Interview mit Emmi Zeulner

Interview mit CSU-Abgeordneter Emmi Zeulner: Medizinisches Cannabis soll Schmerzpatienten helfen

Berlin - Emmi Zeulner von der CSU ist eine der jüngsten Abgeordneten des Bundestags und leidenschaftliche Gegnerin einer Legalisierung von Cannabis. Sie hat sich aber intensiv dafür eingesetzt, dass Cannabis als Medizin von den Krankenkassen bezahlt wird. Das Gesetz beschließt der Bundestag am Donnerstag.

Von Timot Szent-Ivanyi 18.01.2017, 14:39
In Zukunft soll es für Patienten in Deutschland leichter werden an medizinisches Cannabis zu Therapiezwecken zu gelanden.
In Zukunft soll es für Patienten in Deutschland leichter werden an medizinisches Cannabis zu Therapiezwecken zu gelanden. AFP

Emmi Zeulner von der CSU ist eine der jüngsten Abgeordneten des Bundestags und leidenschaftliche Gegnerin einer Legalisierung von Cannabis. Sie hat sich aber intensiv dafür eingesetzt, dass Cannabis als Medizin von den Krankenkassen bezahlt wird. Das Gesetz beschließt der Bundestag am Donnerstag.

Frau Zeulner, sie sind eine Hardlinerin in Sachen Cannabis-Legalisierung, haben sich aber sehr dafür eingesetzt, dass der Staat nun Drogen anbaut und verkauft. Können Sie uns das erklären?

Das ist ja nun wirklich eine unzulässig Verkürzung dessen, was wir vorhaben. Wir öffnen uns im Sinne der Patienten für eine neue Therapiemöglichkeit.

Gut, ich wollte Sie ein wenig provozieren, weil ich ihre harte Haltung gegenüber der generellen Freigabe von Cannabis nicht teile. Was beschließt der Bundestag am Donnerstag?

Schwerstkranken Menschen kann nun künftig auch Cannabis als Blüten oder Extrakt ärztlich verschrieben werden. Für Schmerzpatienten, besonders in der Palliativversorgung, können diese Hanfformen deutliche Verbesserung bringen. Schmerzen werden gelindert, die Appetitlosigkeit sinkt, Schlafstörungen nehmen ab. Bisher waren in Deutschland nur Fertigarzneimittel auf Cannabisbasis verfügbar, die synthetische Bestandteile enthalten.

Patienten können heute schon mit einer Sondergenehmigung Hanfblüten in der Apotheke bekommen oder sogar selbst Hanf anbauen. Was ändert sich?

Man musste über die Bundesopiumstelle eine Ausnahmegenehmigung oder, wie 2016 geschehen, eine gerichtliche Entscheidung für den Eigenanbau erwirken. Alles kostenintensiv und umständlich für Schwerstkranke. Unser Ziel ist es, die Qualität zu sichern, den Anbau staatlich zu kontrollieren und parallel die Patienten bürokratisch und finanziell zu entlasten. Künftig bekommt der Patient ein Rezept vom Arzt und die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen.

Von wie vielen Patienten sprechen wir?

Derzeit haben 1020 Patienten eine Sondergenehmigung für den Bezug von Blüten und Extrakt, zwei Patienten dürfen Hanf selbst anbauen. Ich gehe von einem Anstieg der Zahl der Patienten aus, jedoch wird sich dies vermutlich im Rahmen halten. Die Zielgruppe sind Schwerstkranke und Sterbende und nicht jeder Rückenschmerz, weshalb ich keine explosionsartige Erhöhung erwarte.

Was kostet das die Kassen?

Wie bei jeder Einführung einer neuen Therapieform, werden selbstverständlich Kosten auf die Kassen zukommen. Man muss aber berücksichtigen, dass Cannabis-Präparate oftmals andere, teurere Medikamente wie Morphine oder Opiate ersetzen werden. Die monatlichen Therapiekosten für die Blüten liegen je nach Bedarf zwischen 540 bis 1800 Euro pro Monat. Entscheidend ist für mich, dass der Nutzen für die Patienten die Kosten überwiegt.

„Cannabis ist eine gefährliche Einstiegsdroge“

Wer darf Cannabis-Präparate verschreiben?

Der behandelnde Arzt. Nur vor der Erstverordnung muss die Krankenkasse einmal zustimmen. Wobei ein Einspruch nur in sehr gut begründeten Einzelfällen möglich ist. Normalerweise hat die Kasse für die Antwort drei bis fünf Wochen Zeit, im Fall von Palliativpatienten wurde die Frist auf drei Tage gesenkt.

Welche Änderungen haben die Parlamentarier noch durchgesetzt?

Mir war wichtig, dass Cannabis nicht erst dann eingesetzt werden darf, wenn der Patient als austherapiert gilt. Es macht keinen Sinn, bis zum bitteren Ende alles am Patienten auszuprobieren, wenn dem Arzt schon vorher klar ist, dass Cannabis hier die beste Therapie wäre. Es geht um Patienten mit großen Schmerzen oder solche, die am Ende ihres Lebens stehen – das gilt es zu bedenken.

Es gab auch Kritik an der Verpflichtung für die Patienten, an einer Begleitforschung teilzunehmen.

Hier haben wir die Sorgen sehr ernst genommen und die Pflicht für den Patienten komplett gestrichen. Stattdessen wird es nur eine anonymisierte Forschung geben, bei der der Arzt einen Fragebogen ausfüllen muss.

Zurück zur neuen Rolle des Staates beim Cannabis-Anbau. Was ist konkret geplant?

Der Staat selber wird keine Drogen anbauen. Es wird wie in den Niederlanden eine Cannabisagentur gegründet. Sie vergibt Aufträge an Anbauer in Deutschland und verkauft den medizinischen Cannabis dann an Hersteller und Großhändler und legt den Preis fest.

Um über die Legalisierung von Cannabis zu sprechen, bräuchten wir ein weiteres Interview. Deshalb nur kurz: Immer mehr Politiker und Experten weltweit folgen der These, dass der Krieg gegen die Drogen gescheitert sei und man deshalb neue Wege suchen müsse. Beeindruckt Sie das gar nicht?

Ich stelle mich der Debatte gerne. Auch mit Blick darauf, dass eine andere Regierung den Kurs ändern könnte, unterstütze ich den Vorschlag, dass eine Enquete-Kommission sich den aufgeworfenen Fragen annimmt. Ich bleibe aber bei meiner Haltung, dass Cannabis eine gefährliche Einstiegsdroge ist. Eine Freigabe würde gerade für Jugendliche, die anfälliger für Abhängigkeiten sind und bei denen es durch den Konsum nachgewiesen zu einer gestörten Gehirnentwicklung kommen kann, ein völlig falsches Signal senden.