Neue Disziplin feiert Premiere in Tokio

Ist Boater Cross wirklich schon Olympia-tauglich?

Bei den Olympischen Spielen 2024 feiert mit Boater Cross eine neue Disziplin Premiere.

Von Olaf Wolf
Boater Cross ist bereits in drei Jahren eine olympische Disziplin.
Boater Cross ist bereits in drei Jahren eine olympische Disziplin. Foto: U. Büttner

Zeitz - Ein wenig verrückt muss man schon sein, wenn man Boater-Cross fährt. Die Sportart weckt schnell Assoziationen mit dem Snowbord-Rennen oder dem Keirin im Bahnradsport. Boater-Cross oder auch Extreme Canoe Slalom, so der offizielle Begriff im Kanusport, ist eine noch sehr junge Sportart. Vier Akteure stürzen sich gleichzeitig von einer etwa drei Meter hohen Rampe in den Wildwasserkanal, mit dem Ziel, als Erster und möglichst fehlerfrei die bis zu zehn Hindernisse zu umfahren.

Dabei ist die Kenter- oder Eskimorolle, die jeder Sportler und jede Sportlerin beherrschen muss, Teil eines jeden Laufes. Das Besondere ist zudem, dass Kontakt zum Gegner fast obligatorisch ist. Zwar müssen die Hände immer am Paddel bleiben, doch Schieben oder Abdrängen sind durchaus erlaubt. Nur der Angriff mit dem Paddel auf den Gegner ist strengstens verboten. Neben Kraft und Kondition sind also auch kluges taktisches Verhalten und Durchsetzungsvermögen gefragt.

Regeln für Boater Cross als olympische Disziplin nicht ausgereift

Die Augsburger Kanuten präsentierten im Jahr 2013 erstmalig bei einem „Boater Cross Open“-Wettbewerb die junge Sportart. Die Disziplin sprach sich schnell herum. Bereits drei Jahre später richtete der internationale Kanu-Verband (ICF) den ersten Weltcup aus. 2017 war Boater Cross bereits Bestandteil einer Kanuslalom-WM. Die Sportart gefiel auch dem Internationalen Olympischen Komitee so sehr, dass man sie in das olympische Programm aufnahm. Bereits in drei Jahren werden in Paris also die ersten Olympiamedaillen vergeben.

Und auch die deutschen Kanuten mischen bereits fleißig mit. Die Hanauerin Caroline Trompeter sicherte sich gleich bei der WM-Premiere den Titel. Hannes Aigner (Hanau), eigentlich im Einer-Kajak erfolgreich unterwegs, wurde an gleicher Stelle Fünfter. 2019 holte sich Stefan Hengst (Augsburg) WM-Gold in Prag.

Doch wie bekannt ist Boater Cross in unserer Region? Michael Trummer, Landestrainer Kanuslalom im sachsen-anhaltischen Verband und einst Cheftrainer des Deutschen Kanuverbandes (DKV), hat die Disziplin längst auf dem Schirm. „Wir beobachten die Entwicklung dieser noch jungen Sportart natürlich von Beginn an. Doch es gibt trotz allen Spektakels noch viele offene Fragen“, erklärt der Zeitzer. So sei man bei den Regeln „noch nicht am Ende der Diskussionen angekommen“, wie es Trummer bezeichnet. Und auch die Qualifikationskriterien sind alles andere als sportlich.

Kostenfaktor ist eine Kritikpunkt

„Du kannst zwar mit vier Booten pro Nation bei einer WM an den Start gehen, aber nach dem Einzelzeitfahren erhält jede Nation nur einen Startplatz im eigentlichen Kopf-an Kopfrennen. Somit ist im Finale dann nur ein Boot vertreten. Selbst wenn sich alle vier für den Finallauf qualifizieren würden, wären dann drei draußen. Je nach Anzahl der Nationen kann man einen weiteren Startplatz erhalten“, erläutert Michael Trummer.

Damit einher ginge aus Sicht des Verbandes dann auch die Kostenfrage. „Du finanzierst die Kosten für vier Boote, aber nur eines hat eine Medaillenchance“, stellt er sachlich fest. Deshalb sei die Besetzung der Rennen zur WM zunächst auch nur über die ohnehin am Wettkampfort anwesenden Slalomspezialisten geplant.

Neue Trendsportart des Boater Cross sei konditionell und taktisch sehr schwer zu händeln

Und auch sportlich sieht er Boater Cross noch nicht im leistungssportlichen Fahr- oder Wildwasser. „Boater Cross unterscheidet sich in vielen Dingen vom herkömmlichen Kanuslalom. Angefangen bei den Booten, hier wird nur mit einem Kajak gefahren, bis hin zur Anzahl der Hindernisse. Natürlich haben die Slalomleute bereits jetzt die Nase vorn. Doch ob es zu einer intensiveren Spezialisierung kommen wird, ist fraglich“, meint der Zeitzer.

Hinzu komme noch, dass die neue Trendsportart konditionell und taktisch sehr schwer zu händeln sei. Was eben am Boot liege und auch an der Auseinandersetzung mit dem sportlichen Gegner. „Man muss physisch stark sein und gleichzeitig technisch gut ausgebildet. Aber Sportler oder Sportlerinnen, die Slalom fahren, überlegen sich, ob sie sich der neuen Disziplin stellen. Das Verletzungsrisiko ist sehr hoch. Zudem gehört noch einmal eine gehörige Portion Mut dazu, die Anforderungen zu meistern“, so Michael Trummer.

Olympia-tauglich? - viel Skepsis gibt es also noch

Und noch etwas gehört dazu: Um Boater Cross national und international zu etablieren, bräuchte man eine entsprechende „Szene“ und Athleten, die sich den neuen Herausforderungen stellen. Aktuell ist es eher schwierig. „Nationale Wettkämpfe gibt es derzeit noch nicht. Auch die technischen Voraussetzungen und die geeigneten Wildwasserstrecken fehlen. Die notwendigen Startrampen haben unsere großen Wildwasserkanäle in Deutschland nicht. Die speziellen Boote müssen ebenfalls erst einmal angeschafft werden“, erklärt der 53-Jährige.

Viel Skepsis gibt es also noch. Michael Trummer weiß, dass die von ihm trainierten Kanuten in Sachsen-Anhalt wenige Ambitionen hegen, in diese neue Disziplin einzusteigen. „Klar ist sie spektakulär. Und sicher wollte der internationale Verband unseren Sport damit auffrischen. Aber es bleiben viele Fragen offen. Wir wissen nicht, wohin die Reise geht. Aber wir werden uns sicher neuen Entwicklungen nicht verschließen“, sagt der Landestrainer abschließend. (mz)