen Zaisser und Herrnstadt Anfang Juni 1953 über das Überfallartige des Kurswechsels beschwerten, antwortete ihnen Semjonow, der Chef der sowjetischen Kontrollkommission: „In 14 Tagen werden Sie vielleicht schon keinen Staat mehr haben.“

Adenauer hilft Ulbricht

Dass das anders kam, ist ein entschiedenes Verdienst des Westens. Warum der passiv blieb, war lange nicht in vollem Ausmaß bekannt. Gehler zeigt, dass „das politische, soziale und wirtschaftliche Schicksal der Ostdeutschen für den Westen Deutschlands und den Westen allgemein nachrangig war und insbesondere instrumentellen Charakter besitzen sollte“. Im Klartext: Die Westintegration der Bundesrepublik war abzusichern, zu verstetigen und praktisch unumkehrbar zu machen. Adenauer profitierte von der Niederschlagung des Aufstandes genauso wie Ulbricht, der bereits in Berlin-Karlshorst auf seine Absetzung gewartet hatte.

Die „Tragik“ des 17. Juni besteht für Gehler darin, dass der Aufruhr die deutsche Teilung vertiefte, die er zu beseitigen suchte. Die Russen wurden die DDR nicht los, deren Liberalisierung sie nun auch nicht mehr zu forcieren hatten. Churchills Idee eines „neutralisierten Gesamtdeutschlands“ war vom Tisch. Die Amerikaner betrieben eine Politik der „doppelten Eindämmung“, die darauf zielte, die kommunistische und die deutsche Gefahr - also eine mögliche deutsche Einheit - abzuwehren. Was übrig blieb, war Sentimentalität. Die über fünf Millionen Lebensmittelpakete etwa, die vom 27. Juli bis 3. Oktober 1953 vom Westen aus in die DDR gelangten, halfen das Ulbricht-Regime zu festigen.

Lüge verschleierte westliche Passivität

So wie dem Westen die DDR-Propaganda entgegenkam, wonach der 17. Juni ein vom Gegner geschürter Putschversuch „faschistischer Provokateure“ gewesen sei. Diese Lüge verschleierte die westliche Passivität. Indes passte das, was der 17. Juni tatsächlich gezeigt hatte, nicht ins westliche Propaganda-Schema - nämlich, dass das sowjetisch beherrschte Gebiet keinesfalls homogen fest gefügt noch permanent bedrohlich war, denn verteidigen mussten sich die Russen.

Die Betonung des „Arbeiter“-Aufstandes war eine zusätzliche Nebelkerze, die die westliche Gesellschaft auf Distanz hielt. Die SED war es zufrieden. Die freute sich darüber, sagte Schabowski, dass die Westler den Ostdeutschen einen Feiertag verdankten, der sie ins Grüne fahren ließ.

››Gehler, Steininger: 17. Juni 1953. Der unterdrückte Volksaufstand. Seine Vor- und Nachgeschichte, Lau Verlag, 488 Seiten, mit Abb., 29,95 Euro (mz)