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Winterspiele in Italien Olympia der weiten Wege: Ein „alternativloses Konzept“

Bei den Spielen von Paris können Fans und Athleten leicht von Wettkampfstätte zu Wettkampfstätte pilgern. In Italien ist es anders. Einige Athleten sind enttäuscht. Doch das Konzept hat Gründe.

Von Maximilian Wendl, Thomas Wolfer und Manuel Schwarz, dpa 05.02.2026, 10:05
Die Bobbahn in Cortina d'Ampezzo musste neu gebaut werden. (Archivbild)
Die Bobbahn in Cortina d'Ampezzo musste neu gebaut werden. (Archivbild) Andrew Medichini/AP/dpa

Cortina d'Ampezzo/Bormio - Zu Fuß in rund zehn Minuten vom 3x3-Basketball auf der Place de la Concorde zu den Fechtwettkämpfen im Grand Palais - die Sommerspiele in Paris waren ein Olympia der kurzen Wege. Von besucherfreundlichen Distanzen und unzähligen unvergesslichen Begegnungen wie in Paris kann bei den am Freitag beginnenden Winterspielen in Norditalien jedoch kaum die Rede sein. Es warten die geografisch am weitesten verteilten Winterspiele der Geschichte, mit teilweise mehrstündigen Fahrstrecken zwischen den Wettkampfstätten.

„Die Wege sind so weit, wie das auf den Karten immer zu sehen gewesen ist. Ich habe viele hundert Kilometer im Auto zurücklegen müssen, um jeden einzelnen Standort zu erreichen. Das ist eine Herausforderung auch für uns als Organisatoren“, sagte der deutsche Chef de Mission Olaf Tabor der Deutschen Presse-Agentur nach seiner Erkundungstour vor der Eröffnungsfeier. Er versicherte aber: „Die Bilder, die von den verschiedenen Standorten gesendet werden, die werden dafür entschädigen, dass man manchmal etwas länger unterwegs ist.“

Paris-Vergleich hinkt

Der Vergleich mit Paris hinkt in einem Punkt: Während Sommerspiele in einer Metropole stattfinden können, sind Winterspiele aufgrund der alpinen Topographie zwangsläufig auf mehrere Regionen verteilt. „Wenn wir in den Alpen sein wollen, können wir nicht alles haben“, sagte IOC-Olympiadirektor Christophe Dubi. „Alles ist so groß und komplex geworden, dass es in den Alpen keinen Ort mehr gibt, wo alle zusammen sein können. Das ist einfach nicht machbar.“ 

Bereits 2006 in Turin waren die Distanzen größer und zuletzt auch 2022 in Peking, wo die Skispringer fast 200 Kilometer vom Nationalstadion entfernt in Zhangjiakou stationiert waren.

Herausforderung für Ticketinhaber mehrerer Disziplinen

Mehr als 400 Kilometer liegen nun allein schon zwischen den beiden Hauptorten Mailand und Cortina d'Ampezzo. Fast vier Autostunden liegen zwischen Verona, wo die Schlussfeier stattfindet, und Livigno. Anders als in Paris ist es aus Sicht der Ticketinhaber beinahe unmöglich, mehrere Sportarten und Events zu besuchen. Das gilt auch für die Sportler, zumal nicht einmal die alpinen Skirennfahrerinnen und ihre männlichen Kollegen an einem Ort um Medaillen fahren: Bormio und Cortina d'Ampezzo liegen weit auseinander.

„Ja, das ist weit voneinander entfernt. Aber würden die Skifahrerinnen und Skifahrer andere Orte als Cortina oder Bormio wählen? Das sind die symbolträchtigsten Orte - ohne Zweifel“, sagte Dubi.

Biathletin Grotian: „Irgendwie kein richtiges olympisches Feeling“

Der deutsche Skirennfahrer Simon Jocher nimmt es gelassen. „Im Endeffekt sind wir keine Olympia-Touristen, die eine schöne Zeit haben sollten“, sagte er. Es sei aber auch „irgendwo schade“, ergänzte er mit Blick auf seine Partnerin Coletta Rydzek, die im Langlauf antritt. „Sie ist nicht in Reichweite, ihr kann ich jetzt nicht zuschauen. Aber es geht um die Leistung. Und vielleicht ist es sogar besser, den Fokus bei sich zu behalten.“

Bei anderen Sportlern ist mehr Unmut zu spüren, gelten die Olympischen Spiele doch auch als Ort besonderer Begegnungen im Olympischen Dorf. „Das ist auf jeden Fall schade“, sagte Biathletin Selina Grotian, die im Grunde einen verlängerten Weltcup in Antholz vor sich hat, der dpa. „Das ist für mich das größte Aber bei diesem Olympia. Obwohl es Olympia ist, ist es irgendwie kein richtiges olympisches Feeling.“ 

Insgesamt soll es sechs Olympische Dörfer geben. Das deutsche Biathlon-Team um Grotian ist wegen der Höhenanpassung jedoch direkt in der Nähe des Stadions untergebracht. 

Regionales Ereignis

Eine Idee der Veranstalter ist es, die Spiele als regionales Ereignis durchzuführen. Daher befinden sich die Wettkampfstätten in der Lombardei, in den Dolomiten und im Trentino. Das ist ein Vorteil aus Sicht der Tourismus-Branche, zudem sollen schönere Fernsehbilder entstehen.

„Ja, die Distanzen sind ein wenig weiter von Wettkampfort zu Wettkampfort. Aber alle sind vorbereitet“, sagte Präsidentin Kirsty Coventry vom Internationalen Olympischen Komitee. „Die Spiele werden an Weltklasse-Orten stattfinden, an den schönsten Orten in Italien. Ich denke, die Athleten werden eine fantastische Zeit haben.“

Ein weiterer Grund ist die Nutzung bereits bestehender Anlagen wie beispielsweise in Bormio, Antholz oder Val di Fiemme, wodurch Kosten gespart und die Umwelt geschont werden sollten. In Cortina ging dieser Plan nicht auf, die Bob- und Rodelbahn musste innerhalb kurzer Zeit neu gebaut werden und kostete laut Verkehrs- und Infrastrukturminister Matteo Salvini fast 125 Millionen Euro.

Dabei war zunächst von Spielen zum Nulltarif gesprochen worden. Davon kann Medienberichten zufolge inzwischen keine Rede mehr sein. Demnach sollen die Gesamtkosten mehr als fünf Milliarden Euro betragen.

„Gigantismus wollte niemand mehr“

Biathlon-Sportdirektor Felix Bitterling äußert dennoch Verständnis, indem er erklärte: „Es ist leicht gesagt und leicht kritisiert, dass man ein nachhaltiges Olympia-Konzept mit bestehenden Sportstätten will, und dann aber sagt, am besten sollen die noch alle nebeneinander sein. Wir wissen alle, dass es das nicht gibt, außer wenn alles neu aus dem Boden gestampft wird. Diesen großen Gigantismus wollte niemand mehr. Auf dem Weg, der beschritten wird, ist dieses Konzept alternativlos.“ 

Bitterlings These bestätigt sich bereits in der Vergabe der Spiele 2030: Auch dort werden die Wettkampfstätten in den französischen Alpen weit verstreut sein.