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«Unser Sport im Ort»

«Unser Sport im Ort»: Räder nicht mehr in Mode

Nachterstedt/MZ. - Das Kriterium in Nachterstedt war mit seinem 1,1 Kilometer langen Rundkurs seit Anfang der 50er Jahre eines der wichtigsten Radsport-Ereignisse im damaligen Bezirk Halle. "Gestartet wurde immer am Feuerwehrturm. Die Polizei hat sich jedes Jahr um die notwendigen Absperrungen gekümmert, Schlaglöcher auf der Straße wurden vor dem Rennen auf die Schnelle geflickt", erinnert sich Georg "Schorsch" Hohm an die Rennen, die jedes Jahr im Frühsommer Volksfestcharakter ...

Von Gottfried Schalow 03.11.2003, 19:56

Das Kriterium in Nachterstedt war mit seinem 1,1 Kilometer langen Rundkurs seit Anfang der 50er Jahre eines der wichtigsten Radsport-Ereignisse im damaligen Bezirk Halle. "Gestartet wurde immer am Feuerwehrturm. Die Polizei hat sich jedes Jahr um die notwendigen Absperrungen gekümmert, Schlaglöcher auf der Straße wurden vor dem Rennen auf die Schnelle geflickt", erinnert sich Georg "Schorsch" Hohm an die Rennen, die jedes Jahr im Frühsommer Volksfestcharakter trugen.

Das alles klingt nicht nur nach Vergangenheit, es sind tatsächlich nur noch schöne Erinnerungen, auch an stolze Erfolge von Fahrern der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Aktivist Nachterstedt in ihren ebenso schmucken wie auffälligen blau-rot-gelben Trikots. Die Kohnert-Brüder Klaus und Rainer, Bernd Hoffmeister, der es Ende der 70er Jahre bis in den DDR-Nationalkader der Junioren schaffte, Dieter Weidlich, der kurz nach der Wende Seniorenweltmeister in St. Johann im Tirol wurde, kennt auch heute noch am Harzrand jedes Kind.

Sie alle gingen durch die Schule von Georg Hohm, der beim Leichtmetallbau beschäftigt war und dort die für die DDR-Sportförderung typische Unterstützung für seine Zweitbeschäftigung als Radsport-Trainer bei der BSG Aktivist fand. In den Schulen suchte er schon bei den Zehnjährigen nach geeigneten Talenten. "Nachterstedt hatte damals so um die 3 000 Einwohner, nahezu die Hälfte arbeitete beim Leichtmetallbau. Dort schlug das Herz für den Radsport auch dann besonders laut, wenn es galt, bei der Lehrstellensuche zu helfen. Auch Freistellungen zu Sportveranstaltungen ließen sich immer irgendwie hinbekommen." Nach der Wende wurde der Leichtmetallbau von der kanadischen Unternehmensgruppe Alcan übernommen. Trotz einer immer stärkeren Nachfrage von Aluminiumteilen für die Autoindustrie sank die Zahl der Beschäftigten auf ein gutes Drittel. Derzeit sind es 549. Die Arbeitslosenquote stieg dramatisch. Nahezu 500 Einwohner kehrten Nachterstedt den Rücken.

An die über Jahrzehnte gewohnte Förderung des Radsports war nicht mehr zu denken. Die BSG Aktivist gibt es nicht mehr, der neu gegründete RSV Nachterstedt zählt jetzt ganze zwölf Mitglieder. Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Schließlich wurde auch das Vereinsheim ausgeräumt. "Als wir Fahrräder und Ersatzteile auf den Müll geschafft haben, standen mir die Tränen in den Augen", sagt Hohm. Und: "Die Jugend hat jetzt andere Freizeitinteressen als damals."

Der heute 59 Jahre alte Georg Hohm wurde 1992 arbeitslos und eröffnete zusammen mit seiner Frau Brigitte seinen Fahrrad-Shop, in dem die großen Zeiten des Radsports in Nachterstedt in vergilbten Bildern an der Wand weiterleben. Gleich daneben hängen großformatige Jan Ullrich-Poster und ein originales gelbes Trikot vom Tour de France-Sieg 1997. Hohms Fahrrad-Shop ist heute Anlaufpunkt für die Pedalritter von einst und deren Freunde. "Das Kriterium gibt's zwar nicht mehr, dafür treffen wir uns regelmäßig zu den vom Bund Deutscher Radfahrer organisierten Radtouristikfahrten", berichtet Georg Hohm. Und dabei lebt alljährlich ein Stück Radsporttradition auf, wenn es zur Selke-Eine-Tour geht. Hohm fuhr im vergangenen Jahr 3 820 Kilometer. "Vor zwei Jahren habe ich mir einen Lebenstraum erfüllt und bin den fast 290 Kilometer langen Klassiker Mailand - San Remo mitgefahren." Jetzt will Hohm noch auf der Tourstrecke nach Alpe d'Huez hinauf. "Aber im Sommer kann ich den Fahrrad-Shop nicht für ein paar Tage zumachen. Wenn ich Rentner bin, geht es garantiert dorthin", sagt Hohm, schaut auf das Ullrich-Poster und denkt an die besseren Radsportzeiten in Nachterstedt.