Folgen der Tschernobyl-Katastrophe

Folgen der Tschernobyl-Katastrophe: Geschätzte Todesfälle liegen zwischen 4000 und 60 000

Hamburg/dpa. - Der von der Europaabgeordneten Rebecca Harms (Grüne) in Auftrag gegebene Torch-Report kommt auf 30 000 bis 60 000 Krebstodesfälle - ein Großteil davon in Europa außerhalb der Risikogebiete in der Sowjetunion. Die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) geht von noch weit höheren Zahlen aus, insbesondere für die ...

Von Simone Humml 19.04.2006, 10:05
In Prypjat fährt in den nächsten Jahrzehnten niemand mehr Autoscooter. Rund 47 000 Einwohner wurden nach der Reaktor-Katastrophe aus der Stadt evakuiert. (Foto: dpa)
In Prypjat fährt in den nächsten Jahrzehnten niemand mehr Autoscooter. Rund 47 000 Einwohner wurden nach der Reaktor-Katastrophe aus der Stadt evakuiert. (Foto: dpa) EPA

Der von der Europaabgeordneten Rebecca Harms (Grüne) in Auftrag gegebene Torch-Report kommt auf 30 000 bis 60 000 Krebstodesfälle - ein Großteil davon in Europa außerhalb der Risikogebiete in der Sowjetunion. Die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) geht von noch weit höheren Zahlen aus, insbesondere für die Aufräumarbeiter.

Nach Angaben des Torch-Reports gelangte radioaktives Cäsium-137aus Tschernobyl auf 40 Prozent der Fläche Europas. In Deutschlandseien es sogar 44 Prozent. Die Autoren schätzten die gesamteweltweite Strahlenbelastung der Menschen durch Tschernobyl underrechneten daraus die Zahl der Krebstodesfälle - bis zu 60 000.Prof. Albrecht Kellerer, ehemaliger Direktor des Instituts fürStrahlenbiologie am GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg (Bayern), nennt den Bericht «vernünftig und objektiv».

Die Menschen in Deutschland haben laut Kellerer durch Tschernobyl im Durchschnitt insgesamt eine halbe Jahresdosis der natürlichen Strahlung erhalten. Von 40 000 Menschen, so schätzt Kellerer, könnte daher einer zusätzlich an Krebs sterben. Dies sei zwar im Vergleich zu den in dieser Gruppe ohnehin zu erwartenden 10 000 Krebstodesfällen verschwindend gering. «Andererseits entspräche die so errechnete Erhöhung unter den 82,5 Millionen Deutschen insgesamtimmerhin mehr als 2000 zusätzlichen Krebstodesfällen», berichtetKellerer und kritisiert die WHO: «Geringe Dosen unter einMillisievert wurden im WHO-Bericht weggelassen.»

Einig sind sich die meisten Forscher darin, dass mehrere DutzendAufräumarbeiter (Liquidatoren) direkt an akuter Strahlenerkrankunggestorben sind und weitere an Leukämie. Zudem gibt es Hinweise aufvermehrte Brustkrebsfälle in einigen stark betroffenen Gebieten derSowjetunion. Unstrittig ist ein Anstieg der Erkrankungen anSchilddrüsenkrebs insbesondere bei damaligen Kindern in dieserRegion. Ursache war vor allem radioaktives Jod aus der Milchbelasteter Kühe. Dies zerfällt zwar relativ rasch, der Krebs aberkann Jahre und Jahrzehnte später ausbrechen. Kellerer verweist aufden erheblichen Verlust an Lebensqualität dieser Patienten: Nötigseien meist eine Operation und die lebenslange Einnahme von Hormonen.

Wissenschaftlich umstritten ist dagegen die Wirkung sehr geringerStrahlendosen. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass jede nochso kleine Strahlendosis eine Auswirkung haben kann. Andererseits sindetwaige geringe Erhöhungen der Krebszahlen statistisch kaum zuerfassen, auch wegen der langen Latenzzeit bis zum Ausbruch derKrankheit. Ärzte können nicht erkennen, ob ein Krebs durch Strahlenausgelöst wurde. Kellerer gibt zudem zu bedenken, dass nachTschernobyl neu eingerichtete oder verbesserte Krebsregister mehrFälle entdecken als frühere Systeme. Er geht davon aus, dass dieswenigstens teilweise die um 23 Prozent erhöhten Raten der gesamtenKrebsfälle in besonders belasteten Gebieten von Weißrussland bedingt.

Höhere Krebsraten bei Liquidatoren seien bisher nur für Leukämie(Blutkrebs) ermittelt, und auch das nur mit «beträchtlicherUnsicherheit», schreibt Kellerer im GSF-Sonderheft «Strahlung».Allerdings sinke die Lebenserwartung seit dem Niedergang derSowjetunion bei den männlichen Einwohnern um mehrere Jahre. Gründeseien Alkoholmissbrauch, Aids, steigende Unfallzahlen undSelbsttötungen. Dies gelte verstärkt für die Liquidatoren. «Wenndafür auch nur teilweise die durch Strahlenexposition motivierteResignation verantwortlich ist, so übersteigt dieser Effekt diedirekte Wirkung der Reaktorkatastrophe auf tragische Weise», schreibtKellerer.

Eine mögliche Erhöhung der Krebstodesrate bei den Liquidatoren vonzehn Prozent sei zwar bedauerlich hoch, sie rechtfertige jedoch nichteine bis zum Fatalismus reichende Verunsicherung der Männer, meintKellerer. Hauptursache der psychischen Auswirkungen sei diemangelhafte Information gewesen. «Das Versagen derRisikokommunikation wird zum größten Risiko.»

Laut Torch-Bericht gibt es auch bei Grauem Star und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einen Anstieg. «Die gesamten Folgen desUnfalls von Tschernobyl wird man niemals feststellen können. Jedochist 20 Jahre nach der Katastrophe klar, dass sie weitaus gravierendersind, als offizielle Schätzungen vorgeben», schreiben die Autoren.

Nach Auskunft des Bundesamtes für Strahlenschutz überschreitetbeispielsweise der Wert von radioaktivem Cäsium bei Wildschweinen imBayerischen Wald den EU-Grenzwert weiterhin um ein Vielfaches. Esrät: Wer seine Strahlenbelastung so gering wie möglich halten möchte,sollte auch heute noch auf den Verzehr von vergleichsweise hochkontaminierten Pilzen und Wild etwa aus dem Bayerischen Waldverzichten.