Schnellroda im Saalekreis

Schnellroda im Saalekreis: Die Ideologie-Tankstelle der AfD

Magdeburg/Schnellroda - In der Stunde seines größten Triumphs lässt André Poggenburg die Parteifreunde warten. Dutzende AfD-Mitstreiter und Sympathisanten haben am Wahlsonntag in einem Magdeburger Kongresszentrum ausgeharrt. Sie wollen ihren Helden sehen, der die AfD soeben auf 24 Prozent katapultiert hat. Doch als Poggenburg nach unzähligen Interviews endlich auf der AfD-Party auftaucht, ist es ein kurzes Vergnügen für das ...

Von Alexander Schierholz und Jan Schumann 23.03.2016, 09:00

In der Stunde seines größten Triumphs lässt André Poggenburg die Parteifreunde warten. Dutzende AfD-Mitstreiter und Sympathisanten haben am Wahlsonntag in einem Magdeburger Kongresszentrum ausgeharrt. Sie wollen ihren Helden sehen, der die AfD soeben auf 24 Prozent katapultiert hat. Doch als Poggenburg nach unzähligen Interviews endlich auf der AfD-Party auftaucht, ist es ein kurzes Vergnügen für das Volk.

„Das ist unser Tag“, ruft Poggenburg von der Bühne, und: „Wir erleben das Entstehen einer neuen, wahrhaften Volkspartei“. Und schon verschwindet er wieder. Poggenburg hat einen wichtigen Termin – hinter verschlossenen Türen, bewacht von zwei Sicherheitsleuten, in einem Fernsehstudio der besonderen Art.

Die eigene Öffentlichkeit

In einem Nebenzimmer hat das Compact-Magazin seine Kameras aufgebaut und sendet am gesamten Wahlabend live ins Internet. „Magazin für Souveränität“ lautet der Untertitel der Zeitschrift, „Mut zur Wahrheit“ das Werbemotto. Compact ist nach eigenen Angaben ein Magazin, das linke und rechte Denkpositionen zusammenbringt – ohne die Schranken der Political Correctness. Mit dieser Mischung verkauft die Zeitschrift nach eigenen Angaben rund 41.000 Exemplare pro Monat.

Vielen gilt Compact hingegen als Hetzblatt, das viel Raum für rechtspopulistische Meinung lässt. Eine Auswahl der Titel: „Merkel? Verhaften!“, „Freiwild Frau“, „Grüne Kinderschänder“ und „Fremd im eignen Land“. Für das Cover der aktuellen März-Ausgabe stand AfD-Bundeschefin Frauke Petry Porträt: „Die bessere Kanzlerin“. Der Chefredakteur, Jürgen Elsässer, ist im vorigen Jahr als Redner bei der fremdenfeindlichen Leipziger Legida-Bewegung aufgetreten. Elsässer wartet schon, als Poggenburg endlich das Studio betritt. „Herzlichen Glückwunsch!“ Und ein dritter Gesprächspartner gesellt sich live dazu: Götz Kubitschek.

Wer, wie etliche AfD-Anhänger, Medien pauschal als „Lügenpresse“ verunglimpft, der muss sich konsequenterweise seine eigene Öffentlichkeit schaffen. So sieht das wohl auch Hans-Thomas Tillschneider. Wittenberg, Hotel „Piesteritzer Hof“, ein Sonnabend Ende Januar. Die AfD hält ihren letzten Parteitag vor der Landtagswahl ab. Tillschneider, seinerzeit Direktkandidat im Wahlkreis Bad Dürrenberg-Saalekreis, schwärmt vor den Delegierten von einer „neuen patriotischen Politik“, die er „im Verbund mit Alternativ-Denkern und Alternativ-Medien“ entwickeln wolle. In diesem Zusammenhang nennt der Islamwissenschaftler Jürgen Elsässer. Und das neurechte „Institut für Staatspolitik“ in Schnellroda.

Sein Lieblingsort in Sachsen-Anhalt? „Ich kann mich nicht entscheiden zwischen der Bibliothek des Orientinstituts in Halle, wo ich während meines Studiums viel Zeit verbracht habe, und dem Gasthaus ,Zum Schäfchen’ in Schnellroda, wo die Akademien des Instituts für Staatspolitik stattfinden“, schreibt Tillschneider auf seiner Homepage.

Das Institut, kurz IfS, ist eine Art Denkfabrik der neuen Rechten. Der Magdeburger Rechtsextremismus-Experte David Begrich beschreibt sie als eine „intellektuelle rechtsautoritäre Bewegung“. „Sie haben eine dezidiert antiliberale Vorstellung von der Organisation der Gesellschaft“, sagt Begrich.

Die große Angst der neurechten Szene sei es, „dass Zuwanderer Deutschland kulturell usurpieren und übernehmen“. Gegründet wird das IfS im Mai 2000 für die „Bildungs- und Forschungsarbeit“, so die Instituts-Website. Der Verleger Götz Kubitschek ist einer der Gründer. Als er nach Schnellroda zieht, zieht das Institut mit; seit 2002 hat es dort seinen Sitz.

Schnellroda, 100 Einwohner, südwestlicher Saalekreis, unweit von Querfurt. Ein paar Gehöfte ducken sich in die weite, flache Landschaft. Die Hauptstraße schlängelt sich durch den Ort, mit dem Auto ist man in wenigen Minuten durch. Kubitschek wohnt in einem alten Rittergut, gelb angestrichen. Dort befindet sich das Institut, dort betreibt Kubitschek auch den Verlag „Antaios“, der konservative und rechtsintellektuelle Bücher im Programm hat.

Für den rechten Flügel der AfD ist Schnellroda offenbar so etwas wie eine Ideologie-Tankstelle, der Ort, wo sie sich ihr geistiges Rüstzeug holen. Oder, wie Thüringens Partei- und Fraktionschef Björn Höcke es mal ausgedrückt hat: Er ziehe „immer mal wieder geistiges Manna“ aus Werken, die in Schnellroda entstehen. Hans-Thomas Tillschneider, mittlerweile in Sachsen-Anhalts Landtag gewählt, sagt: „Ich schätze die geistige Arbeit, die dort gemacht wird“, das sei ein „intellektueller Gegenentwurf zum Mainstream“ und „eine Inspiration“, so Tillschneider zur MZ.

Auch Höcke kommt gerne nach Schnellroda. Ende November vorigen Jahres: Das Institut für Staatspolitik hat zum Herbstkongress geladen, Titel „Ansturm auf Europa“. Einer der Redner: Höcke. Er nennt Schnellroda „eine Oase der geistigen Regeneration“, es sei „ein Labsal, wenn ich hier sein darf“. Dann spricht er zur Asylpolitik. Es ist die Rede, in der er seine seltsamen Thesen zum Fortpflanzungsverhalten von Afrikanern und Europäern vorträgt: Der „lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp“ treffe auf den „selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“. Die Äußerungen tragen ihm den Vorwurf des Rassismus ein und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Halle wegen Volksverhetzung, die allerdings kurze Zeit später eingestellt werden.

Gast an jenem Abend ist auch AfD-Landeschef André Poggenburg, nach seinem Wahlsieg der neue starke Mann der Partei. „Ich schätze ihn sehr“, sagt Poggenburg über Kubitschek. Kennen gelernt habe er ihn über die AfD, auch privat sei er schon in Schnellroda zu Gast gewesen, erzählt er in einem Gespräch mit der MZ. Sie seien „gut bekannt“, aber nicht befreundet, beschreibt er sein Verhältnis zu dem Verleger.

Götz Kubitschek gilt als zentrale Figur der Neuen Rechten. Aber wo verortet er sich selbst politisch? „an der spitze des interessantesten teils jener, die widerstand gegen die auflösung der rechts- und lebensordnung der deutschen richtet“, antwortet Kubitschek, der der MZ Fragen per Mail beantwortet hat. Die Auszüge daraus, die hier im Original wiedergegeben sind, gewähren Einblicke in die Gedankenwelt eines Mannes, der offenbar Angst hat vor dem Untergang der Deutschen:

In Ihrer Rede bei Legida am 21. Januar 2015 haben Sie erklärt: „Wir sorgen uns um die Zukunft unserer Heimat.“ Warum? Was genau meinen Sie damit?

Kubitschek: „wir werden in diesem jahr den teilverlust des öffentlichen raumes und die teilweise auflösung der rechtsordnung in deutschland erleben. das ist grund genug, sich große sorgen um die heimat zu machen.“

Ferner haben Sie in dieser Rede erklärt: „Aber unser Volk darf nicht ausgetauscht werden.“ Was genau meinen Sie damit? Wie definieren Sie „unser Volk“? Wer gehört dazu, wer nicht? Unter welchen Umständen gehört man dazu?

Kubitschek: „mit dem Großen Austausch der deutschen ist gemeint, daß deutschland nicht mehr länger ausschließlich oder wenigstens vor allem das land der deutschen ist, sondern von massenhaft von angehörigen anderer völker besiedelt wird. ,unser Volk’ ist: die deutschen. dazu gehört, wer von deutschen abstammt. nicht dazu gehört, wer auch nach ein, zwei generationen keine eindeutige loyalität zu deutschland ausdrückt oder unter beweis stellt. man gehört also dazu, wenn man im zweifelsfall/ernstfall die neue heimat (deutschland) der früheren herkunft (ausland) unter allen umständen vorzieht, kurz: wer assimiliert ist.“

„Integration heißt Assimilation“

Der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider bedient sich gegenüber der MZ ebenfalls dieses Vokabulars: „Wenn jemand aus einem fremden Land hierher kommt und sich kulturell assimiliert, ist er Deutscher durch und durch“, sagt Tillschneider - der selbst übrigens in Rumänien geboren wurde, als Angehöriger der deutschen Minderheit. „Integration heißt für mich Assimilation“, sagt der Mann, der sich „Alternativ-Medien“ wünscht.

Solche wie Jürgen Elsässers Magazin. Die Compact-Autoren sind sich nicht zu schade, nach dem Dreh auf der Magdeburger Wahlparty auf ihrer Internetseite zu schreiben: „Lügenpresse musste warten: AfD-Sieger sprach zuerst mit Compact.“ (mz)