Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin: Das Zarenreich versinkt im Müll

Berlin/MZ. - Ein Moskauer Straßenjunge hat sich ins Theater verlaufen. Aus seinem Radiorecorder dröhnt ungeniert Rock-Musik. Später, in der schäbigen Kneipe an der litauischen Grenze, wird sie wieder aufgedreht zum großen Wodka-Besäufnis. Zuvor indes, noch am Tschudowkloster, räkelt sich der fremde Rotschopf nackt und stumm unter Birken im Schnee. Hernach, während das Volk bösen Blickes im Müll wühlt, mutiert er unversehens zu jenem Gottesnarr, der den Landesvater öffentlich des Kindsmordes beschuldigt. Der Abfall kam übrigens von ganz oben, aus dem gleichsam vergesellschafteten Schnürboden. Als er dann notdürftig beseitigt wird, gibt es spontanen Beifall für die Stadtwirtschaft. Am endlichen Ende aber geraten die neumodischen Arrangeure von Modest Mussorgskis "Boris Godunow" an der Komischen Oper in ein gewaltiges Buh-Gewitter: Ihr szenischer Müll lässt sich nicht mehr entsorgen. Und Berlins Musiktheater bezieht ein weiteres Missverständnis aus dem zweifelhaften Ehrgeiz, alte Stücke rigoros zu vergegenwärtigen. Obendrein von auffallenden handwerklichen Defiziten begleitet, ist in diesem Falle letztlich eine "Lesart" zu besichtigen, die mit der Erstfassung (1869) des zaristischen Historiendramas auch sich selbst denunziert. Anlässlich seiner jüngsten Strauss-Versuche, der "Ariadne auf Naxos" am selben Ort sowie des "Rosenkavaliers" in Dresden, hatte es Uwe Eric Laufenberg immerhin bei eher moderaten, obschon im Detail ebenfalls strittigen Verfremdungen belassen. Den "Godunow" aber aktualisiert er nun gnadenlos zum Gorbatschow oder Jelzin, um offenbar das gesamte, andauernde Leid der russischen Nation schultern zu wollen. "Gewisse Ähnlichkeiten", so der vom Schauspiel kommende Regisseur, seien durchaus beabsichtigt, weil schließlich kaum zu übersehen, wenn das Riesenland heute wieder im ökonomischen und sozialen Chaos zu versinken drohe. Doch vordergründige Analogien solcher Art sind mit Mussorgskis menschlich-musikalischer Psychologie über Schuld und Sühne nicht zu machen. Folglich wird die frühe Geschichte, Moskau um 1600, von akuter Gegenwart überholt - und zumindest hinsichtlich ihres historischen Horizonts verfehlt: Den Russen ist halt nicht zu helfen, scheint Laufenbergs bedenklich kurz gedachte Botschaft zu lauten. Diesen provozierenden Widerspruch in sich haben Christoph Schubiger (Bühne) und Jessica Karge (Kostüme) denn auch als ewiges Elend an der Moskwa bebildert. Auf dem Roten Platz, nun ein karges, ummauertes Rondell, wuseln Auf- und Abgestiegene in meist ärmlicher Fundus-Kleidung oder im exakten Funktionärs-Zweireiher wild durcheinander. Das massige Chor-Volk (Einstudierung: Peter Wodner) hat allemal Rampendienst. Polizei kennt kein Pardon. Die Duma-Sitzung der neuen Machthaber im Kreml beginnt zunächst mit einer katastrophalen Filmvorführung bis hin zu Tschernobyl und Tschetschenien. Ach ja, Zar Boris (Pavel Daniluk zur Premiere) ist jetzt Präsident von mafiösen Gnaden. Aber er kann weder deutsch noch überhaupt richtig gut singen, und sein altväterliches Pathos durchkreuzt vollends die schönen Pläne der Regie. Komik ergibt sich so unpassend wie unfreiwillig. Bleierne Langeweile, gegen die auch Gastdirigent Alexander Anissimov trotz dynamischer Akzente kaum etwas ausrichtet, resultiert aus szenischem Unvermögen und sängerischem Mittelmaß, wären da nicht wenigstens die weit herausragenden Altmeister Theo Adam (Pimen) sowie Günter Neumann (Schuiski). Und natürlich Martha Mödl, der es im 58. Bühnenjahr selbst bei geschonter Stimme gelingt, dem verkorksten Aufriss menschliche Tiefe und Wärme zu bescheren. In ihrem stillen Auftritt mit der jungen Mojca Erdmann als Zarentochter Xenia begegnen sich Sänger-Generationen - der einzige anrührende Moment dieser ansonsten verunglückten Inszenierung. Nächste Aufführungen: heute sowie 10. und 13

Von Matthias Frede 04.05.2001, 14:42

Ein Moskauer Straßenjunge hat sich ins Theater verlaufen. Aus seinem Radiorecorder dröhnt ungeniert Rock-Musik. Später, in der schäbigen Kneipe an der litauischen Grenze, wird sie wieder aufgedreht zum großen Wodka-Besäufnis. Zuvor indes, noch am Tschudowkloster, räkelt sich der fremde Rotschopf nackt und stumm unter Birken im Schnee. Hernach, während das Volk bösen Blickes im Müll wühlt, mutiert er unversehens zu jenem Gottesnarr, der den Landesvater öffentlich des Kindsmordes beschuldigt. Der Abfall kam übrigens von ganz oben, aus dem gleichsam vergesellschafteten Schnürboden. Als er dann notdürftig beseitigt wird, gibt es spontanen Beifall für die Stadtwirtschaft. Am endlichen Ende aber geraten die neumodischen Arrangeure von Modest Mussorgskis "Boris Godunow" an der Komischen Oper in ein gewaltiges Buh-Gewitter: Ihr szenischer Müll lässt sich nicht mehr entsorgen. Und Berlins Musiktheater bezieht ein weiteres Missverständnis aus dem zweifelhaften Ehrgeiz, alte Stücke rigoros zu vergegenwärtigen. Obendrein von auffallenden handwerklichen Defiziten begleitet, ist in diesem Falle letztlich eine "Lesart" zu besichtigen, die mit der Erstfassung (1869) des zaristischen Historiendramas auch sich selbst denunziert. Anlässlich seiner jüngsten Strauss-Versuche, der "Ariadne auf Naxos" am selben Ort sowie des "Rosenkavaliers" in Dresden, hatte es Uwe Eric Laufenberg immerhin bei eher moderaten, obschon im Detail ebenfalls strittigen Verfremdungen belassen. Den "Godunow" aber aktualisiert er nun gnadenlos zum Gorbatschow oder Jelzin, um offenbar das gesamte, andauernde Leid der russischen Nation schultern zu wollen. "Gewisse Ähnlichkeiten", so der vom Schauspiel kommende Regisseur, seien durchaus beabsichtigt, weil schließlich kaum zu übersehen, wenn das Riesenland heute wieder im ökonomischen und sozialen Chaos zu versinken drohe. Doch vordergründige Analogien solcher Art sind mit Mussorgskis menschlich-musikalischer Psychologie über Schuld und Sühne nicht zu machen. Folglich wird die frühe Geschichte, Moskau um 1600, von akuter Gegenwart überholt - und zumindest hinsichtlich ihres historischen Horizonts verfehlt: Den Russen ist halt nicht zu helfen, scheint Laufenbergs bedenklich kurz gedachte Botschaft zu lauten. Diesen provozierenden Widerspruch in sich haben Christoph Schubiger (Bühne) und Jessica Karge (Kostüme) denn auch als ewiges Elend an der Moskwa bebildert. Auf dem Roten Platz, nun ein karges, ummauertes Rondell, wuseln Auf- und Abgestiegene in meist ärmlicher Fundus-Kleidung oder im exakten Funktionärs-Zweireiher wild durcheinander. Das massige Chor-Volk (Einstudierung: Peter Wodner) hat allemal Rampendienst. Polizei kennt kein Pardon. Die Duma-Sitzung der neuen Machthaber im Kreml beginnt zunächst mit einer katastrophalen Filmvorführung bis hin zu Tschernobyl und Tschetschenien. Ach ja, Zar Boris (Pavel Daniluk zur Premiere) ist jetzt Präsident von mafiösen Gnaden. Aber er kann weder deutsch noch überhaupt richtig gut singen, und sein altväterliches Pathos durchkreuzt vollends die schönen Pläne der Regie. Komik ergibt sich so unpassend wie unfreiwillig. Bleierne Langeweile, gegen die auch Gastdirigent Alexander Anissimov trotz dynamischer Akzente kaum etwas ausrichtet, resultiert aus szenischem Unvermögen und sängerischem Mittelmaß, wären da nicht wenigstens die weit herausragenden Altmeister Theo Adam (Pimen) sowie Günter Neumann (Schuiski). Und natürlich Martha Mödl, der es im 58. Bühnenjahr selbst bei geschonter Stimme gelingt, dem verkorksten Aufriss menschliche Tiefe und Wärme zu bescheren. In ihrem stillen Auftritt mit der jungen Mojca Erdmann als Zarentochter Xenia begegnen sich Sänger-Generationen - der einzige anrührende Moment dieser ansonsten verunglückten Inszenierung. Nächste Aufführungen: heute sowie 10. und 13. Mai, 19 Uhr