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Auswertung der Kommunalwahl Wo liegen die Hochburgen der Parteien in Halle?

Eine Stimmen-Analyse auf Stadtteilebene zeigt, wo die Parteien besonders stark oder schwach sind. In manchen Vierteln sind außergewöhnliche Wahlergebnisse zustande gekommen.

Von Jonas Nayda Aktualisiert: 16.06.2024, 14:13
Klein, aber oho! In Halles nordöstlichstem Stadtviertel, Tornau, holte die CDU fast jede zweite Stimme. Das gelang sonst keiner Partei irgendwo.
Klein, aber oho! In Halles nordöstlichstem Stadtviertel, Tornau, holte die CDU fast jede zweite Stimme. Das gelang sonst keiner Partei irgendwo. (Foto: Steffen Schellhorn)

Halle (Saale)/MZ. - Wer bei der Kommunalwahl am 9. Juni als Sieger hervorgegangen ist, dürfte auf den ersten Blick klar sein. Bei etwas genauerem Hinsehen lassen sich in den einzelnen Stadtvierteln aber auch ganz andere Bilder zeichnen. Die MZ gibt einen Überblick zu allen Parteien und Wählergruppen und erklärt, warum es in einzelnen Stadtteilen zu außergewöhnlichen Ergebnissen kam.

Tabelle: So hat Halle gewählt
Tabelle: So hat Halle gewählt
(Daten: Stadt Halle)

1. Die AfD wildert in linken Gebieten

In fast allen Stadtvierteln hat die AfD deutlich an Stimmen gewonnen. Am stärksten schnitt sie auf der Silberhöhe ab (43,3 Prozent), gefolgt von der westlichen Neustadt (41,2). Laut Fraktionschef Alexander Raue liege das vor allem an der Politik der Bundesregierung, die sich auf Halle auswirke. „Die Menschen erkennen, dass sie Stück für Stück ihre Heimat verlieren. Die AfD steht für eine Lösung dieser Zuwanderungsprobleme.“

Vor allem die meist älteren Einwohner der Großwohnsiedlungen hätten den „etablierten“ Parteien das Vertrauen entzogen, sagt er. Der Stimmenzuwachs in Vierteln wie Giebichenstein (+5 Prozent) oder der Nördlichen Innenstadt (+4 Prozent), die traditionell eher links oder grün waren, sei für ihn ein „Riesenerfolg“, auch wenn die AfD dort insgesamt nicht die stärkste Partei war.

Auf der Silberhöhe war die AfD besonders stark.
Auf der Silberhöhe war die AfD besonders stark.
Foto: Schellhorn

2. Die CDU ist beliebt am Stadtrand

Das beste Ergebnis von allen Parteien und Wählergruppen über alle Wahlbereiche hinweg erzielte die CDU in Tornau. Fast jeder zweite Wähler aus dem Dorf im Norden der Stadt machte sein Kreuz bei der CDU (47,6 Prozent). Auch auf dem Dautzsch (36,7) und in Mötzlich (30,9) war die CDU mit Abstand die stärkste Kraft.

Weitere klassische CDU-Hochburgen sind die Gottfried-Keller-Siedlung, Nietleben und Heide-Süd. Es ist offensichtlich: In Gebieten mit vielen Einfamilienhäusern wird häufig CDU gewählt. Kreischef Marco Tullner dankte allen Wählern für das Vertrauen in seine Partei. Das Ergebnis in Tornau zeige, dass es sich gelohnt habe, die Debatte um den geplanten Gefängnisneubau konstruktiv zu führen.

3. Wo die Linken noch stark sind

Nur in einem einzigen Stadtviertel hat die Partei Die Linke nicht verloren: in der Nördlichen Innenstadt. In dem studentisch geprägten Viertel, in dem sich auch das Parteibüro befindet, konnte Die Linke ihr Ergebnis aus dem Jahr 2019 halten. Die 17,2 Prozent von dort bedeuten zugleich das beste Linken-Ergebnis in Halle.

Besonders hohe Verluste musste die Partei auf der Silberhöhe und in Neustadt hinnehmen (jeweils -10 Prozent) – Gebiete in denen die Partei früher immer stark war. „Die Verluste in Neustadt und Silberhöhe sind Ausdruck der sozialen Krise und fehlender Antworten darauf“, sagt Linken-Co-Stadtvorsitzender Jan Rötzschke. Man sei dem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden, mit allen Menschen gemeinsam gegen soziale Ungerechtigkeit vorzugehen. Daran müsse man arbeiten. Mit 16,7 Prozent erreichte Die Linke ihr zweitbestes Ergebnis im Paulusviertel.

4. Die SPD punktet gegen den Trend

Ähnlich wie bei Linken und Grünen wohnen die meisten SPD-Wähler in den Gründerzeitvierteln rund um die Altstadt. Paulusviertel (14,8 Prozent) und Nördliche Innenstadt (14,3) gehören zu den klassischen SPD-Hochburgen. Im Vergleich zu Linken und Grünen hat die SPD jedoch fast überall Stimmen dazugewonnen. Fraktionsvorsitzender Eric Eigendorf erklärt das mit dem offenbar erfolgreichen Wahlkampf.

„Bezahlbare Mieten waren ein zentrales Thema unseres Wahlkampfes. Dieses Thema scheint angekommen zu sein.“ SPD-Erfolge, etwa auch in Stadtteilen wie Damaschkestraße, würden zeigen, dass sich Menschen mit normalem Einkommen besonders um steigende Mieten sorgen. Luft nach oben habe die SPD bereits seit vielen Jahren in den dörflichen Randlagen der Stadt, sagt Eigendorf. Mit nur 0,8 Prozent in Tornau oder 4,6 Prozent in Lettin sei man nicht zufrieden.

5. Grüne verlieren und gewinnen gleichzeitig

Trotz Verlusten in ausnahmslos allen Stadtvierteln schafften es die Grünen, in Giebichenstein (22,4 Prozent), Paulusviertel (19,9), Nördlicher Innenstadt (20,3), Altstadt und Saaleaue (20,6) stärkste Kraft zu werden. „Bei aller notwendigen kritischen Selbstreflexion“, sagt Grünen-Kreischefin Nicol Walldorf, „wer sich die Mühe gemacht hat, die Arbeit der letzten Stadtratsfraktion zu betrachten, konnte eine kontinuierlich engagierte, produktive und sachorientierte Grünenfraktion erkennen.“

Dass die Grünen dennoch Stimmen eingebüßt haben, liege laut Walldorf an der „bundespolitischen Diskussionslage“, in der die Grünen „mal berechtigt, mal unberechtigt“ in die Gesamtverantwortung genommen worden seien. Besonders schwach waren die Grünen in Neustadt (2 Prozent). Da müsse man sich fragen, ob die Partei genug wählerspezifische Angebote gemacht habe, sagt Walldorf.

6. Die FDP hat eine historische Hochburg

Dass die FDP bei der Wahl insgesamt fast 2 Prozent verloren hat, dafür macht Ex-Fraktionsvorsitzender Torsten Schaper die Bundespolitik verantwortlich. „Es war weniger eine Kommunalwahl, sondern gefühlt eine Bundestagswahl“, sagt er.

In einem Stadtviertel war die FDP aber stark, und zwar in einem für die Partei besonderen: in Reideburg (6,6 Prozent). Dort lagen die Liberalen sogar vor den Grünen. In Reideburg steht das Genscherhaus, in dem 1927 der ehemalige Deutsche FDP-Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher geboren wurde.

7. Licht und Schatten bei Hauptsache Halle

Das Wahlergebnis von „Hauptsache Halle“ hing ganz offenbar sehr stark von wenigen Kandidaten ab. Daraus macht Fraktionsvorsitzender Andreas Wels auch keinen Hehl. „Bekanntheit bringt Stimmen“, sagte er. Er alleine sammelte fast doppelt so viele Stimmen (3.132) wie die zweitbeste Hauptsache-Halle-Kandidatin, die Chorleiterin Sabine Bauer (1.712).

Dementsprechend gut schnitt die Wählergruppe in Dölau ab, Wels’ Heimatviertel (10 Prozent). Ebenfalls stark war Hauptsache Halle in Neustadt (10,1), wo Neustadtvereinsvorsitzender Andreas Schachtschneider und Mieterratschef Peter Scharz für Stimmen sorgten. Ganz anders sah das in der Altstadt (2,1) oder der südlichen Innenstadt (2,8) aus. „Im Innenstadtbereich fehlte uns möglicherweise das junge Gesicht“, sagt Wels.

8. Mitbürger und Die Partei sind konstant

Die Wählergruppe „Mitbürger für Halle“ (-0,4 Prozent) und die Satirepartei Die Partei (-0,1) blieben im Vergleich zu 2019 fast gleich. Offenbar haben beide viele Stammwähler in Halle, denn in fast allen Vierteln gab es keine großen Verschiebungen.

Mit 6,9 Prozent holten die Mitbürger ihr stärkstes Ergebnis im Paulusviertel, Die Partei mit 6,3 Prozent im Thaerviertel.

9. Kleine Parteien sorgen für Ausreißer

Mit 8,4 Prozent der Stimmen landete die junge Partei „Volt“ in Lettin auf Platz vier von zwölf vor etablierten Parteien wie Linken, Grünen, SPD oder FDP. Ohne Zweifel haben die beiden Brüder Ferdinand und Friedemann Raabe in Lettin viele Stimmen gezogen, sie stammen von dort.

Der Wohnort hat wohl auch gezogen bei den Freien Wählern, die in Bruckdorf ihr stärkstes Ergebnis einfahren konnten (4,4 Prozent), wo Kreisparteichef Falko Kadzimirsz wohnt.

Kurios: Die Partei „die Basis“ hat in der Saaleaue genau eine einzige Stimme bekommen. Stadtweit bekam sie 3.569, die meisten davon in der südlichen Innenstadt.