„Kopflos” in der Krise

RB Leipzig zahlt die Zinsen für den Erfolg - „Kopflos” in der Krise

Mainz/Leipzig - RB Leipzigs Spieler standen mit ausdruckslosen Gesichtern vor den aufgebrachten Fans, die skandierten: „Wir woll’n euch kämpfen seh’n.” Nur Torhüter Peter Gulacsi und Stürmer Yussuf Poulsen gingen zum Zaun, um sich mit den enttäuschten Auswärtsfahrern zu ...

Von Ullrich Kroemer
RB-Trainer Ralph Hasenhüttl fasst sich nach der bitteren Pleite in Mainz an den Kopf. dpa

RB Leipzigs Spieler standen mit ausdruckslosen Gesichtern vor den aufgebrachten Fans, die skandierten: „Wir woll’n euch kämpfen seh’n.” Nur Torhüter Peter Gulacsi und Stürmer Yussuf Poulsen gingen zum Zaun, um sich mit den enttäuschten Auswärtsfahrern zu unterhalten.

Der Rest der Akteure trottete in die Kabine. Anders als gewohnt ohne Mannschaftskreis, in dem Trainer Ralph Hasenhüttl dem Team sonst immer ein paar direkte Erkenntnisse aus dem Spiel vermittelt. Doch nach dem 0:3 (0:1) in Mainz war Hasenhüttl maßlos enttäuscht direkt nach Abpfiff in die Stadionkatakomben geeilt, vorbei an Klubboss Oliver Mintzlaff. Ebenso wortlos.

RB Leipzig in der Krise: Der Überflieger taumelt

Das sind allesamt Symptome einer Krise bei RB Leipzig, wie sie junge Klub in dieser Form noch nicht erlebt hat. Nach 6:18 Toren in den vergangenen fünf Pflichtspielen taumelt der abgestürzte Überflieger Spiel für Spiel den nicht-europäischen Rängen entgegen. RB Leipzig verliert aktuell nicht nur Spiele; vielmehr sind die Art und Weise und die Höhe, wie die Matches verloren gehen jedes Mal aufs Neue ein mentaler Niederschlag für Rasenballsport.

Auf der Suche nach den Gründen flüchteten sich die Spieler wie Kapitän Willi Orban und Diego Demme ebenso wie Sportdirektor Ralf Rangnick in Durchhalteparolen. Doch durchaus berechtigte Schiedsrichter-Kritik und mangelnde Chancenverwertung sind keine Erklärungen dafür, weshalb RB in der zweiten Hälfte in Mainz keinen einzigen gefährlichen Torschuss mehr zustande brachte und in der Schlussphase abermals auseinanderfiel. Wie schon gegen Leverkusen, Marseille und Hoffenheim. Demme beschwor das fehlende Fortune mit einem unfreiwilligen Bonmot: „Wir haben im Moment nicht genug Glück, oder teilweise wirklich Pech.” Die große Ratlosigkeit.

Keeper Gulacsi – und nach dem ersten Frust auch Hasenhüttl – fassten noch die klarsten Gedanken. „Wir müssen einfach cleverer verteidigen, dass wir bis zum Ende das 0:1 halten und dann vielleicht den Ausgleich schießen”, forderte der Schlussmann. „Am Ende des Spiels haben wir die Wege nach hinten nicht mehr gemacht. Dass wir so viele Chancen zulassen, ist unglaublich.”

Weshalb das so ist, kann sich der Torhüter nur mit psychischer Müdigkeit erklären: „Vielleicht ist es mental schwer, dass wir jedes Mal aufs Neue ernüchtert sind und dem Rückstand nachlaufen müssen.” Dabei weiß auch Gulacsi: „In unserem zweiten Jahr in der Bundesliga haben wir eigentlich genug Erfahrung, um in solchen Spielen zu bestehen. Wir sind momentan einfach nicht in der Lage, die Spiele zu drehen und mental stabil zu bleiben.”

Hasenhüttl:  „Es funktioniert nur gemeinsam“

Trainer Hasenhüttl suchte die Schuld zwar zunächst bei Referee Bastian Dankert und dessen Fehlentscheidungen, versuchte aber auch, die Gründe für die Pleitenserie zu analysieren. Seine Erklärungsversuche: „Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir die Köpfe haben hängen lassen. Ich glaube auch nicht, dass es an der Einstellung liegt”, sagte der Coach. „Wir haben nach dem 0:1 einfach kopflos agiert, haben nicht mehr so nach vorn gespielt, wie wir es können. Wir reiben uns in Einzelaktionen auf, das funktioniert aber nicht. Es funktioniert nur gemeinsam. Dadurch haben wir dann nicht mehr die Möglichkeit zuzulegen.”

Der Österreicher fand auch ein passendes Bild für die Krise. „Es fühlt sich im Moment so an, als würden wir gerade die Zinsen für die vergangenen zwei Jahre zahlen, und das gleich richtig in den letzten zwei Wochen.” Heißt im Umkehrschluss: RB hat seit dem Aufstieg in die Bundesliga mental und körperlich mehr investiert, als eigentlich vorhanden war. Wie ein Bauherr, der sich bei einem Großprojekt verhoben hat und nun nach Rekordbauzeit feststellen muss, dass das Dach nicht mehr finanzierbar ist, weil die Schulden- und Zinsenlast zu groß ist.

Immerhin demonstrierten Spieler und Sportdirektor Einigkeit und stärkten dem angeschlagenen Hasenhüttl den Rücken. Hasenhüttl habe das Team gut eingestellt und motiviert, betonte Orban. Und Gulacsi sagte selbstkritisch: „An den Trainern liegt es nicht. Es liegt an uns Spielern, dass jeder einzelne Verantwortung übernimmt.” Und Rangnick fragte bissig: „Was hat der Trainer für einen Anteil an diesem Spielverlauf?”. Hasenhüttl könne „schlecht Freistoß statt Elfmeter pfeifen, und er kann die Bälle auch nicht selbst reinschießen. Hätte er vielleicht sogar geschafft heute.”

Sechs Ausfälle gegen Wolfsburg:  Tribut für kräftezehrende Saison

Zwar macht es derzeit den Anschein, als könne RB gegen jedes Team der Liga auseinanderbrechen, wenn mal zwei Chancen nicht genutzt werden. Doch die Hoffnung der Leipziger liegt auf dem letzten Heimspiel gegen Abstiegskandidat Wolfsburg. Da müsse „die Hütte brennen”, so Hasenhüttl. Und Rangnick forderte: „Wir haben im Gegensatz zu Wolfsburg ein positives Ziel. Bei uns geht es darum, etwas zu Erreichen und nicht darum, etwas zu vermeiden. Das muss sich auch im Auftritt der Mannschaft widerspiegeln.” Genau diesen Eindruck vermittelte das Team jedoch in den vergangenen Wochen nicht.

Erschwerend kommt hinzu, dass in Naby Keita, der in der Nachspielzeit Gelb-Rot kassierte, die nächste Stammkraft fehlt. Nicht nur, dass der Guineer seinen geplanten letzten Auftritt im heimischen Stadion vor seinem Wechsel zum FC Liverpool verpasst. Keita ist nach Emil Forsberg und Willi Orban (beide gesperrt) sowie Marcel Sabitzer, Marcel Halstenberg und Konrad Laimer (alle verletzt) bereits der sechste Stammspieler, auf den die Leipziger verzichten müssen. Auch das ein Tribut für die kräftezehrende Saison, an deren Ende Leipzig zwar nicht mehr konkurrenzfähig ist, die für RB aber dennoch bestenfalls in der Europa League endet. Im schlechtesten Falle – und der scheint aktuell gar nicht so unwahrscheinlich – kann der Vizemeister des Vorjahres noch bis auf Rang zehn abstürzen. (mz)