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Energiebranche: Chemiestandort Schkopau droht Kostenfalle

Schkopau/MZ - Champions League hat die Dow Olefinverbund GmbH in den vergangenen Jahren nie gespielt. Doch Mitteldeutschlands größtes Chemie-Unternehmen erreichte bisher im Standort-Wettbewerb des US-Konzerns Dow immer eine Uefa-Cup-Platzierung - Rang vier bis sechs. Durch steigende Rohstoff- und Energiekosten ist diese Position nun offenbar gefährdet. „Wir machen uns Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit“, sagt der Dow-Olefinverbund-Chef Reiner Roghmann im MZ-Gespräch. Der Grund: Die Bundesregierung plant, energieintensive Firmen wie Dow stärker an den Kosten der Energiewende zu ...

Von Steffen Höhne 05.03.2013, 18:26

Champions League hat die Dow Olefinverbund GmbH in den vergangenen Jahren nie gespielt. Doch Mitteldeutschlands größtes Chemie-Unternehmen erreichte bisher im Standort-Wettbewerb des US-Konzerns Dow immer eine Uefa-Cup-Platzierung - Rang vier bis sechs. Durch steigende Rohstoff- und Energiekosten ist diese Position nun offenbar gefährdet. „Wir machen uns Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit“, sagt der Dow-Olefinverbund-Chef Reiner Roghmann im MZ-Gespräch. Der Grund: Die Bundesregierung plant, energieintensive Firmen wie Dow stärker an den Kosten der Energiewende zu beteiligen.

Stromverbrauch wie der einer Großstadt

Der Energiebedarf des Kunststoff-Produzenten aus Schkopau (Saalekreis) ist riesig: Nachts hell erleuchtet, sehen die Chemieanlagen in Schkopau von Ferne aus wie eine Hochhaus-Skyline. Der Stromverbrauch ist zumindest so hoch wie der einer Großstadt. Das Unternehmen mit 1 800 Mitarbeitern verbraucht so viel Energie wie 430 000 Haushalte. Anders als private Verbraucher, Gewerbetreibende oder kleinere Industriefirmen muss Dow bisher kaum die Ökostromumlage, die Windkraft- und Solaranlagen finanziert, zahlen. Das Chemieunternehmen wurde von der Politik ähnlich wie andere große Stromverbraucher (zum Beispiel Stahlwerke und Aluminiumhütten) von der Umlage befreit, um die internationale Konkurrenzfähigkeit zu erhalten. „Ohne die Befreiung würde es schwer, langfristig zu bestehen“, sagt Roghmann. Er verweist darauf, dass Industriestrom in Deutschland schon heute vergleichsweise teuer ist („Teure Energie in Westeuropa“).

Der US-Konzern Dow Chemical ist gemessen am Umsatz das zweitgrößte Chemie-Unternehmen der Welt nach der BASF aus Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz). Die deutsche Tochter Dow Olefinverbund steht nicht nur im Wettbewerb mit anderen Chemiefirmen, sondern auch im konzerneigenen Konkurrenzkampf. So baut die US-Mutter derzeit mit Partnern für 25 Milliarden US-Dollar einen neuen Chemiekomplex in Saudi-Arabien auf. Dort sollen ähnlich wie in Schkopau Kunststoffe hergestellt werden. Auch in den USA werden Chemieanlagen wieder in Betrieb genommen oder neu errichtet. „Die Förderung von billigem Erdgas, das als Grundrohstoff eingesetzt wird, führt zu massiven Investitionen“, sagt Roghmann. Die Re-Industrialisierung der USA sei keine politische Propaganda, sondern finde real statt.

Wegen unterschiedlicher Energiepreise klaffen die Produktionskosten international bereits weit auseinander. So wird der wichtige Grundrohstoff Ethylen im Mittleren Osten zu einem Bruchteil der Kosten in Westeuropa hergestellt.

Konzentration auf Spezialchemikalien

Dow Olefinverbund stellt im sächsischen Böhlen Ethylen in einem Spaltverfahren aus Rohbenzin her. „In dem Prozess werden noch eine Reihe anderer wichtige Ausgangsstoffe gewonnen“, erläutert Roghmann. Daher könnten die Kosten für die Ethylen-Herstellung nicht einfach isoliert betrachtet werden.

Dennoch reagiert Dow: Um die Abhängigkeit von den sogenannten Grundchemikalien zu reduzieren, hat der Konzern bereits 2005 ein Umbauprogramm eingeleitet. Ziel sei es, so Roghmann, mehr Spezialchemikalien herzustellen, die näher am Endkunden und profitabler sind. Im vergangenen Jahr schrieb Dow rote Zahlen. Das Westeuropageschäft leidet unter der Krise in Südeuropa. Dort schrumpft die Bauwirtschaft als wichtiger Kunde.

Investitionen im zweistelligen Millionenbetrag

Der Umbauprozess bei Dow ist nach Worten von Roghmann am Standort Schkopau sichtbar. Auf der einen Seite sind 2010 Kautschuk-Anlagen, deren Produkte für die Herstellung von Reifen benötigt werden, und Polystyrol-Werke verkauft worden. Im Jahr 2011 wurde ein weiteres Kunststoff-Werk (Polypropylen) an das brasilianische Unternehmen Braskem veräußert. Auf der anderen Seite sind neue Anlagen zur Klebstoff-Herstellung errichtet worden. Die Produkte werden unter anderem von Automobil-Zulieferern eingesetzt. Für einen zweistelligen Millionenbetrag wurde im vergangenen Jahr zudem der Grundstein für ein Werk zur Herstellung von Spezialfolien für Solarmodule gelegt. Die Folien sorgen dafür, dass die Module deutlich langlebiger und effizienter sind.

Einen weiteren Verkauf von Unternehmensteilen, die Schkopau betreffen, erwartet Roghmann für die nächste Zeit nicht. Der Manager betont: „Die Kunststoffsparte bleibt ein wichtiges Standbein.“ Am Standort würden derzeit 21 Firmen arbeiten, fünf gehörten ehemals zu Dow. „Die enge Zusammenarbeit zwischen Vorlieferanten und Verarbeitern macht uns stark“, sagt Roghmann. Die Prozesse würden sehr effizient und sicher geführt. Die Qualität von Dow Olefinverbund drückt sich für ihn auch in folgender Zahl aus: „Wir sind knapp 400 Tage unfallfrei.“