Digitale Senioren

Digitale Senioren: Wie ältere Menschen das Internet für sich entdecken

Halle (Saale) - Das Internet erweist sich als das perfekte Mittel gegen Einsamkeit und Langeweile im Alter. Beispiele zeigen: Die Scheu älterer Menschen vor PC, Laptop und Smartphone schwindet.

Von Ralf Böhme

Die neue Fernbedienung hat viel zu viele Knöpfe, und Facebook ist nur etwas für junge Leute: Ab 60 plus stehen angeblich viele Menschen mit moderner Technik auf Kriegsfuß. Mal sind es 30 Prozent, mal auch 50 Prozent der Befragten - wirklich gesicherte Angaben dazu gibt nicht.

Fakt ist dagegen: Wer auch digital nicht abseits steht, den plagen bestimmt nicht Langeweile und Einsamkeit. 

Drei Beispiele von Menschen im achten Lebensjahrzehnt belegen das. Ein umtriebiger Seelsorger, ein ehemaliger Unternehmer und eine kunstsinnige Dame schwören: Aktivität im Netz hält fit. Von Zurückgezogenheit, vor der jüngst der Landesseniorenrat als Gefahr für einen Teil der älteren Menschen in Sachsen-Anhalt gewarnt hat, ist bei ihnen keine Spur zu finden.

Frithjof Grohmann (75): „Die pure Neugier"

Schon kurz nach dem Aufstehen geht Frithjof Grohmann online. Den 75-Jährigen interessiert, welche Nachrichten über Nacht in seinem elektronischen Postfach eingegangen sind. „Es ist erst einmal die pure Neugier.“ Die morgendliche Sitzung am Computer gehört für ihn zum Alltag - genauso wie die Leerung des Briefkastens am Hoftor, das aber später.

Wie selbstverständlich das Internet in seinem Leben geworden ist, darüber muss Frithjof Grohmann selbst staunen. Längst informiert sich der ehemalige Pfarrer aus Unterrißdorf (Mansfeld-Südharz) minutenaktuell unter der Adresse mz.de, beim erfolgreichsten Nachrichtenportal in Sachsen-Anhalt.

Der größte Teil der Post kommt mittlerweile per Mail

Und auch dass der größte Teil seiner Post per Mail eingeht, erscheint ihm bereits „als so etwas von normal“. Aber dabei belässt der Familienvater es nicht. Angestachelt und unterstützt von seinen sechs Kindern erschließt sich Grohmann immer neue Möglichkeiten des weltweiten Netzes.

Während andere Pensionäre gerade noch überlegen, vom Tasten-Telefon auf ein Smartphone umzusteigen, ist der Geistliche bereits aktives Mitglied in mehreren Facebook-Gruppen.

Vorbehalte aus dem Freundeskreis nach dem Motto „Frithjof, das brauchst du doch nicht“ sind längst verstummt. Denn er gebraucht das soziale Netzwerk in vielerlei Weise - sei es, um auf das Konzert am 8. Juli in der Unterrißdorfer Kirche hinzuweisen, sei es, um Mitstreiter für die Luther-Ehrung zu erreichen.

Auch soziale Netzwerke wie Facebook werden intensiv genutzt

Das Bildmotiv, das Grohmann gern an Schreiben anhängt, zeigt eine riesige blühende Luther-Rose, eigenhändig gestaltet, selbst fotografiert und digital bearbeitet. Letzteres trifft auch auf Kirchenlieder zu. Eine spezielle Software, über die sein neuester Computer verfügt, hilft sogar, Noten zu arrangieren - beispielsweise für die Trompete, die einer seiner Söhne dann zur Orgel spielt.

Das Spektrum der Anwendungen, die Grohmann einsetzt, war nicht immer so weit: „Anfangs bin ich wirklich nur Zuschauer gewesen.“ Das ist seine Erinnerung an die erste Blütezeit der Computer in den 1990er Jahren. Erst eine zufällige Begebenheit ändert diese abwartende Haltung.

Der erste PC ist heute ein Museumsstück

„Ein Geldinstitut hatte sich vertan. Als Wiedergutmachung bekam ich meinen ersten PC, heute ein Museumsstück.“ Aber für erste Schritte als Ebay-Kunde oder als Buch-Anbieter auf Internet-Marktplätzen reicht es.

Offen bekennt der „Spätzünder“, wie ihn der Respekt vor der einst völlig unbekannten Technik zunächst bremst. Doch im Verwandten- und Bekanntenkreis gibt es Besessene, die helfen - bis heute der Kern seines Netzwerkes. Und der Funke springt über - genau in dem Moment, als ihm auffällt, wie einfach man einen Text per Mausklick korrigieren kann.

An diesem Tag stellt er seine alte Schreibmaschine zur Seite, beginnt sogleich eine lange aufgeschobene Arbeit: die Auflistung der Gemeindemitglieder. „Mehr als 500 Namen habe ich damals aufgeschrieben, und es ging schneller als je zuvor“, erinnert er sich.

Dieter Zimmermann (76) hantiert mit Smartphone und Netbook

Mit seinen 76 Jahren hantiert Dieter Zimmermann mit Smartphones und Netbooks, als hätte er die Geräte als Jugendlicher vor Jahrzehnten bereits geschenkt bekommen. Irgendein mobiler Internet-Zugang befindet sich immer in Griffnähe. Von Eisleben aus lässt er amerikanische Suchmaschinen für sich arbeiten, schickt seine elektronische Post rund um die Welt. Manchmal fischt er im Netz auch nach der idealen Reiseroute, wenn der Start in den Italien-Urlaub näher rückt.

Zimmermann: „Computergestützte Technik jagt mir doch keinen Schrecken ein.“ Der Umgang hängt vor allem mit seiner Leidenschaft für Autos zusammen. Früher als in vielen anderen Bereichen habe die Elektronik ihren Siegeszug in seiner Branche angetreten. „Das zeichnete sich schon kurz nach dem Mauerfall ab.“

Das Weiterlernen hält fit - in allen Lebenslagen

Damals errichtet der studierte Kraftfahrzeug-Ingenieur in Eisleben (Mansfeld-Südharz) eines der ersten Autohäuser in der Region. An der Diagnose-Station bei der Fahrzeugannahme, im Verkauf oder in der Kommunikation mit dem Markenkonzern - überall gehört Zimmermann danach zu den ersten, die sich der neuen Technik stellen können.

Wegen der zunächst nicht geklärten Unternehmer-Nachfolge legt der Autohaus-Patriarch später immer noch eine Schippe drauf. So sind die letzten zehn Jahre wie im Flug vergangen.

Erst nach dem 75. Geburtstag schickt er sich selbst in Rente - irgendwann muss es ja mal sein. „Doch ich bereue es nicht, länger als die meisten anderen Leute gearbeitet zu haben.“

Das Weiterlernen habe ihn fit gehalten - im Job und auch in allen anderen Lebenslagen, sagt der agile Mann. Ob er schwimmt, rudert oder Gewichte stemmt, der Zugang ins Netz ist nah.

Heidelore Rathgen (72) hält über das Internet Kontakt zu Menschen aus aller Welt

Heidelore Rathgen in Löbejün (Saalkreis) erwartet Besuch. Gäste aus den Vereinigten Staaten haben sich angekündigt, per Mail. Wie sonst, fragt die 72-Jährige, die als Vorstandsmitglied der Internationalen Carl-Loewe-Gesellschaft die internationalen Beziehungen der Musikfreunde in Schwung hält.

Und die Nachfrage ist groß: Die Amerikaner etwa wollen unbedingt die Hunderte von historischen Schallplatten sehen und hören, die Rathgen aufbewahrt und behütet. Von dem Museum im Saalekreis, erzählt Rathgen, haben die Besucher in der New York Times gelesen. „Diesen Beitrag habe ich mir natürlich sofort im Internet besorgt.“

Obwohl man da auch eine Weile suchen muss, sei ihr das gar nicht schwer gefallen. „Im Internet geht oft das Probieren über das Studieren, kaputt machen kann man da aber gar nichts.“

Wer heute auf den Computer verzichtet, dem bleibt ein Zugang zur Welt verschlossen

Die Mathematikerin, die fließend Englisch spricht, glaubt: „Wer heutzutage auf Computer und Co. verzichtet, dem bleibt ein wichtiger Zugang zur Welt verschlossen.“ So schreibe sie im Abstand von zwei Monaten einen Newsletter, der 500 Partnern die aktuellen Projekte und Leistungen des internationalen Loewe-Freundeskreises darstelle.

Demnächst beginne zudem die Digitalisierung von Tonträgern, die danach weltweit abgerufen werden können - Riesenherausforderung und Freude zugleich. Außerdem gebe ihr der Umgang mit den technischen Segnungen das gute Gefühl, nicht abgeschnitten zu sein, auch wenn es einmal gesundheitliche Probleme gebe. (mz)