Schweinestall im Harz

Tierquälerei in Wasserleben im Harz: Illegale Methoden beim Töten von Ferkeln aufgedeckt

Wasserleben - Es sind drastische Aufnahmen, die zeigen, wie ein Ferkel in einem Schweinezuchtbetrieb in Wasserleben (Landkreis Harz) getötet wird.

Von Julius Lukas 28.06.2017, 08:00

Der Mitarbeiter im Schweinestall nimmt das Ferkel aus seiner Box. Er packt es an den Hinterbeinen und schwingt das gerade erst geborene Tier in die Luft, um es dann auf den harten Untergrund des Stalls zu schlagen. Auf dem Video, das mit einer versteckten Kamera gedreht wurde, ist ein dumpfer Aufprall zu hören. Den leblosen Körper des schmächtigen Tieres wirft der Mann auf den Boden und geht dann weiter zur nächste Box.

Es sind drastische Aufnahmen, die zeigen, wie ein Ferkel in einem Schweinezuchtbetrieb in Wasserleben (Landkreis Harz) getötet wird. „Diese Methode ist eindeutig illegal“, sagt Christian Adam. Er ist Sprecher bei Tierretter.de. Mitglieder des Tierschutzvereins sind Mitte Juni in zwei Nächten in den Stall eingedrungen und haben Videos und Bilder gemacht. Dabei wurde auch eine versteckte Kamera installiert. „So konnten wir diese Art der Ferkeltötung beobachten, die keine Seltenheit in Deutschland ist“, meint Adam.

Tote Ferkel im Stall in Wasserleben im Harz

Daran, dass die Aufnahmen echt sind, besteht kein Zweifel. Der Schweinestall, in dem etwa 1.100 Sauen untergebracht sind, gehört zu einem großen Agrarbetrieb. Dessen Slogan: „Landwirtschaft aus Leidenschaft“. Der Geschäftsführer der Agrar-Gesellschaft hat gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk bestätigt, dass das Video in seiner Zuchtanlage aufgezeichnet wurde. Er räumte zudem ein, dass diese Methode der Tötung nicht in Ordnung sei. Gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung wollte er sich allerdings nicht zu den aufgezeichneten Vorfällen äußern.

Dabei stellen die Tierschützer - bei aller grundsätzlicher Kritik gegenüber den Haltungsbedingungen in der Fleischindustrie - der Anlage in Wasserleben gute Noten aus. „Unseren Erfahrungen nach kann man diesen Stall schon als Vorzeigebetrieb bezeichnen“, sagt Christian Adam. Baulich, aber auch bei der Sauberkeit und dem Platzangebot seien nur kleinere Verstöße und Mängel festgestellt worden.

Dass auf den Fotos und Videos der Aktivisten tote Ferkel zu sehen sind, die im Stall neben ihren lebenden Artgenossen liegen, ist aus Sicht der Tierschützer vielfach trauriger Alltag. „Diese Zustände finden wir in eigentlich jedem Stall vor“, sagt Adam. Die Sauen in der Schweinezucht sind mittlerweile auf extrem hohe Wurfzahlen getrimmt. 15 Ferkel pro Geburt sind nicht außergewöhnlich. „Das führt auch dazu, dass Tiere krank, schwach oder zu klein auf die Welt kommen“, erklärt Adam. Einigen dieser Schweine könnte zwar mit ärztlicher Versorgung oder durch Ammen-Sauen, die die Jungtiere aufpäppeln, geholfen werden. Allerdings: „Für viele Bauern lohnt sich dieser Aufwand wirtschaftlich nicht“, sagt Adam. Dies könne eine Erklärung für die Zustände sein, die in Wasserleben gefilmt worden sind.

Bilder und Videos von toten Ferkeln - Experten überprüfen Stall in Wasserleben

Dem allerdings widerspricht Eike Krug, Vorstand im Schweinewirtschaftsverband Sachsen-Anhalt: „Gerade aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten wird jeder Züchter probieren, alle Ferkel auch großzuziehen.“ Krug räumt jedoch ein, dass es bei fast jedem Wurf auch tote Tiere gebe. „Allerdings werden diese bei der Ferkelschau, die mehrmals am Tag stattfinden sollte, entsorgt.“

Nachdem die Bilder und Videos aus dem Stall in Wasserleben veröffentlicht wurden, führte Kreisveterinär Rainer Miethig eine Vor-Ort-Kontrolle in Wasserleben durch. „Dabei wurden allerdings keine Verstöße festgestellt“, sagte der Tierarzt und bestätigte den Eindruck der Tierschützer. Auch sei die Sachkundigkeit des Personals nachgewiesen worden. „Die Mitarbeiter müssten also eigentlich wissen, wie Ferkel zu töten sind.“ Aufgrund des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz hat das Veterinäramt nun Anzeige erstattet. „Was auf dem Video zu sehen ist, ist natürlich nicht in Ordnung“, meint Miethig.

Fraglich ist allerdings, ob das Material auch vor Gericht verwendet werden darf. Aus Sicht des Geschäftsführers sind die Aufnahmen rechtswidrig entstanden. Gegenüber dem MDR kündigte er an, die Tierschützer zu verklagen. Der Grund: Sie seien in seine Anlage eingebrochen.

Christian Adam indes sieht sich und seine Mitstreiter im Recht. „Ohne solche Maßnahmen würden Missstände gar nicht erst sichtbar werden“, sagt er. Genau aus diesem Grund haben die Aktivisten ihrerseits ebenfalls Strafanzeige gestellt.

Fakt ist: Im Fall Wasserleben geht es nicht nur um ein totes Tier. Auf dem Video der versteckten Kamera ist auch noch zu sehen, dass der Mitarbeiter in der Zuchtanlage wenige Minuten, nachdem er das erste Ferkel auf den Boden geschlagen hat, ein zweites Tier aus einer anderen Box nimmt. Auch mit ihm wiederholt er die Prozedur. Den Körper des Tieres wirft er danach auf den Boden. Noch Minuten später, so ist es auf den Aufnahmen zu erkennen, zuckt das Ferkel. Tot scheint es zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu sein. (mz)

Skandalöse Schweineställe in Sachsen-Anhalt

Immer wieder sorgen in Sachsen-Anhalt Schweinezucht- und Schweinemastanlagen für Aufregung. Insgesamt werden im Land 1,18 Millionen Schweine in 210 Betrieben gehalten. Etwa die Hälfte davon sind Ferkel. Seit 2014 steht das sogenannte Schweinehochhaus in Maasdorf (Anhalt-Bitterfeld) in der Kritik. Tierschützer bemängeln die Haltungsbedingungen. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau stellte die Ermittlungen gegen den Betreiber jedoch ein. Auch der Prozess gegen einen Aktivisten, der in das Gebäude eingedrungen war, endete im vergangenen Jahr vorzeitig aufgrund eines Formfehlers.

Bundesweite Aufmerksamkeit bekam der Fall Adrianus Straathof. Gegen den als Schweine-Baron bekannten Niederländer wurde vom Landkreis Jerichower Land 2014 ein Haltungsverbot ausgesprochen. Aus Sicht des Kreises hatte Straathof seit 2005 mehrfach gegen den Tierschutz verstoßen. Im Fokus war eine Anlage, in der mehr als 70.000 Schweine gehalten wurden. Das Verbot wurde im November vergangenen Jahres vom Oberverwaltungsgericht Magdeburg bestätigt. Als Konsequenz aus dem Straathof-Fall müssen nun alle Schweinehalter im Land ihren Tieren mehr Platz einräumen.