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Bundestag : Helmut Roewer - Sonderling im NSU-Ausschuss

Berlin/MZ - Helmut Roewers Ruf ist längst legendär - allerdings im durchweg negativen Sinne. Der 63-Jährige war von 1994 bis 2000 Präsident des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz. Und viele sehen in ihm einen Mitschuldigen dafür, dass der aus Thüringen stammende Nationalsozialistische Untergrund (NSU) nicht entdeckt wurde, bevor er zu morden ...

Von Markus Decker

Helmut Roewers Ruf ist längst legendär - allerdings im durchweg negativen Sinne. Der 63-Jährige war von 1994 bis 2000 Präsident des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz. Und viele sehen in ihm einen Mitschuldigen dafür, dass der aus Thüringen stammende Nationalsozialistische Untergrund (NSU) nicht entdeckt wurde, bevor er zu morden begann.

Roewer, so heißt es unter früheren Mitarbeitern, sei als „kleiner Sonnenkönig“ sowie barfuß im Amt unterwegs gewesen, wo er Rotwein-Gelage veranstaltete. Nach sechs Jahren flog er raus.

Am Donnerstag nun erschien Helmut Roewer mit offenem Hemd, einem rotem Schal und im Trenchcoat im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages - wobei die Vernehmung wegen eines auf eine Krankheit hinweisenden Attests zuweilen unterbrochen werden musste. Im Ausschuss tat sich einmal mehr eine Kluft auf zwischen dem, was er sagt, und dem, was andere sagen.

Rechter „Abschaum“

Roewer sagt, er habe aus dem Thüringer Verfassungsschutz erst eine funktionierende Behörde gemacht und auch dafür gesorgt, dass V-Leute angeworben wurden. Freilich seien Spannungen zwischen den Mitarbeitern in dem Prozess unvermeidlich gewesen. Bei der Suche nach Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos jedenfalls seien sämtliche Informationen an die Polizei abgeflossen.

Als der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) daraufhin einen im Auftrag der Roewer-Behörde erstellten Film aus dem Jahr 2000 zeigen ließ, in dem der V-Mann Tino Brandt recht ungehemmt seine rechtsextreme Sicht der Dinge und zugleich seine Sympathie für Linksfraktionschef Gregor Gysi darlegen darf, erklärte der Ex-Verfassungsschützer: „Sie können sich diese Leute nicht schön- oder schlechtreden. Sie sind so, wie sie sind.“ Später nannte er sie „Abschaum“, mit dem man klar kommen müsse. Vielfach habe es sich schlicht noch um Kinder gehandelt.

Tatsächlich war Brandt, dem gute Kontakte zu Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos nachgesagt werden und der seine V-Mann-Gage von insgesamt 100 000 Euro in die rechte Szene reinvestiert haben soll, schon 1996 wegen Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden - woran Roewer keine Erinnerung gehabt haben will. „Ich hab die Vita von Brandt nicht im Kopf“, behauptete er.

Mit einem Wort: Der Mann erweckte den Eindruck, als habe er seinerzeit alles im Griff gehabt und obendrein das dienstlich Mögliche getan, um das flüchtige Trio, das sich später als Terror-Trio erwies, zu fassen.

Eben dies stellt sich aus Sicht der Thüringer Polizei und der meisten Experten ganz anders dar. Demnach flossen entscheidende Informationen des Verfassungsschutzes nicht an die Polizei, sondern in die rechte Szene ab, um sie zu warnen. Observierende und Observierte hätten also unter einer Decke gesteckt. Roewer wollte auch davon nichts wissen. Wie andere vor ihm berief er sich in dem Gremium, da wo es nötig erschien, auf Erinnerungslücken - um lieber und recht genüsslich einen Einblick in die sehr spezielle Arbeitsweise des Thüringer Geheimdienstes der 90er Jahre zu geben.

So ließ Roewer wissen, dass Rechtsextremisten „unter Sprit gesetzt und abgeschöpft“ worden seien. Auf gut Deutsch: Man betrank sich mit ihnen, um sie auszuhorchen. An anderer Stelle befand der gebürtige Westdeutsche: „Es ist in der rechtsextremistischen Szene üblich, dass sich jeder Dritte zum Führer ernennt.“ Ihn schien das zu amüsieren. Als Roewer schließlich gefragt wurde, was er gedacht habe, als die Taten des NSU bekannt wurden, da tat er nicht Bedauern kund. Er erwiderte: „Nichts.“

Buch veröffentlicht

Zum legendären Ruf des Zeugen gehört unterdessen jenes Buch, das er im Vorjahr veröffentlichte. Titel: „Nur für den Dienstgebrauch - Als Verfassungsschutz-Chef im Osten Deutschlands“. Das Buch erschien im Grazer Ares-Verlag. Er gilt als rechtsextrem.