Spasski sagt Schach-Duell in Leipzig ab

Spasski sagt Schach-Duell in Leipzig ab: Kortschnoi tritt gegen Uhlmann an

Leipzig/MZ - Auf dem Schachtisch, der schon die Schacholympiade von 1960 erlebt haben soll, stehen die Flaggen der Schweiz und Deutschlands. Ein alter Mann im Rollstuhl erreicht die Bühne im großen Hörsaal der Leipziger Universität. Freitagnachmittag - 450 Zuschauer erwarten ihn: die Schachlegende Viktor Kortschnoi. Der 83-Jährige Russe aus der Schweiz , einst Vize-Weltmeister, einst der berühmteste Turnierspieler der Welt, wegen seiner aggressiven Spielweise "Viktor der Schreckliche" genannt - er will es noch einmal ...

Von Ralf Böhme

Auf dem Schachtisch, der schon die Schacholympiade von 1960 erlebt haben soll, stehen die Flaggen der Schweiz und Deutschlands. Ein alter Mann im Rollstuhl erreicht die Bühne im großen Hörsaal der Leipziger Universität. Freitagnachmittag - 450 Zuschauer erwarten ihn: die Schachlegende Viktor Kortschnoi. Der 83-Jährige Russe aus der Schweiz , einst Vize-Weltmeister, einst der berühmteste Turnierspieler der Welt, wegen seiner aggressiven Spielweise "Viktor der Schreckliche" genannt - er will es noch einmal wissen.

Eigentlich soll ihm am Brett mit dem königlichen Spiel Boris Spasski, sein ewiger Rivale um die Krone, gegenüber sitzen. Doch der 77-Jährige Russe, der Jahrzehnte in Paris lebt,  sagt kurzfristig ab. Die Folgen von zwei Schlaganfällen setzen ihm, dem Weltmeister von 1969, zu. Seine Ärzte in Moskau untersagen ihm in der Nacht vor dem Match den Auftritt, den der Wolfener Unternehmer und Schach-Mäzen Gerhard Köhler von langer Hand vorbereitet hat.

Um so wärmer ist der Empfang für Kortschnoi und den Mann, der für Spasski einspringt: Es ist nicht irgendjemand. Wolfgang Uhlmann, sächsisches Schach-Urgestein und Großmeister, die einstige Nummer eins des Ostens. Er ist 79 und wirkt unheimlich fit. Ob er Kortschnoi die Schau stiehlt? Im Hintergrund läuft ein Film über ein Schach-Projekt an mitteldeutschen Kindergärten. Das Ziel: Möglichst jedes Mädchen, jeder Junge sollen zumindest die Grundzüge des Spiels kennenlernen. 

"Eine einmalige Erinnerung."

Kortschnoi oder Uhlmann?  Darüber gehen die Meinungen im Publikum auseinander. Kortschnoi, der auch die Tricks des Show-Geschäfts nicht verlernt, unterbricht die erst einmal Begrüßungszeremonie. "Nicht so lange reden, keine Komplimente. Ich will spielen und gewinnen." Ob Prodekan der Universität oder Leipzig Sportbürgermeister, auf einmal fassen sich alle ganz kurz.  Autogrammjäger kommen auf ihre Kosten, zum Beispiel Richard, Konrad und Michael vom deutsch-französischen Kindergarten in Leipzig. Begleiterin Susanne Klotz: "Eine einmalige Erinnerung." Und Joey Deutsch aus Naumburg, der in Leipzig ein Mathematik-Studium absolviert, erwartet Anregungen für das eigene Spiel. Er sitzt für den Naumburger SV am Schachbrett.

In zwei Wochen geht es, erzählt er,  in der Verbandsliga Sachsen-Anhalts um den ersten Platz. Konkurrenten sind da Merseburger und Dessauer Spieler. Inzwischen eröffnet Kortschnoi mit den weißen Figuren völlig unspektakulär das Spiel. Es dauert fast eine halbe Stunde, bevor das gegenseitige Abtasten ein Ende nimmt und die ersten Bauern das Spiel verlassen. Kortschnoi gibt sich lange defensiv, doch plötzlich steht Uhlmann ohne Springer und Turm da. Was den Laien erschreckt, nimmt der deutsche  locker. Großmeister mit seiner typischen Zeigefinger-Drehung locker. Wenige Züge später ist Gleichstand auf dem Feld wieder hergestellt, wenn auch - so Schachfanatiker Gerhard Köhler - mit leichtem Stellungsvorteil für Kortschnoi. Für Bärbel und Hans Küchler aus Dessau ist es Denkvergnügen pur, den alten Meistern zuschauen zu dürfen. Beide spielen selbst gerne Schach, wenn auch nur für den "Heimgebrauch".

"Das Schachspiel nehme ich mit ins Grab."

Nach eineinhalb Stunden kommt plötzlich Bewegung in das Spiel, Kortschnoi lacht krächzend. Uhlmanns Reihen lichten sich zusehends. Kortschnoi gelingt es seinerseits einen Verlust geschickt auszugleichen. Dafür gibt es das erste anerkennendes Raunen aus dem Publikum, weitere folgen.  Den Akteuren am Brett scheint derlei Zuspruch jetzt völlig egal zu sein. Sie führen einen Kampf, den jeder für sich gewinnen will. Inzwischen , nach zwei Stunden, nimmt das Spiel gewaltig an Fahrt auf. Die Gegner bringen ihre Könige in Stellung und bieten einander Schach. Jetzt geht es ums Ganze. der schwarze Springer  auf  E2, der weiße König auf G6, der weiße Läufer  auf E 7 - zu spät, zu spät für Uhlmann. Kortschnoi triumphiert: Schach matt. Denn die Zeit arbeitet gegen die Giganten des 20. Jahrhunderts. Kortschnoi, der  nach seinen eigenen Worten keine Angst kennt, wiederholt auch in Leipzig seine Maxime: "Das Schachspiel nehme ich mit ins Grab." Wolfgang Uhlmann, kein Mann der großen Worte, nickt. Die Zuschauer jubeln.